Von Alexander Grow*

Berlin, 20.01.2014/cw – Der Autor hatte seinen Beitrag im Juli 2013 an das Mitteilungsblatt der UOKG, den Stacheldraht gesandt, in dem Sibylle Krägel Ellen Thiemanns neuestes Buch „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ vorgestellt hatte (4/2013, S.17). Da sich der Stacheldraht redaktionell bisher nicht in der Lage sah, den kritischen Beitrag zu veröffentlichen, hat der Autor uns seinen Beitrag zur Veröffentlichung überlassen.             Die Redaktion.

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Sybille Krägels Buchvorstellung von Ellen Thiemann neuestem Werk „Wo sind die Toten von Hoheneck?“ wird leider weder der Autorin noch den mit dem Buch verbundenen Intentionen gerecht.

Allein die schon im  Detail enthaltenen sachlichen, begrifflichen und zitiertechnischen  Fehler wirken störend. Sonderbar mutet dann v.a. der Vorwurf an Ellen Thiemann an, sie habe es versäumt, auf das Schicksal der SMTlerinnen im Allgemeinen und auf dasjenige von Edeltraut Eckert im Besonderen hinzuweisen.

Das Versäumnis liegt m.E. eher auf Seiten der Verfasserin der Buchvorstellung: Sehr wohl bezieht Ellen Thiemann das Schicksal aller politisch Verfolgten und auf Hoheneck gequälten Frauen mit ein. Es geht der Autorin Ellen Thiemann jedoch nicht, wie man langen Passagen des Beitrags von Sybille Krägel entnehmen könnte, um die allgemeine Beschreibung der bekanntermaßen grauenhaften Haftverhältnisse im Zuchthaus Hoheneck – dem mit der Thematik Vertrauten ist bekannt, dass Ellen Thiemann dazu bereits vor Jahren ein viel beachtetes Werk vorgelegt hat-; es geht vielmehr um die Aufdeckung und Publizierung der bis heute in ihrer Dimension wenig bekannten inneren, z.T. strafrechtlich relevanten Strukturen in der StVA Hoheneck.

In der Diskussion: Thiemanns letztes Buch (März 2012)

In der Diskussion: Thiemanns letztes Buch (März 2012)

Der wenig glücklich formulierte Hinweis auf die in summa „fleißige Durchforstung“ der dazu nötigen Aktenberge bringt leider nur ungenügend zum Ausdruck, dass Ellen Thiemann in methodischer und analytischer Hinsicht Großartiges geleistet hat. Sie hat mit dem Focus auf die Verhältnisse in  Hoheneck in den späten Jahren der DDR die Erkenntnisse zu den finsteren Themen: Spitzelsystem des MfS, Missbrauch von Psychopharmaka, skandalöse medizinische Versorgung, gewalttätige Übergriffe seitens des StVA-Personals v.a. aber auch – und hier liegt ein wichtiges Verdienst des Werks – die Vertuschung von Suiziden bzw. Suizidversuchen verzweifelter Frauen, deren einziges „Verbrechen“ ihr Freiheitswille war, entscheidend erweitert und damit Türen für die darauf aufbauende Aufarbeitung der SED-Diktatur geöffnet.

Angesichts der Tatsache, dass die einstigen Handlanger des SED-Staates nach wie vor Einfluss ausüben sich anmaßen – auch darauf verweist Ellen Thiemann in ihrem Abschlusskapitel – ist derartige Aufklärungsarbeit wie in „Wo sind die Toten  von Hoheneck?“ in seiner Bedeutung nicht zu überschätzen. Aus der Sicht eines geschulten Historikers sollte man der Autorin Respekt zollen und ihrem couragierten Werk eine möglichtst breite Leserschaft wünschen.

* Der Autor ist Studienrat für Geschichte

V.i.S.d.P.: Redaktion Hoheneck / Hohenecker Bote, Berlin, Tel.: 030-30207778

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