Der BERLINER KURIER erinnerte auf zwei Seiten an das Geschehen vor 50 Jahren - Siehe auch B.Z. vom 27.12.2013

Der BERLINER KURIER erinnerte auf zwei Seiten an das Geschehen vor 50 Jahren – Siehe auch B.Z. vom 27.12.2013

Berlin, 20.12.2013/cw – Vor fünfzig Jahren, am ersten Weihnachtsfeiertag 1963, hatte sich der in Neubrandenburg geborene achtzehnjährige Paul Schultz (* 2. Oktober 1945 in Neubrandenburg; † 25. Dezember 1963 in Berlin) mit seinem Freund Hartmut D. getroffen, um eine günstig erscheinende Fluchtmöglichkeit über die Mauer zu suchen. An der Ecke der Melchiorstraße zum Bethaniendamm – an der Grenze von Berlin-Mitte zu Kreuzberg – beobachteten sie im Schatten der jenseits der Mauer in West-Berlin stehenden Thomas-Kirche die umherlaufenden Grenzsoldaten. Als die Gelegenheit günstig erschien, kletterten die beiden Freunde über den Hinterlandzaun, durchquerten den Grenzstreifen und bestiegen die letzte Mauer zu West-Berlin hinter der Kirche. Als sie an der letzten Mauer waren, riefen zwei Grenzposten zum Halt auf und begannen auf die Flüchtenden zu schießen. Hartmut D. gelangte unverletzt über die Mauer. Paul Schultz wurde getroffen und stürzte, von den Kugeln der Mauerschützen tödlich getroffen, auf die Westseite der Mauer. Im nahegelegenen Bethanien-Krankenhaus starb der Flüchtling kurz danach an einem Lungendurchschuss.

Ab heutigen  Sonntag , 22.12.,  erinnert wieder ein Kreuz an den sinnlosenTod von Paul Schutz -  Foto LyrAg

Ab heutigen Sonntag , 22.12., erinnert wieder ein Kreuz
an den sinnlosenTod von Paul Schutz – Foto LyrAg

Der tragische Tod erinnerte an Peter Fechter, der eineinhalb Jahre zuvor, am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie an der Mauer verblutet war. Auch damals war einem Freund die Flucht gelungen. Schultz wuchs mit zwei älteren Brüdern auf. Mit seinem späteren Fluchtbegleiter war er seit seiner Schulzeit befreundet, die er mit der Mittleren Reife abgeschlossen hatte. Ab September 1962 machte er eine Lehre zum Elektriker.

In den Abendstunden des ersten Weihnachtsfeiertages hörte der neunzehnjährige Mauerdemonstrant Carl-Wolfgang Holzapfel aus dem Radio in den 22:00-Uhr-Nachrichten von dem Mord an Paul Schultz. Noch in der Nacht zimmerte Holzapfel zusammen mit einem Freund aus Lichterfelde spontan ein mannshohes Holzkreuz zusammen, das die Beiden  nahe der Mordstelle am nächsten Tag aufstellten. Zwei Tage später begann der zwanzigjährige Dieter Wycisk am Kreuz einen unbegrenzten Hungerstreik, dem sich Carl-Wolfgang Holzapfel spontan anschloss. Mit dem Hungerstreik wollten die beiden Demonstranten die UNO veranlassen, gegen „den Mord an der Mauer“ zu protestieren und vorzugehen. Bei Minusgraden hielten die beiden Berliner ihren Hungerstreik zehn Tage lang durch. Holzapfel, der bereits mehrere Hungerstreiks durchgeführt hatte, mußte sich danach entkräftet sechs Wochen  in ein Krankenhaus begeben.

Hier, im Bethanien-Krankenhaus, starb Paul Schultz noch am selbenTag -               Foto LyrAg

Hier, im Bethanien-Krankenhaus, starb Paul Schultz noch am selbenTag – Foto LyrAg

Auch der Tod von Paul Schultz löste unterschiedliche Reaktionen aus. Während die Schützen von der Führung der DDR belobigt wurden, kam es am Mariannenplatz zu mehrtägigen Protesten, die durch den spontanen Hungerstreik beflügelt wurden.

Holzapfel, der heute Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 ist, wird am Sonntag, 22. Dezember gegen 12:30 Uhr (Mariannenplatz, hinter der Thomas-Kirche) mit Freunden zum 50. Todestag von Paul Schultz an dessen sinnloses Sterben erinnern und symbolisch, wie vor 50 Jahren, ein Holzkreuz aufstellen und einen Kranz niederlegen. Der Verein kritisierte aus diesem Anlass scharf das „vor Ort praktizierte Vergessen an das achtzehnjährige Mauer-Opfer.“ Keine Stele, kein  Schild erinnere vor Ort an das Geschehen. Immerhin habe „Willy Brandt persönlich der damaligen  Bitte um Intervention entsprochen, ein Mahnkreuz errichten  zu können,“ erinnert sich Holzapfel. Wegen  der Weihnachtsfeiertage wollte man zunächst die Errichtung mangels fehlender Genehmigung vor Ort verhindern. Der Mauerdemonstrant hatte daraufhin den Regierenden Bürgermeister spontan an dessen Wohnort in Zehlendorf aufgesucht.

Gottesdienst: 22.12.2013, 10:00 Uhr,   Pfarrerin Claudia Mieth

V.i.S.d.P.:Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785