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Berlin/Dresden, 29.05.2014/hb – „Auch das noch,“ dürften die Mitglieder des Aufsichtsrates aufstöhnen, als die Korruptionsvorwürfe gegen Prof. Dr. Jochen Großmann, zuständig für die gesamte Planungskoordination des BER, aufkamen. Inzwischen fragen sich Beobachter, ob nicht wieder eine Kette „neuer Erkenntnisse“ folgt, wie dies seinerzeit nach der ersten Terminverschiebung für die Eröffnung des BER geschah. Inzwischen mag sich kein Manager oder Politiker auf einen verbindlichen Termin mehr festlegen.

Dabei hätte durchaus der Name des Honorarprofessors an der Cottbuser Universität und des in mehreren Bundesländern öffentlich anerkannten Sachverständigen in Verbindung mit dessen Studienweg die Verantwortlichen zu höchster Sorgfalt veranlassen müssen. Das hätte mögliche Spekulationen ausgeschlossen.

Studium in Moskau

Jochen Großmann (*1958) studierte zu DDR-Zeiten (1978-1982) neben Dresden auch in Moskau Maschinenbau, ein Name Jochen Großmann wurde an der TU Dresden unter „Auslandskader“ geführt (siehe „Findbuch zum Bestand Direktorat Kader und Qualifizierung“ unter 4537/06 „Arbeitsgruppe Auslandskader: Auslandskader“). Im Absolventenportrait der TU Dresden (Astrid Renger: Vielseitigkeit als Konzept) sind nur seine Studiengänge verzeichnet, nicht aber die Orte, z.B. Moskau. Und Großmann wird dort zitiert: „Ich wurde gefordert und gefördert. Ich wurde zu Tagungen ins In- und Ausland mitgenommen.“ All das hätte zumindest Anlass gegeben, vor einer so wichtigen Berufung Fragen zu stellen. Dass Fragestellungen in der angesprochenen Richtung 25 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht mehr opportun sind, weiß heute nahezu Jedermann/frau in Deutschland (Endlich Schluss mit der DDR-Vergangenheit!). Trotzdem: Nach den vielen skandalösen Vorgängen um den BER, der Deutschland längst international zum Gespött macht, wäre allein aus diesem Grund eine besondere Sorgfalt nicht nur angemessen, sondern für die Verantwortlichen Pflicht gewesen.

Wurde die BStU eingeschaltet?

Aber – und das wäre ein wirklicher Lichtblick – vielleicht hat man das ja alles gründlich gescheckt und – unter möglicher Einschaltung der BStU – geprüft. Dem BER, Hartmut Mehdorn und dem Aufsichtsrat, wäre das zu wünschen. Ein Versinken im Vergangenheits-Sumpf wäre das Letzte, was dieser Skandal-Bau gebrauchen könnte.

Wir freuen uns auf das Dementi von höchster Stelle, dass keine wie immer gearteten Verbindungen zu umstrittenen Personen und/oder Institutionen der einstigen DDR bestanden und es sich allenfalls um nicht haltbare Spekulationen handelt. Wenigstens in diesem Fall könnte sich ein (weiterer) aufkommender Nebel schnellstens verflüchtigen. Das wäre gut so.

Siehe dazu: BILD 3.06.2014http://www.bild.de/regional/dresden/flughafen-berlin-brandenburg-international/der-windige-professor-vom-grossen-garten-36231486.bild.html

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Arnstadt, 24.05.2014/cw – Andreas Möller, nicht unbekannter Bürger von Arnstadt, wandte sich in einem eigens gefassten Flugblatt an die Wähler seiner Stadt. Grund: Am Sonntag, 25.Mai, sind in Thüringen – neben der Europa-Wahl – auch Kommunalwahlen. Auf der Liste der Partei DIE LINKE kandidiert Frank Kuschel, einstiger IM der Stasi. Kuschel kandidiert auch für die Position als Bürgermeister. Dagegen wendet sich der engagierte Möller, nach der Wende Chefreporter der BILD-Thüringen.
Möller, der kürzlich im großen Freundeskreis seinen 70. Geburtstag feierte, gehört keineswegs zu den ideologisch begründeten „LINKE-Fressern“. Er kann im Gegenteil vielen Positionen durchaus zustimmen; zu seinen Freunden gehört auch der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Bodo Ramelow. Aber wie Ramelow steht er zu seinen Überzeugungen, lässt sich durch ideologische Vorgaben nicht von eigenen Überzeugungen abbringen. Schon die Kandidatur des einstigen IM der Stasi hält Möller für eine schweren Affront. Der eigene Großvater, einst angesehener Bürger der Stadt, wurde einst von der Stasi verhaftet und starb an den Folgen der zudiktierten Haft. Die sei nur ein Beispiel für die Verbrechen der Stasi: „Ohne Leute wie Kuschel hätte die Staatssicherheit niemals so viele Menschen zersetzen, ins Unglück stürzen, vernichten können.“

Nachfolgend drucken wir hier den Inhalt des sehr persönlichen Flugblattes ab, ein weiteres Zeugnis für Zivilcourage.

Redaktion Hoheneck

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Der größte Lump im ganzen Land,
das ist und bleibt der Denunziant
August H. Hoffmann von Fallersleben –
deutscher Freiheitsdichter (1798-1874)

Liebe Leserin, lieber Leser,

hiermit bitte ich Sie höflich, Frank Kuschel nicht zum Bürgermeister zu wählen.

Ich wende mich dabei keineswegs gegen die Linke als Partei oder als Idee. Aber ihr jetziger Kandidat war bis zum Ende der DDR ein besonders eifriger Spitzel, den die Staatssicherheit bezahlte und belobigte, weil er bereit war, „Personen vorbehaltlos zu belasten“.
So kann man es in der Akte von „IM Fritz Kaiser“ lesen. Denn das war Kuschels Stasi-Deckname.

Kuschel-Kaiser leugnet seine Stasi-Kontakte nicht. Das ist immerhin ein Anfang. Aber Einsicht, Reue, Schamgefühl sind ihm eher fremd. Sonst würde er nämlich nicht kandidieren.

Honecker, Mielke & Co. haben die Drecksarbeit nicht selbst gemacht.
Ohne Leute wie Kuschel hätte die Staatssicherheit niemals so viele Menschen zersetzen, ins Unglück stürzen, vernichten können.

In diesem Zusammenhang schildere ich zum Beispiel das Schicksal meiner Familie: Großvater Julius Heinz kam nach dem Studium in unsere Stadt. Der Sohn eines armen Dorflehrers wurde durch Fleiß, Talent und Bescheidenheit zum erfolgreichen Anwalt und angesehenen Bürger – bis die Stasi ihn 1952 als 77 Jahre alten Mann grundlos verhaftete und wie ein Tier in Fesseln durch Arnstadt führte.

Er starb 1953 an den Folgen der Gefangenschaft. Sein Vermögen wurde vom Staat gestohlen. Zehn Jahre später war auch ich ein politischer Gefangener – fast zwei Jahre lang, in den Haftanstalten Potsdam, Hohenschönhausen, Liebschwitz und Waldheim.

Ich will keine Rache. Doch solange Kuschel seine Schuld nicht ebenso „vorbehaltlos“ bekennt, wie er Mitbürger denunzierte, kann er nicht unser Bürgermeister sein. Gerade hier, wo 1989 Thüringens friedliche Revolution begann. Auch kein Unrecht der Wende, keine Enttäuschung über den grauen Alltag der Demokratie darf uns dazu verleiten, einen Mann zu wählen, der Menschen bekämpfte, die nur legal ausreisen wollten – oder zum Neuen Forum gehörten, ohne dessen Mut wir heute vielleicht nicht einmal das Recht zur freien Wahl des Bürgermeisters hätten.

Andreas.Moeller@gmx.eu

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Quelle: Flucht und Ausreise
http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3925240&pg=1

Todesanzeige 17.Juni_NEW

Berlin/Jüdenberg, 22.05.2014/cw – Mit Bestürzung hat die Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin den Tod ihres Mitgliedes Dr. Walter Schöbe zur Kenntnis genommen. Der einstige „Kämpfer für die Einheit und Freiheit Deutschlands“ starb am 17.05.2014. Zwei Monate zuvor, am 18.März, hatte er noch seinen 85. Geburtstag begehen können.

Die Vereinigung trauert um den „Nestor der einstigen und noch lebenden Teilnehmer des ersten Volksaufstandes im Nachkriegseuropa. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Ursula, die selbst im DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck Verfolgung, Verurteilung und folgender Haft geteilt und mitgetragen hat.

Walter Schöbe im Gespräch mit dem vorher. Innenminister Hans-Peter Friedrich 2011 auf dem Friedhof Seestraße - Foto: RGG

Walter Schöbe im Gespräch mit dem vorher. Innenminister Hans-Peter Friedrich 2011 auf dem Friedhof Seestraße –
Foto: RGG

Der am 18. März 1929 als Sohn eines Landwirtes bei Halle studierte zunächst Tiermedizin in Leipzig und später Humanmedizin in Tübingen. Bereits seit ihrer Gründung 1948 unterstützte er aktiv die von Rainer Hildebrandt gegründete Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) und wirkte folgerichtig am Volksaufstand in Leipzig mit. Schöbe wurde mit seiner Frau verhaftet und zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Sieben Jahre mußte er davon verbüßen.

In unzähligen Interviews, zuletzt 2013 für die Gedenkbibliothek
http://gedenkbibliothek.de/download/Walter_Sch_be_Zeitzeugeninterview_zum_17._Juni_1953.pdf schilderte Schöbe seine Motive. Nach den Grauen der NS-Diktatur habe er sich verpflichtet gefühlt, gegen die neuerliche Diktatur aufzustehen. Man habe den Menschen in der NS-Zeit immer vorgeworfen, dass sie dem Unrecht gegenüber geschwiegen hätten. Das sollte sich nicht wiederholen. Für ihn, Schöbe, seien die Vorbilder Graf Schenk von Stauffenberg, die Geschwister Scholl und all die anderen mutigen Widerständler aus dieser Zeit Motivation und Auftrag gewesen. Schöbe weigerte sich zeitlebens, von der „DDR“ zu sprechen. Für ihn blieb dieses geschichtliche Konstrukt immer die „Sowjetisch besetzte Zone,“ weil den Menschen in dieser Besatzungszone „konsequent und unter Anwendung brutalster Gewalt bis zum Ende die Selbstbestimmung und die Ausübung der Menschenrechte verweigert wurden.“

Auf einer Veranstaltung der AG 13.August auf dem jetzigen  "Platz des Volksaufstandes von 1953" vor dem BFM:

Auf einer Veranstaltung der AG 13.August auf dem jetzigen „Platz des Volksaufstandes von 1953“ vor dem BFM mit den zwztl. ebenfalls verstorbenen Kameraden Werner Herbig, Herbert Buley, Walter Schöbe (1.Reihe v.li). Foto: LyrAg

Der Hass der „Ewiggestrigen“ galt bis zuletzt besonders Walter Schöbe. Auf der Seite „mfs-insider“ sind bis heute diese Tiraden nachzulesen. Nicht zuletzt aus diesem Grund befürchtete Schöbe bis zuletzt „den langen Arm“ seiner lebenslangen Gegner und verhinderte daher, soweit es in seiner Macht stand, die Veröffentlichung aktueller Fotos. Den Eindruck eines permanent Getriebenen wies er dennoch zurück: „Mich treibt einzig der Wille zur Verteidigung der Freiheit. Und da diese Freiheit nach wie vor ihre unbelehrbaren Feinde hat, gilt es, vorsichtig zu sein und diesen keine Gelegenheit einzuräumen, ihr schmutziges Handwerk im Nachhinein doch noch zu vollenden.“

Der Verstorbene hielt sich dennoch weitgehendst im Hintergrund und fern von den von ihm stets bedauerten Auseinandersetzungen in der Szene der Verfolgtenverbände. Dagegen blieb er stets ansprechbar, wenn es um die finanzielle Unterstützung von ideellen Vorhaben ging, um die „herausragende Geschichte des Widerstandes“ nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Viele Gruppierungen und Verbände verdanken ihm so die punktuelle Unterstützung, wie zum Beispiel die Übernahme der Unkosten für die Demo der Verfolgtenverbände gegen die Ministerrente 2007 vor dem Bundesrat, die die Vereinigung 17. Juni vorbereitet hatte.

Am späteren "Tag der Deutsche Einheit", 3.10.1953, Bericht über Urteil gegen Schöbe u.a.

Historischer Zufall: Am späteren „Tag der Deutschen Einheit“, 3.10.1953, Bericht über Urteil gegen Schöbe u.a.

Sein großer Wunsch, auf dem Leipziger Platz ein Denkmal an den Volksaufstand in Form eines „unbehauenen Felsblocks“ stiften zu können, scheiterte zu Lebzeiten an den bürokratischen Vorbehalten der Verwaltungen.

Es wäre zu wünschen, diesem aufrechten Freiheitskämpfer und überzeugten Demokraten auf eben diesem Leipziger Platz ein würdiges Denkmal zu widmen.

Die Urnenbeisetzung findet auf ausdrücklichen Wunsch der Familie in deren Familiengrab in Sachsen-Anhalt statt.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17.Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030 -30207785

 

Köln/München, 21.05.2014/cw – Nach einer kurzfristigen Unterbrechung, die einem absurd wirkenden Rechtsstreit zu verdanken war, ist das letzte Buch von Ellen Thiemann „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ wieder im Buchhandel erhältlich. Gegen die Erstausgabe des auf der Leipziger Buchmesse 2013 vorgestellten wichtigen Enthüllungsbuches der bekannten Journalistin und Autorin aus Köln hatte die ehemalige Hoheneckerin Dagmar J. geklagt (siehe Interview mit der Münchner Verlegerin und der Autorin im Hohenecker Boten
https://17juni1953.wordpress.com/2014/03/15/ellen-thiemann-gericht-verbietet-buch-auslieferung/ ). Da der Verlag (HERBIG) und Ellen Thiemann nicht mit einer nachträglichen Schwärzung des Namens einverstanden waren, blieb als Alternative nur, die vier Seiten aus dem Buch zu entfernen und durch einen anderen Beitrag zu ersetzen.

Neu: Arbeit verweigert, in Wasserzelle gesperrt

Der Verlag hat den Beitrag über Dagmar J. (Seiten 210 – 214) gegen die berührende Geschichte eines Ehepaares unter der Zwischenüberschrift „Sylvia Heinrich: Arbeit verweigert, in Wasserzelle gesperrt“ ausgetauscht. Sylvia Oschem und Volker Heinrich waren unabhängig voneinander wegen Republikflucht 1974 bzw. 1975 im Kofferraum an der Grenze nach West-Berlin verhaftet worden. Da kannten sie sich noch nicht. Während die technische Zeichnerin Sylvia im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck landete, kam der Berliner Langstreckenläufer Volker nach Cottbus.

Neu aufgelegt, ab sofort im Buchhandel

Neu aufgelegt, ab sofort im Buchhandel

Im April 1976 begegneten sich die beiden erstmalig im Freikaufbus, der politische Häftlinge aus der Abschiebehaft in Karl-Marx-Stadt gen Westen brachte. Im Aufnahmelager Gießen und danach in Berlin-Marienfelde wurden erste Kontakte geknüpft. Später trafen sie sich wieder – und aus Sympathie wurde Liebe. 1982 heirateten sie in Mainz, bauten ein Haus auf dem Land. Im Jahr 2005 gingen sie in Sylvias alte Heimat zurück und leben heute in Thüringen.

Während Sylvia wie fast alle ehemaligen Hoheneckerinnen mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen hat, leidet Volker an Leberzirrhose. Seit nunmehr 18 Jahren, in denen er sich zahlreichen Operationen unterziehen musste, wartet der ehemalige Spitzensportler auf ein Spenderorgan. Ob sein Gesundheitszustand eine Folge des staatlich verordneten Dopings in der DDR ist oder eine andere Ursache hat, vermag er nicht einzuschätzen. „Leider sind alle mich betreffenden Unterlagen aus der DHFK Leipzig und anderen Sportschulen, die ich besucht hatte, vernichtet worden.“

Fehlurteil und Prozessbetrug?

Der Autorin ist es gelungen, auf den vier neuen Seiten die Fluchtgeschichte zweier Menschen zu dokumentieren, die auch wegen ihres ungewöhnlichen Ausgangs zu Herzen geht. Zweifellos ein Gewinn für die Dokumentation. Wie aber hat die seit Jahrzehnten für Hoheneck engagierte Autorin die unerwartete Klage einer ehemaligen Hoheneckerin überstanden? „Das war eine große persönliche Enttäuschung, die ich da bewältigen musste,“ erklärt Ellen Thiemann. „Das heißt nicht, dass ich diese unwürdige Inszenierung ad acta lege oder vergessen werde. Es gibt immer die Möglichkeit, Gemeinheiten, Beleidigungen und Ungerechtigkeiten offenzulegen.“

Wie erklärt sich Ellen Thiemann, das dem Richter der vorgetäuschte „Autorisierungsvorbehalt“ sowie das angebliche „Berufsverbot“ der Klägerin neben anderen zahlreichen unwahren Angaben, nicht aufgefallen sind? Ein Fehlurteil oder Prozessbetrug? Thiemann: „Juristen beurteilen Fakten und Beweise bezüglich der Wahrheit offenbar anders als Journalisten. Der Verlag und ich hatten mit einer eindeutigen Klageabweisung gerechnet. Der wirtschaftliche Schaden für den Verlag ist hoch. Dass diese Person in meinem Buch nicht mehr vorkommt und durch zwei berührende Schicksale ersetzt werden konnte, ist unter diesen Umständen allerdings eine Bereicherung.“

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

Hoheneck/Berlin, 19.05.2014/cw – Der erst 2008 gegründete „Vergangenheitsverlag“ in Berlin versteht sich als „Publikumsverlag für historische Sachliteratur,“ so der Verlag in seiner Selbstvorstellung. „Wir verstehen Geschichte als wichtigen Identitätsfaktor, Reflexionsebene und aufklärerischen Impuls. Die Geschichte, die wir präsentieren wollen, soll dabei eine Relevanz für jeden Menschen haben, sie soll auch unseren Alltag und uns selbst zum Thema machen.“ Und: „Das Ziel ist die Pflege einer aufgeklärten, demokratischen und offenen Geschichtskultur.“

Dies sei vorausgeschickt, um sich dem neuesten Produkt des kleinen, aber anspruchsvollen Verlages zu nähern. Am morgigen Dienstag, 20.Mai, gelangt der Bildband „Hoheneck – Das DDR-Frauenzuchthaus“ in den Buchhandel. Die bekannte Berliner Fotografin Rengha Rodewill stellt in über 200 schwarz-weiß-Fotos die Burg in Stollberg vor, von dem es in der Einführung heißt, daß es Orte gibt, „die zum Begriff geworden sind, die für Schrecken, Grauen und unbeschreibliches menschliches Leid stehen.“

Bedrückender Blick in eine der fürchterlichsten Haftanstalten

Rodewill lässt den Betrachter behutsam von Außen in die Innenwelt eines der fürchterlichsten Haftanstalten der zweiten Diktatur eintauchen. Von dem dominant und historisch wirkenden Gesamtblick führt sie in die immer düsterer wirkenden Innereien der Anstalt. Allein die vielfachen Sichten auf Details des Eingangsbereichs komponieren ohne Worte die Barrikaden, die ein Entrinnen, falls es jemals in die Vorstellungskraft gelangte, als unmöglich erscheinen lassen. Die sachlich abgebildeten Propagandalügen und Kappen der Macht (Mützen der Wärter) mit dem hinter einer uniformierten Puppe hervorgrinsenden verantwortlichen „Ersten Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik“, wie das langatmig und ermüdend jeder Nachricht von und über Erich Honecker vorausgestellt wurde, lassen den einstigen Spuk so erscheinen, wie es Verena Ersfeld ihrer Hohenecker Kurzbiografie vorausstellt: „Tolle DDR-Tugenden? Was ist das für ein Mist?“ (Seite 26).

Eindrucksvoll: Fotoband über Hoheneck, ab 20.05.2014 im  Handel

Eindrucksvoll: Fotoband über Hoheneck, ab 20.05.2014 im Handel

Anita Goßler 2011 mit Christian Wulff vor der Wasserzelle in Hoheneck:  Nicht in der Wasserzelle gewesen  - Foto LyrAg

Anita Goßler (re.) 2011 mit Christian Wulff vor der Wasserzelle in Hoheneck: Nicht in dieser Wasserzelle gewesen – Foto LyrAg

Überhaupt ist die wohlüberlegte Einstreuung von Berichten ehemaliger Frauen von Hoheneck in die zahlreichen, oft überwältigenden Fotos eine begrüßenswerte Variante, die nicht zuletzt dadurch „den Alltag (und die Frauen von Hoheneck) selbst zum Thema machen.“ Neben Ersfeld kommen Konstanze Helber: „Unglauben im Westen“ (S.68), Julia Klötzner: „Wir wurden wie Abschaum behandelt“ (S.98), Heidrun Breuer: „Ich hatte vor Ekel eine Gänsehaut von oben bis unten“ (S.156), Petra Schulz: „Ich war trotzig, man konnte mich nicht brechen“ (S.186), Anita Goßler: „Der Körper funktioniert einfach weiter“ (S.208), Sylvia Öhlenschläger: “Man musste jede Scham ablegen“ (S.234) und Elke Scheffer: „Frauen sind untereinander grausamer“ (S.280) zu Wort. Dass die zitierten Frauen nur im Wort „sichtbar“ werden, mag der bildlichen Konzentration auf die düstere Einrichtung über der Großen Kreisstadt Stollberg geschuldet sein

Bedauerlich: Aufgewärmte und längst widerlegte Lügen

Womit ich bei aller Hochachtung und Akzeptanz ein Ärgernis ansprechen muss, das geeignet ist, das ganze und lobenswerte Vorhaben in einen ärgerlichen Misskredit zu bringen. Der bebra-Verlag, ebenfalls Berlin, hatte bereits bei der 2012 erfolgten Vorlage des ebenso beachtlichen Bandes „Der Dunkle Ort“, der die Portraits ehemaliger Hohenecker Frauen in den Mittelpunkt stellte, auch Anita Goßler vorgestellt bzw. portraitiert. Zu dieser Zeit konnte der Verlag (und die Frauen von Hoheneck) nicht wissen, welche Lügen die kurzfristige Vorsitzende des Frauenkreises in die Welt setzte. Diese Lügen wurden ausgebaut und ergänzt durch ein Buch der einstigen Gauck-Freundin, Autorin und Redenschreiberin in Bellevue, Helga Hirsch („Endlich wieder leben“, Siedler 2012), in dem Goßler berichtete, der Vater ihres im Haftkrankenhaus Meusdorf geborenen Kindes sei in Bautzen gestorben und die Urne an der Ostsee beigesetzt worden.

Diese schreckliche Nachricht sei ihr in Hoheneck von einer von Bautzen nach Hoheneck verlegten Insassin übermittelt worden. Recherchen in den Archiven ergaben nachweisbar eine andere Realität. So verzehrt der zusammen mit Goßler verurteilte und angeblich in Bautzen verstorbene Kindsvater in Nordrhein-Westfalen seine Rente (2013). Auch die Mär von der Stasi-Haft konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden. Goßler war nach Aktenlage im Polizeigewahrsam in Delitzsch und verschiedenen Haftkrankenhäusern, hingegen auschließlich zur Gerichtsverhandlung im Mai 1953 in Leipzig. Ebenso wenig stimmt die Story von den Wasserzellen-Aufenthalten in Leipzig und Hoheneck. Während Goßler noch 2011 dem Bundespräsidenten Christian Wulff gegenüber in Hoheneck bekundete, sie sei zwar „in Leipzig, aber nicht in Hoheneck“ in der Wasserzelle gewesen, wärmt sie diese Lüge in dem vorgelegten Fotoband wieder auf: „Sie berichtet, dass sie in die sogenannte Wasserzelle kam, dass der Vernehmer ihr durch Schläge das Knie brach (neu!) und das ein Bewacher ihr eine (neu!) lebensgefährliche Kopfverletzung beibrachte,“ schreibt die Interviewerin Rita von Wangenheim.

Neben der bis heute nicht nachgewiesenen Wasserzelle in Leipzig will Goßler nun wieder auch in Hoheneck „als Strafe … in die Wasserzelle gesperrt“ worden sein.
Diese und andere Lügen sind auch deshalb ärgerlich, weil von Wangenheim diese Interviews laut Klappentext bereits 2012 geführt haben will und somit der Verlag bis zur Drucklegung genügend Zeit gehabt hätte, den öffentlichen Aufruhr um Anita Goßler und ihre falschen Legenden gerade unter den Hohenecker Frauen zu bemerken und zumindest zu hinterfragen. Diese vermeidbare Oberflächlichkeit trübt das Gesamtwerk nicht unerheblich, auch wenn der Verlag darauf hoffen darf, das die meisten seiner Leser den Hintergrund in Sachen „Märchen“ mangels Kenntnis nicht als solche bemerken. Für einen ausgewiesenen „Publikumsverlag für historische Sachliteratur“ sicherlich ein vermeidbar gewesenes, weil im Kontrast zum Auftrag stehendes Ärgernis.

Waren kriminelle Gefangene „schlechtere“ Gefangene?

Fraglich auch, aber eine Sache der Betrachtungsweise, einige Formulierungen von Katrin Göring-Eckardt, der Fraktionsvorsitzenden von Bündnis90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag, die das im Übrigen sensible Vorwort geschrieben hat: „Wenn man eines an diesem beeindruckenden Buch vermisst, dann sind es O-Töne der „normalen“ Kriminellen, die mit im Frauenzuchthaus Hoheneck einsaßen. Nachträglich wird durch ihr Fehlen der Eindruck erweckt, sie seien die „schlechteren“ Gefangenen gewesen.“ Hier stand wohl mehr die Kirchenfrau im Vordergrund, als politischer Sachverstand. Denn beim Thema Hoheneck geht es primär um die Frauen, die aus rein politischen, also rechtsstaatlich nicht zu vertretenden Gründen, von der zweiten Diktatur verfolgt und inhaftiert wurden. Kriminelle gab und gibt es zu allen Zeiten und sie werden auch im Rechtsstaat rechtmäßig abgeurteilt. Die seelsorgerische Zuwendung auch für diese Frauen durch die Kirche ist davon unbenommen, hat aber ansonsten in diesem Zusammenhang wenig Substanz.

Auch die Feststellung von Göring-Eckardt, „Die Gefangenen von Hoheneck, über die wir in diesem Buch eindringliche Portraits lesen können, wollten nichts anderes als frei sein. Allein der Plan, die DDR zu verlassen, reichte aus, um inhaftiert zu werden,“ hätte ein Lektor bei allem Respekt vor der engagierten Politikerin so nicht durchgehen lassen sollen. Zum Beispiel saß Anita Goßler nicht ein, weil sie frei sein wollte. Sie war im Gegenteil bereits zuvor ein Jahr im Westen gewesen und freiwillig in die DDR zurückgekehrt. Der Pflege einer Geschichtskultur entsprechen derart leichtfertige Äußerungen, pauschal auf alle politisch Verfolgten von Hoheneck ausgedehnt, nicht.

Trotz dieser Einschränkungen: In dieser Konzentration einmalig intensives Bildmaterial über Hoheneck im Erzgebirge, zumindest insoweit sehr empfehlenswert.

Carl-Wolfgang Holzapfel

Ab 20.05.2014 im Buchhandel, 22,90 Euro, Format: 21 x 24,5 cm, Hardcover, 295 Seiten (davon Text: ca.33 Seiten) – ISBN: 978-3-86408-162-0

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck, Berlin, Tel.: 030-30207785

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