Von Siegmar Faust*

Berlin, 3.11.2013/sf – Also, liebe Kameraden und solche, die vergessen haben, wie man mit Kameraden umgeht!

Wenn der BERLINER KURIER etwas meldet, was gegen uns zielt, dann sollten wir nicht vergessen, woraus diese Zeitung hervorgegangen ist und wer sie heute liest: Der BERLINER KURIER ist vor allem in den östlichen Bezirken Berlins verbreitet. Von den Lesern des Blattes leben allein 185.000 im Osten und 37.000 im Zentrum der Stadt…“ (Wikipedia) Das ND ist heute seriöser als dieses linke Boulevardblatt. Wenn das in der zum Springer-Verlag gehörenden BZ gestanden hätte, würde ich auch beunruhigt aufhorchen. Ich kann nur Luther zitieren: „Der alt böse Feind / mit Ernst er’s jetzt meint; / groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist, / auf Erd ist nicht seinsgleichen.“

Ich maße mir erst ein Urteil an, wenn ein Gericht in letzter Instanz entschieden hat, dass hier „offenbar hochkriminelle Finanzaktionen“ stattfanden. Vorverurteilungen kennen wir von der Zone, wo die Urteile in politischen Prozessen bereits feststanden, bevor das Gericht überhaupt zusammen trat.

Allein der Satz „Derweil sitzen die Verbandsfürsten – allen voran Diederich – in ihrem Elfenbeinturm am Berliner Zoo und prassen vor sich hin“ in einer Zuschrift eines mir nicht bekannten Herbert Mey, der den KURIER-Artikel verbreitete, verrät leider eine Gesinnung, die jener der SED-Funktionäre nahe kommt. Ich will damit nur sagen, die Sprache verrät Eure Prägungen. Seid also etwas überlegter, bevor Ihr wutentbrannt die Sprache Eurer Peiniger nachahmt.

Ich bin zwar schon lange keine VOS-Mitglied mehr (und habe meine Gründe), aber da ich mich in Berlin viel auf Veranstaltungen herumtreibe, die unsere Thematik betreffen, kann ich nur aussagen, dass gerade Hugo Diederich immer und überall Präsenz zeigt.  Da wir als Menschenrechtszentrum Cottbus ab und zu mal in dem zentral gelegenen VOS-Büroraum unsere Vorstandssitzungen abhalten, kann ich nicht bestätigen, dass dort herumgeprasst wird. Wir bringen stets reihum unsere Lebensmittel fürs Abendbrot mit. Und wenn uns dort mal ein Glas Wasser oder ein Kaffee angeboten wird, was Euch bei uns in Cottbus ebenfalls widerfahren kann, dann wären wir auch beleidigt, wenn das andere als „prassen“ denunzieren.

Ich will nur sagen, dass jedes VOS-Mitglied jedes Recht hat, seinen Vorstand zu kritisieren und zu kontrollieren. Rechnungsprüfer müssten ja auch gewählt worden sein – oder? Ich warne also vor maßlosen Übertreibungen, böswilligen Unterstellungen und Vorverurteilungen. Wer so einen Vorstand platt zu machen versucht, beleidigt auch jene, die diesen Vorstand gewählt haben. Oder? Geht also bitte etwas behutsamer mit Euch selber um und gegen jene Kameraden vor, die sich die Verantwortung für einen immer noch ziemlich großen Verband aufgebürdet haben.

Mein Beitrag soll keine Verteidigungsrede für Hugo Diederich sein, sondern ein Plädoyer für fairen und sachbezogenen Umgang untereinander, wer immer dieser Herbert Mey auch sein mag. Ich habe überhaupt keinen Grund, Hugo als Lichtgestalt zu bewerten, sondern sehe eher das Versagen Vieler, wenn sich denn das herausstellen sollte, wovon der KURIER, den ich nicht auf eine Stufe mit der jungeWelt stelle, genüsslich berichtet hatte. Da ich wenig Kenntnisse vom Innenleben des Verbandes habe, möchte ich lediglich vor Vorverurteilungen und unqualifizierten Übertreibungen warnen, vor allem, wenn sie in der alten SED-Sprache daher kommen.

Es ist ja überall schwer, geeignete Leute für Vorstände zu finden. Warum will denn kaum jemand noch Verantwortung übernehmen? Es dürfte ja niemand an die Spitze gelangt sein gegen den Willen der Mitgliedermehrheit. Oder sehe ich das falsch? Die Wähler können sich zwar immer gut entrüsten, wenn mal etwas schief läuft, aber nur wer nichts macht, kann auch nichts falsch machen, meine ich einfach nur zu fairer Kritik aufrufend.

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* Der Autor war von 1974 – 1976 im Zuchthaus Cottbus (§ 106) und ist derzeit Vorsitzender des „Verbandes politisch Verfolgter des Kommunismus e.V. (VPVDK)“ und Vorstandsmitglied im „Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. (MRZ)“.

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