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Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V.

Hohenecker Bote

           Nr.024                    Förderverein – Info         15. Dezember 2013                       

Spruch des Monats: „Toleranz ist der Gedanke, der andere könnte mit seiner Meinung Recht haben.” –  Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

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Weihnachten 2013: Unter dem Dach keine stille Nacht 

Berlin, 15.12.2013/cw – Jutta W. (Name geändert) freute sich auf ihr drittes Kind. Als ehemalige Hoheneckerin, sie hatte zusammen mit ihrer Mutter eine Haftstrafe in dem berüchtigten Frauenzuchthaus wegen  Fluchtabsichten verbüßen müssen, freute sie sich auf die wenigen glücklichen Momente in ihrem Leben. Die bevorstehende Geburt gehörte zweifellos dazu.

Im Frühjahr diesen Jahres hatte Jutta einen weiteren Grund zur Freude. Ein Dachverband vieler DDR-Opfer-Vereine schloss mit der Schwangeren einen bis Dezember befristeten Vertrag ab. Gegen ein geringes Entgelt sollte Jutta im Beratungsbereich des Dachverbandes aushelfen, ein  Umstand, der beiden Seiten zugute kam. Denn der Vorsitzende erkannte als evangelischer Prediger die Not der jungen Frau, die mit ihren bereits vorhandenen zwei Kindern schlecht und recht über die Runden kam. Gleichzeitig sah er eine Möglichkeit für den Dachverband, die vorhandenen Engpässe in der Beratung von DDR-Opfern bis zu einer dauerhaften  Lösung zu überbrücken. Weihnachtsgeschichte2013_NEW

Nachdem Jutta kurz vor der Niederkunft nicht mehr zur Arbeit erscheinen  konnte, stellte der Dachverband unverzüglich seine Zahlungen an die werdende bzw. neuerliche Mutter ein. Alle fast schon verzweifelten Bemühungen von Jutta, den geringen Entgeltbetrag wenigstens bis zu einer eingehenden ordentlichen Kündigung des Vertrages zu erhalten (Mutterschutz), schlugen  fehl. Weder eine Kündigung noch ein Cent gingen bei Jutta ein. Ein Bitt-Schreiben an den Vorsitzenden und Prediger blieb ebenso ohne Antwort wie die dringliche Bitte um Hilfe an den Schatzmeister des Dachverbandes.

Das Jahr geht zu Ende, der Vertrag mit dem Dachverband läuft Ende dieses Monats aus. Ein Geld oder auch nur eine Antwort sind bis Redaktionsschluss nicht bei Jutta eingegangen. Dabei geht es nach Kenntnis der Redaktion nur um wenige hundert Euro. Für Jutta mit drei Kindern viel Geld, für den Dachverband angesichts öffentlicher Förderungen in sechsstelliger Höhe eher eine Bagatelle. Aber vielleicht schlägt dem Dach-Vorstand und seinem predigenden Kirchenmann in der bevorstehenden Heiligen Nacht doch noch das Gewissen, wenn er seiner Gemeinde von der Geburt Jesu Christi unter dem Dach eines Stalles bei Bethlehem berichtet und die frohe Botschaft verkündet: Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Jutta W. jedenfalls wird unter ihrem Dach keine stille Nacht erleben. Das wenige Monate alte Baby wird sie lautstark auf seinen  Hunger aufmerksam machen und die zwei anderen Kinder werden sich wohl traurig unter dem Weihnachtsbaum den spärlich ausfallenden Geschenken zuwenden. Und Jutta wird, wie einst Maria ihr Neugeborenes im Arm, über die vielen wohlklingenden Wort-Hülsen in dieser Nacht nachdenken und die sich so aufzeigende Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wort (schriftlichem Vertrag) und Tat. Der Verband wollte auf Anfrage der Redaktion keine Stellung nehmen.

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Zum Jahreswechsel: Unruhe in den Reihen der DDR-Stasi-Opfer

In zwei Tagen, am 17. Dezember, wird die neue und alte Bundeskanzlerin Angela Merkel vom Deutschen Bundestag gewählt. Anschließend dürfte das neue Kabinett vereidigt werden, erhält Deutschland drei Monate nach der Wahl endlich wieder eine Regierung. Zeit zum Aufatmen, Zeit zum Durchstarten. So sehen es wohl viele Bürger in unserem Land und die Mehrheit der SPD-Mitglieder, die sich in einer bisher beispielhaften demokratischen Beteiligung zu den Koalitions-Absichten ihrer Partei äußern durften.

Unter den Opfern der zweiten deutschen Diktatur ist die Meinung über diese Regierungsbildung und deren zuvor in einem Koalitionspapier geäußerten Absichten  eher gespalten. Während die eher vagen Absichten auf Erhöhung der sogen. Opferrente während der Legislaturperiode als wenig konkret und das Verschweigen der Rentenproblematik für einstige DDR-Flüchtlinge im klaren Gegensatz zu Versprechungen  der SPD-Fraktion in der vergangenen Legislaturperiode kritisiert werden, sehen  andere Opfer-Vertreter in der erneut anstehenden Großen Koalition durchaus neue Chancen zur Durchsetzung ihrer Anliegen. Sie erinnern dabei an die Verabschiedung der Rente für SED-Justiz-Opfer, die ohne Große Koalition nicht realisierbar gewesen wäre. Beide großen Volksparteien hatten sich zuvor in Versprechungen geübt, aber immer auf die Verhinderung durch die jeweils andere Partei verwiesen.

Ein ernsterer Hintergrund belastet die Szene zum Jahrsausklang 2013 augenscheinlich mehr. Der größte und älteste Opferverband, die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) ist durch Zahlungsforderungen in eine existenzbedrohende Krise geraten. In der in diesen Tagen erschienenen Vereinszeitung „Freiheitsglocke“ wird bereits über eine drohende Insolvenz berichtet. In mehreren Bundesländern sind  unabhängige VOS-Vereine gegründet worden, ein  Auflösungsprozess, der angesichts der Krise kaum noch aufzuhalten sein  dürfte. Auch wenn jüngst der Vorsitzende der UOKG und VOS-Mitglied Rainer Wagner seine Bereitschaft bekundet hat, für den Vorsitz der VOS zu kandidieren, um „den Verein zu retten.“

Doch die Unruhe ist nicht nur bei der VOS zu vermelden. Auch der Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen befindet sich seit nunmehr fast zwei Jahren in stürmischen Auseinandersetzungen. Gegen den Auflösungsbeschluss des Vereins haben inzwischen einige Mitglieder Klage erhoben, eine Entscheidung ist frühestens im Januar des neuen Jahres zu erwarten.

Zumindest ein weiterer, ebenfalls namhafter Verein schlingert seit den letzten Vorstandswahlen durch eine existenzbedrohende Krise. Fazit: Für die Politik zeichnet sich eine schwer zu durchschauende Gemengelage ab. Der Austausch von Meinungen oder gar Gespräche über notwendige Hilfen für die Opfer der zweiten  Diktatur sind unter diesen Umständen kaum möglich. Ob eine jetzt in die Diskussion gestellte Personalunion des VOS-Vorstandes und des Vorstandes der UOKG eine Lösung brächte, wird wohl erst die Zukunft erweisen. Die jüngst erfolgte Wahl der zuvor zurückgetretenen Vorsitzenden des Vereins ehemaliger Hoheneckerinnen in den Vorstand des Dachverbandes hat jedenfalls zu einer Problemlösung für die Frauen von Hoheneck ebenso wenig beitragen können wie die Anzeige der Vereinsanschrift auf dem Briefkasten der UOKG.

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Geschenk-Tipp: Ellen Thiemann unter dem Weihnachtsbaum

Bevor wir allen treuen Lesern unseres HB, der mit dieser Ausgabe in das dritte Jahr (!) geht, trotz aller Widrigkeiten ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes, gar besseres Neues Jahr wünschen, möchten wir daran erinnern, dass es vielfache Möglichkeiten gibt, auf die Situation der Diktatur-Opfer hinzuweisen. So empfiehlt sich zum Beispiel als geeignetes Geschenk ein Buch von Autoren, die das Drama der einstigen deutschen Teilung am eigenen Leib miterlebt haben. Zum Beispiel hat die einstige Ressortleiterin beim  Kölner Express, Ellen Thiemann, mehrere Bücher zum  Thema Hoheneck geschrieben. Zuletzt erschien vor wenigen  Monaten der Band: „Wo sind die Toten von Hoheneck“, in dem die einstige Hoheneckerin eindringlich auf ein bisher wenig beachtetes Kapitel aus der jüngsten Vergangenheit aufmerksam macht (Herbig-München, 2013, 19,99 Euro, 272 Seiten, mit zahlr. Fotos, Abbildungen und Bildteil). Eine lesenswerte Rezension ist gerade eben in der Vereinsschrift der VOS „Freiheitsglocke“ (Nov./Dez.2013) erschienen.

Anzeige Thiemann 15.12.2013_NEW  Hinweis auf eine interessante Sendung:

 „Gysi und die Stasi“ , Montag, 16. Dezember, um 23.55 Uhr in der ARD.

Der Fraktionsvorsitzende der Partei DIE LINKE hatte in einem Rechtstreit mit dem NDR an Eides statt versichert: „Ich habe zu keinem Zeitpunkt über Mandanten oder sonst jemanden wissentlich oder willentlich an die Staatssicherheit berichtet.“ In der Dokumentation legen die NDR-Autoren Silke König und Hans-Jürgen Börner im Ersten die Ergebnisse ihrer jüngsten  Recherchen zum Thema vor.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article122962063/Ermittlungen-gegen-Gysi-stehen-vor-dem-Abschluss.html

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Ein bisschen Frieden zum bevorstehenden Weihnachtsfest und die Pflege einer demokratischen Streitkultur, die persönliche Hass-Strukturen ausschließt und sich einzig den gemeinsamen Anliegen  verpflichtet weiß, wünscht von Herzen zum Neuen Jahr Ihre Redaktion Hoheneck.

 Die bisherigen  Ausgaben des Hohenecker Boten können unter www.17juni1953.de abgerufen oder direkt bei der Redaktion  gegen Kostenbeitrag bestellt werden. Die Vereinigung hat der Redaktion Gastrecht auf der Homepage eingeräumt.

V.i.S.d.P.: Redaktion “Hohenecker Bote”, Tel.: 030-30207778 © 2013

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