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Berlin, 30.09.2013/cw – In einer Entscheidung hat das Sozialgericht Berlin in einem Urteil vom 27.09.2013 – S 181 VG 167/1 – der Klage einer Frau stattgegeben, die als Sportlerin zu Zeiten der DDR Opfer von Doping-Mitteln geworden war. Die Frau hatte angegeben, über die verabreichten  Substanzen nicht informiert worden zu sein. Sie war infolge mit 32 Jahren an Brust und Hautkrebs erkrankt und führte dies auf die Doping-Mittel zurück.

Das Sozialgericht sprach der Klägerin jetzt eine Rente zu, da „von einer Einwilligung der Klägerin in den Gebrauch von Dopingmitteln“ nicht ausgegangen werden könne. Diese sei von ihrem damaligen Trainer „bewusst im Unklaren gelassen worden, um was für Substanzen es sich eigentlich“ handelte. Die Klägerin sei zwar „bereit gewesen, leistungsfördernde Vitamine zu sich zu nehmen, habe aber keine Vorstellung von der eigentlichen Bedeutung der Präparate und deren möglichen Spätfolgen gehabt“.  Auch sei das jugendliche Alter zum Zeitpunkt der Verabreichung zu berücksichtigen  gewesen.

Das Gericht bejahte die Kausalität zwischen der Doping-Verabreichung und der Krebserkrankung, schränkte die Ansprüche allerdings ein. Da ein Anspruch auf Entschädigungsrente nach der Gesetzeslage nur für den Zeitraum bestehe, in dem die Schädigungsfolgen einen Grad der Schädigung von 50 (vergleichbar einem Grad der Schwerbehinderung) ausgemacht haben, und der vorliegende  fragliche Zeitraum ein halbes Jahr umfasse, sei die Klage „wegen des darüber hinaus geltend gemachten Anspruchs (also Leistungen für einen längeren Zeitraum aufgrund weiterer Schäden) abzuweisen gewesen.“

Nach Meinung von Beobachtern aus der Opfer-Szene sei dies ein für Sozialgerichte nicht untypisches „Ja, Aber-Urteil“ gewesen, das in  den Auswirkungen eher einem gerichtlich verordneten Vergleich zwischen Klägerin und Beklagten entspräche. Ein anderer Aspekt aus dem vorliegenden Urteil, nämlich die grundsätzliche Feststellung einer Entschädigungs-Begründung, ist aber durchaus interessant. So sind  in Zuchthäusern der DDR, zum Beispiel im berüchtigten  Frauenzuchthaus Hoheneck, an Häftlinge ohne deren  Wissen Psychopharmaka verabreicht worden. Ihnen wurden diese Mittel also ohne jegliche Kenntnis möglicher Auswirkungen verordnet. Verantwortlich in Hoheneck dafür war u.a. der Medizinische Leiter (1972-1982) und IM der Stasi („Pit“), Peter Janata, der noch heute unbehelligt in Ahrensfelde bei Berlin praktiziert. Das vorliegende Urteil bietet nun nach Ansicht von Kennern der Opfer-Szene  die Möglichkeit, Entschädigungen für eingetretene gesundheitliche Schäden aufgrund von verabreichten Psychopharmaka zu beantragen und ggf. einzuklagen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

G. Laessig » 30.09.2013 10:08 « in  „Flucht und Ausreise“:

Die großen und wichtigen Zeitungen schweigen noch zu den Wahlmanipulationen bei der Bundestagswahl 2013. NOCH !!!

Dafür ist aber im Netz viel los und lange wird man das nicht mehr unterdrücken können.
Die „Deutsche Wirtschaft Nachrichten“ berichtet unter dem Titel „Von Essen bis Passau: Weitere gravierende Unregelmäßigkeiten“.

Man darf gespannt sein, wann die erste Schlagzeile in der „BILD“ zu lesen ist.
Bei der Bundestagswahl ist es offenbar zu weitere gravierenden Unregelmäßigkeiten gekommen: In Chemnitz hätten die Bürger zweimal wählen können, in Paderborn wurden ungültige Stimmen per Telefon verändert, in Essen hatte die Wahlleiterin verschlafen – wodurch einige Bürger nicht mehr wählen konnten.

Eine funktionierende Demokratie sieht anders aus.

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/09/27/von-essen-bis-passau-weitere-gravierende-unregelmaessigkeiten/

 Quelle:  http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=4001703&pg=2

 

Berlin, 27.09.2013/cw – Die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) hatte am Donnerstag zu einer Veranstaltung in das Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer eingeladen. Thema: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953, Ursachen, Verlauf, Folgen. Lag es am späten Termin (drei Monate nach dem 60. Jahrestag), an der fehlenden Einladung an Veteranen des Volksaufstandes (die Vereinigung 17. Juni als Vereinsgründung einstiger Teilnehmer war zum Beispiel nicht eingeladen) oder am allgemeinen mangelnden Interesse an diesem Thema, jedenfalls hatten sich abzüglich der Podiumsteilnehmer und der Vertreter der UOKG selbst weniger als 20 Interessenten zu der Veranstaltung eingefunden.

Das war schade, denn besonders die beiden Professoren, Werner Gumpel aus München und Karol Sauerland aus Warschau, steuerten spannende Informationen und oft wenig bekannte Details aus der fraglichen Zeit bei.

Nach einem Impulsreferat von Dr. Jens Schöne, einem bekannten Historiker der LStU Berlin, der dankenswerter Weise noch einmal bekannte Fakten kurz zusammenfasste und so den thematischen Einstieg ermöglichte, kamen unter der Gesprächsführung von Holger Kulick, BStU, die beiden Professoren, Günther Gossler und Klaus Gronau auf dem Podium  als Zeitzeugen zu Wort.

Von Links: Axel Klausmeier (von  hinten), Holger Kulick, Günther Goßler, Karol Sauerland, Werner Gumpel, Klaus Gronau Foto: LyrAg

Von Links: Axel Klausmeier (von hinten), Holger Kulick, Günther Goßler, Karol Sauerland, Werner Gumpel, Klaus Gronau
Foto: LyrAg

Zu Beginn schilderte Klaus Gronau die von ihm bereits mehrfach vorgetragenen Erlebnisse um den 17. Juni. Ausschließlich für den Kenner der Materie waren durchaus Korrekturen und Erweiterungen zu bisherigen Darstellungen erkennbar, die aber insgesamt die Sicht eines damaligen Lehrlings auf die Ereignisse nicht beeinträchtigten. Gronau war beeindruckend nahezu an allen Orten des Geschehens zwischen Stalinallee, Oberbaumbrücke, Ostbahnhof, Lustgarten und Haus der Ministerien und konnte so eine fast lückenlose Reportage  über die Abläufe am 16. und 17. Juni in Berlin liefern. Eine beachtliche Leistung für einen Jugendlichen in einer Zeit, als „die Angst wie eine Glocke“ über Berlin schwebte, wie Gronau zutreffend zur Situation anmerkte.

Jetzt auch Wasserzelle am 17. Juni entdeckt

Günther Goßler, dessen Frau Anita in Vertretung des verhinderten UOKG-Vorsitzenden Rainer Wagner die Anwesenden begrüßte, schilderte seine Erlebnisse vom Aufstand um Wolfen und Bitterfeld. Er habe sich eigentlich nicht aktiv beteiligt, „Politik ist nicht meine Sache.“ Aber am Morgen  des 17. Juni „sind Kollegen aus Bitterfeld auf die Baustelle gekommen und haben  gesagt: Ihr müsst mitkommen, wir streiken. Da sind wir dann mitgezogen.“ Um 15:00 Uhr kamen die Russen, „dann war Ruhe.“ Gossler: „Ich bin dann nach Hause. In Delitzsch wohnte ich gegenüber der Schokoladenfabrik und einer Polizeiwache. Dann hörte ich einen Krach.“ Als er sich um die Ursache kümmerte, gewahrte er einen Radfahrer, der von einem Volkspolizisten erschossen worden war. „Eigentlich sind ja zwei Leute erschossen worden, aber ich habe nur diesen gesehen.“

Günter Goßler berichtete von einer Wasserzelle im Raum Bitterfeld - Foto: LyrAg

Günter Goßler berichtete von einer Wasserzelle im Raum Bitterfeld – Foto: LyrAg

Auf Nachfrage von Holger Kulick räumte Gossler ein, doch mehr erlebt zu haben. So habe man Polizisten entwaffnet  („Es fiel kein  Schuss, wir haben die Waffen alle deponiert.“) und Häftlinge befreit: „Da war auch eine Wasserzelle, da stand einer bis zu den Knien im Wasser.“ Ob dieser Teil seiner Erinnerungen der Solidarität mit seiner Frau geschuldet war, konnte im  Rahmen der Veranstaltung nicht geklärt werden. Seine Frau war als ehemalige Hoheneckerin in die Kritik geraten, weil sie in diversen Veröffentlichungen über Aufenthalte in Wasserzellen sowohl in  Leipzig wie in Hoheneck berichtet hatte, was aber Überprüfungen nicht standhielt.

Goßler betonte mehrfach seine unpolitische Haltung. Auch als er mit seiner Familie 1957 in den Westen zog, „hatte ich nur Sorgen um meine Frau.“ Eine Aussage, die einem eher spröde wirkenden Zeitzeugen menschliche Sympathie vermittelte. Goßler hob sich mit seinen eher zögerlich vorgetragenen Beobachtungen  um  den Volksaufstand deutlich von der meist kolportierten „anhaltenden Begeisterung“ einstiger Teilnehmer ab.

Umstrittene Darstellungen

Umstrittene Darstellungen

„Schießt doch, Ihr Hunde!“

Werner Gumpel, emeritierter Professor aus München und Ehrendoktor der Hacettepe-Universität in Ankara, schilderte beeindruckend seinen Aufenthalt in der Hölle von Workuta, „140 Kilometer vom Eismeer entfernt.“ Er war wegen seiner Beteiligung an einer Oppositionsgruppe in Leipzig zu 2 x 25 Jahren verurteilt und nach Sibirien verbracht worden, wo er bis 1955 war. In den Lagern seien Menschen aus der gesamtem UdSSR gewesen, auch aus der CSSR, aus Ungarn und Polen. Von den Polen hieß es, unter jeder Schwelle der Eisenbahnschienen läge ein Pole, „die haben besonders Schlimmes in den Lagern durchgemacht.“

Die Ukrainer waren am Besten organisiert, auch die Russlanddeutschen, die als „Verbannte nicht direkt in den Lagern, sondern davor wohnten.“ Die hörten Nachrichten. So hätten die Gefangenen hin und wieder erfahren, was in der Welt vor sich ging. Durch diese Nachrichten und eine dürre Mitteilung in der Prawda habe man schließlich vom Aufstand in Mitteldeutschland erfahren. Dann fuhren plötzlich weniger, dann  gar keine Züge mehr, die die abgebaute Kohle transportierten. Schnell sprach sich die Ursache rum: Im Schacht 29 werde gestreikt. Man forderte die Überprüfung der Urteile, die Freilassung politischer Gefangener. Das lief zunächst relativ friedlich ab, bis ein Ukrainer an das Lagertor ging, sein Hemd über der Brust aufriss: „Schießt doch, ihr Hunde.“ Er wurde erschossen, Truppen wurden eingesetzt. Am Ende des Aufstandes von 1953 in Workuta gab es 64 Tote und über 120 Verletzte.

Prof.em.Dr. Werner Gumpel - Foto: LyrAg

Aus München: Prof.em.Dr. Werner Gumpel – Foto: LyrAg

Karol Sauerland, Professor an der Universität Warschau, wurde 1936 in Moskau als Kind kommunistischer Emigranten geboren. Sein Vater schloss sich den Komintern an, war Chefredakteur des „Aufbau“ und flüchtete 1935 in die UdSSR. In Moskau wurde er trotz seiner Überzeugung ein Opfer der stalinistischen Säuberungen und erschossen. Sauerland: „Davon erfuhr ich erst 1963. Davor glaubte ich, er lebe in Sibirien.“ Die Familie siedelte nach dem Krieg in  die DDR über: „Meine Mutter blieb trotz dieser Erlebnisse überzeugte Kommunistin.“

Posen, das war die Wiederholung des 17. Juni

Der junge Sauerland wurde immer nachdenklicher. Nach Stalins Tod sagte ein Freund und Gesinnungsgenosse zu ihm: „Nun gilt es, Trübsal zu blasen.“ Wenige Monate später sah er sowjetische Panzer gegen das Volk rollen. Ein bleibendes Bild, das sich für ihn 1956 in Posen wiederholte: „Für mich war das die Wiederholung des 17. Juni.“

Sauerland siedelte 1956 nach Polen über, erhielt die polnische Staatsbürgerschaft, studierte und wurde schließlich Professor. „Für dieses Land habe ich mich engagiert und gekämpft.“ Immerhin waren nach dem Beginn  der Sowjetherrschaft 1944 „über eine halbe Million Polen in den Gefängnissen gelandet. 1953 hatte dieses Land keinen Atem mehr.“ Aber nach dem Aufstand in Posen habe es positive Entwicklungen gegeben. Ab dieser Zeit gab es „keinen verpflichtenden Marxismus“ mehr, und es entstand wieder eine freie Marktwirtschaft.

Sauerland engagierte sich besonders in der freien Gewerkschaft Solidarnosc. Obwohl er nie zuvor einer Gewerkschaft oder Partei angehört habe und eigentlich „von Politik nichts mehr wissen wollte,“ sei diese Organisation ein  Teil seines Lebens geworden.

Aus Warschau: Prof.Dr. Karol Sauerland -        Foto: LyrAg

Aus Warschau: Prof.Dr. Karol Sauerland – Foto: LyrAg

Nachdem Jaruzelski Anfang der 80er Jahre (1981-1983) das Kriegsrecht verhängt hatte, war Sauerland untergetaucht, aber auch überzeugt: „Das System ist am Ende!“ 1988 habe er gesagt: „Wenn  Polen selbstständig wird, wird Deutschland wiedervereinigt. Die waren alle entsetzt,“ kann  Sauerland heute nicht ohne Schmunzeln berichten.

Man hätte sich vielleicht noch eine  Vertiefung über die „Folgen“ des 17. Juni, die heutige mangelhafte Befassung mit dem Volksaufstand und der Frage nach den Ursachen gewünscht. Vielleicht ist aber gerade diese Fragestellung politisch nicht gefragt und daher auch auf derartigen  Veranstaltungen obsolet.

Werner Gumpel beklagte am Ende die mangelnde Schulbildung über Geschichte und Auswirkungen  des Kommunismus und erhielt von seinem Kollegen  aus Warschau und aus den Reihen der Zuhörer ausdrückliche Zustimmung. Holger Kulick ließ dieses Fragezeichen stehen. Schade, andererseits nach Zuhörer wie Diskutanten fordernden drei Stunden Aufmerksamkeit irgendwie auch verständlich.

Der Direktor des Mauermuseums, Prof. Dr. Axel Klausmeier, kündigte in seinem Schlusswort für den kommenden Sonntag, 29. September, 18:00 Uhr, eine Veranstaltung zum 100. Todestag von Ernst Reuter an. Teilnehmer und Ehrengast: Der Sohn Dr. Edzard Reuter, vormaliger Industrie-Chef (u.a. Daimler).

V.i.S.d.P.:Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Potsdam, 26.09.2013/cw – Ines Reich, Leiterin der „KGB-Gedenkstätte Leistikowstraße“ hatte zu einem besonderen Zeitzeugengespräch eingeladen: „Schwangerschaften in der Haft“. Etwa 20 Besucher interessierten sich für dieses Thema. Vielleicht hatten  sich aber auch weitere Interessenten ferngehalten, weil eine der Zeitzeuginnen mit ihren phantasievollen Vergangenheitsdarstellungen in die Kritik geraten war. Den Nicht-Anwesenden entging jedenfalls ein berührender, informativer Abend.

Das lag nicht zuletzt an der sensiblen und einfühlsamen Gesprächsführung von Dr. Reich, in die man sich erst einfinden mußte, die aber im  Laufe des Abends immer einsichtiger und überzeugender wurde. Denn  die Gesprächspartner, die hochbetagte Helga Gäbel (1929) und die nur vier Jahre jüngere Anita Goßler (1933) unterschieden sich trotz eines gemeinsamen Schicksals, der Geburt der jeweiligen  Tochter in der Haft, sowohl im Detail wie in deren Darstellungen. Dennoch gelang es Reich, mit anmutender Fürsorge und behutsamer Frageführung die beiden alten Damen zusammenzuführen.

Düstere Vergangenheit: Erinnerungstafel unter dem Zellengitter: KGB-Gefängnis Leistikowstraße - Foto: LyrAg

Düstere Vergangenheit: Erinnerungstafel unter dem Zellengitter: KGB-Gefängnis Leistikowstraße – Foto: LyrAg

Helga Gäbel tat sich schwer mit ihren präzisen Erinnerungen und räumte dies auch mehrfach freimütig ein. Das schmälerte keineswegs die Glaubwürdigkeit ihrer oft um  Worte ringenden Erzählungen, die sie oft mit einem  tiefen Humor belebte. Ihre Tochter wurde der Mutter rund drei Monate nach der Entbindung weggenommen, erst mit fünfeinhalb Jahren sahen sich die Beiden wieder. „Das war schwierig nach der langen Zeit. Da mußte man erst zusammenwachsen. Heute sind wir Freundinnen.“

In  der Leistikowstraße hatte der Vernehmer gedroht, ihr in den Bauch zu treten, wenn  sie nicht gestehen würde. Gäbel: „Ich wollte doch das Kind haben. Da habe ich schließlich alles unterschrieben.“ Nach der Verurteilung zu 25 Jahren („Für mich war es ein  Todesurteil, ich dachte, die wollten nur noch mein  Kind haben.“) kam Gäbel nach Hoheneck. Dort wurde sie von einer einstigen KZ-Ärztin und einer Hebamme gebadet („War das herrlich!“). Durch die Wärme wurde die Geburt gefördert.

Die Bedingungen für Mutter und Kind waren schrecklich: „Unsauber, das Kind wurde krank, hat immer geschrieen und geweint. Sogar die Windeln mußten wir in Schmutzwasser waschen.“ Helga Gäbel konnte auch nicht stillen, das Kind wurde mit der Flasche groß gezogen. „Die übrige Milch gab ich weiter an kranke Mitgefangene.“

In Hoheneck konnte sie ihre soziale Einstellung praktizieren („Ich dachte ja damals kommunistisch, ehe ich dann  das als Religion erkannte, die utopisch war.“). Sie war für die Reparaturen an den Nähmaschinen zuständig und hatte dadurch Zugang zu allen Abteilungen: „Alle nannten mich „Mohrle“. Mohrle, komm mal, da ist etwas kaputt.“ Dort lernte sie auch eine Frau von den Zeugen Jehovas kennen, die ihr ein Medaillon mit dem Bild deren Kindes schenkte: „Das habe ich dann  immer in der Hosenfalte versteckt getragen.“

Am Ende verdienter Dank: Blume4n für Helga Gäbel (li.) und Anita Goßler (re.), Mitte: Dr.Ines Reich - Foto: LyrAg

Am Ende verdienter Dank: Blumen für Helga Gäbel (li.) und Anita Goßler (re.), Mitte: Dr.Ines Reich –
Foto: LyrAg

Anita Gossler, die mit mehreren Varianten um ihre Erlebnisse zu kämpfen hat, merkte man die Rhetorik eines in der Politik beheimateten Menschen an. In klaren Sätzen schilderte sie die Gegensätzlichkeiten zu den Erlebnissen Helga Gäbels. So gab es im Haftkrankenhaus Meusdorf ein Kinderzimmer, das sauber und gepflegt war und zu dem die Mütter auch Zutritt hatten: „Die Kinder hatten kleine Bettchen.“

Aber auch Gossler wurde die Tochter, die am späteren „Tag der Deutschen Einheit“ geboren worden war, nach drei Monaten entrissen. „Sie kam zu Pflegeeltern. Die Mutter war Heimleiterin, er  (der Vater) war wohl Kreisleiter (der Partei). Meine Tochter hatte wohl eine sozialistische Erziehung, jedenfalls wollte sie später von mir nichts wissen und sagte: Niemand sei unschuldig ins Gefängnis gekommen.“

Immerhin war die Zeitzeugin bemüht, in der Vergangenheit hinterfragte Darstellungen aus ihrem Erleben zu umschiffen, um keine neuerlichen Diskussionen zu entfachen. Dennoch schilderte sie aus ihrer persönlichen Leidensgeschichte durchaus neue und dramatische Aspekte. Angeblich sei sie, so Goßler, auch in anderen Haftanstalten gewesen, sie könne sich „daran aber nicht erinnern“. In einer dieser Haftanstalten sei sie in einer Gemeinschaftszelle ihrer Mutter begegnet, die wegen ihrer Teilnahme am 17. Juni 1953 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war. „Dann  hat das wohl jemand verraten, dass wir Mutter und Tochter waren, und da wurden wir wieder getrennt.“

In Meusdorf sei man  sehr freundschaftlich miteinander umgegangen. Aber Hoheneck war „schlimmer, als die Stasi-Haft. Erst waren wir zu Dritt, dann, glaube ich, zu Acht in einer Zelle. Man mußte aufpassen, mit wem man sprach. Es waren da ja auch Kriminelle.“

Anita Goßler wurde nach dreieinhalb Jahren (Urteil: 5 Jahre) entlassen und zog mit ihrem heutigen Mann 1957 in den Westen. Hat sie ihren damaligen Freund und Vater ihrer Tochter jemals wieder gesehen? „Mir wurde ja in  Hohneck erzählt, er sei gestorben. Das war mir egal, weil er für mich schon längst gestorben war. Ich habe ihn  nie gesucht und auch nie mehr gesehen.“

Ähnlich erging es Helga Gäbel: „Ich war nur einmal mit diesem Mann  zusammen, und schon war ich schwanger,“ kann  sie heute mit Humor in der Stimme erzählen. „Eigentlich hatte ich kein Verhältnis zu Männern. Aber als ich ihn  sah, wusste ich, der ist es.“ Der Vater ihrer Tochter wanderte nach Brasilen aus, Mutter und Tochter haben nie mehr von ihm gehört.

Für die Besucher war die Begegnung mit den alten Damen sehr eindrucksvoll. Als Fazit lässt sich so zusammenfassend sagen: An diesem Abend waren Menschen am Ort der Unmenschlichkeit und schilderten den einmal mehr betroffenen Zuhörern von ihren  schrecklichen  Erlebnissen, ohne Vibration einer Spur von  Hass auf ihre einstigen Peiniger. Wenn  die Stimmen zitterten, dann  war dies dem Alter geschuldet.

Weniger gelassen, dies sei am Ende chronistisch erwähnt, zeigte sich ein Repräsentant des Gedenkstättenvereins, der doch allen Ernstes vor einer  Berichterstattung über die Zeitzeugen-Veranstaltung eine Genehmigung durch die Gedenkstättenleitung einforderte. Erst der Hinweis auf die Öffentlichkeit der Veranstaltung und die garantierte Pressefreiheit konnte ihn von seinem Ansinnen abbringen.

Auch das bemerkenswert: An einem  Ort der Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Grundrechten im Jahre 2013 der Versuch, Meinungsfreiheit einzuschränken.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

ZDF am Sonntag 29.09.2013, 10:15 – 10:45 Uhr

Peter Hahne: Menschenhandel im kalten Krieg: Vor 50 Jahren erster Freikauf von DDR-Gefangenen

Gäste im Studio am Brandenburger Tor:

Ute Franke, freigekauft nach zwei Jahren Zuchthaus Hoheneck

Ludwig Rehlinger, ehem. Staatssekrektär und Bonner Unterhändler

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=g3l7zHoEQ6A

Berlin, 21.09.2013/cw – Am morgigen  Sonntag könnte die „ALTERNATIVE für Deutschland“ zum Aufsteiger des Jahres werden. Die alternative, in der Farbe BLAU auftretende jungfräuliche Partei steht tatsächlich vor einer Sensation. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat eine Partei aus dem Stand heraus den Einzug in den Deutschen Bundestag geschafft. Wählt Deutschland ins Blaue, also in eine ungewisse Zukunft?

Angesichts festgefügter Strukturen, in der die maßgeblichen politischen Parteien austauschbar geworden sind, kann Deutschland gar nicht mehr ins BLAUE hinein wählen. Nach dem Desaster der Wahlen von 1933 ein erwünschter Effekt der Mütter und Väter des Grundgesetzes. Aber muß deswegen jeder Ansatz auf Erneuerung der politischen Landschaft aussichtslos bleiben?

Dass diese Erneuerung erwünscht ist, offen oder (noch) unterschwellig von vielen Wählern als Sehnsucht verstanden wird, die Verkrustungen da aufzubrechen, wo die Demokratie längst Wunden und Narben aufweist, belegen  die seit Wochen veröffentlichten Zahlen der Meinungsforscher. Keine der zur Wahl stehenden Parteien hat in den letzten Wochen einen derartigen prozentualen Anstieg der Zustimmung verzeichnen können, wie die ALTERNATIVE. Selbst wenn man unterstellen würde, dass sich ein Umfrage-Ergebnis auf vielfältige Art manipulieren ließe – man weiß zum Beispiel, dass es auf die Fragestellung ankommt, um bestimmte Antworten zu erhalten – lässt der veröffentlichte Prozentspiegel auf die berühmte Sonntagsfrage wichtige Rückschlüsse zu. So ist die Wahrscheinlichkeit eines Einzuges der ALTERNATIVE in das Bundesparlament fast schon eine absehbare Tatsache. Aber – ändert das wirklich die Koordinaten?

Ohne die längst schon ausgiebig in die Öffentlichkeit transferierten Koalitionsmöglichkeiten erneut zu strapazieren, lohnt sich doch ein kurzer Blick darauf. Käme die FDP nicht mehr in  den Bundestag, wäre die bisherige Koalition Geschichte. Auf der anderen Seite böte sich vermutlich keine Alternative zur Großen Koalition an: Schwarz-Grün (theoretisch möglich) wurde von  beiden Seiten fast unerbittlich ausgeschlossen. Für Rot-Grün würde vermutlich die erreichte Anzahl der Sitze allenfalls nur dann  ausreichen, wenn  FDP und ALTERNATIVE den Einzug verpassen würden; eine Rot-Rot-Grüne Koalition wurde trotz der beharrlichen Avancen durch Gregor Gysi ausgeschlossen. Theoretisch bliebe also als Alternative (ohne FDP) eine Schwarz-Blaue Allianz. Sie ist unwahrscheinlich, weil nicht nur die CDU eine solche Verbindung ausgeschlossen hat. Auch die ALTERNATIVE könnte schlechterdings eine Koalition mit der Partei eingehen, die sie als Hauptverantwortliche für die Schuldenpolitik in Sachen  Euro anprangert. Außerdem sollen  – und das ist ein  wichtiger Gesichtspunkt – die meisten  Wähler der ALTERNATIVE aus dem Wählerpotential der SPD, der GRÜNEn und der LINKEn kommen. Eine Koalition zwischen SPD und den Blauen wäre also vor diesem Hintergrund eher folgerichtiger, ist sie deswegen wahrscheinlicher?

Warum also ALTERNATIV wählen, wenn sich ohnehin keine neue Koalitionsvariante abzeichnet, eine Große Koalition also unausweichlich ist? Egal, wie eine neue Koalition letztendlich aussieht – wenn die FDP trotz pessimistischer Prognosen wieder in den Bundestag einzieht, wird sie mit der Union bei einem Einzug der ALTERNATIVE keine Koalition bilden können –, mit einer Fraktion der ALTERNATIVE im Deutschen Bundestag wird sich jede Regierung der bisher vermiedenen inhaltlichen Diskussion um die weitere Verschuldung Deutschlands in Sachen  Euro nicht mehr verschließen können. Es wird also inhaltlich vermutlich wieder „zur Sache“ gehen im Deutschen Bundestag. Womöglich wird die weitere Verschuldung nicht mehr zum selbstverständlichen Spaziergang der bisher etablierten Parteien. Es müssten neue Möglichkeiten erarbeitet werden, in Sachen Europa wieder die verloren gegangene Euphorie an die Stelle rein fiskalisch begründeter, in die Generationen-übergreifende Verschuldung führende Argumente zu setzen. Eine zwar bescheidene, aber nicht unerhebliche und immerhin in diesem Sinn eine Alternative für den Wähler an diesem Sonntag.

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Berlin, 19.09.2013/cw – „Geschafft!“ So teilte Stefan Krikowski überglücklich die Fertigstellung des Projektes „Zeitzeugen Workuta“ einem Interessentenkreis  mit. Auf der Website www.workuta.de sind insgesamt 36 Biografien ehemaliger deutscher Gulag-Häftlinge – 5 Frauen und 31 Männer für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich.

Mein Respekt und meine Hochachtung gelten allen Zeitzeugen. Sie haben sich nochmals diesem schweren und dunklen Kapitel ihrer Vergangenheit gestellt und ihrer Verhaftung und Haftzeit betreffende Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Hierfür sei ihnen nochmals ganz herzlichst gedankt,“ erklärte Stefan Krikowski aus diesem Anlass. Diesen Zeitzeugen gelte Respekt und Hochachtung. Zur Verfügung gestellte Dokumente über die seinerzeitige Verhaftung und das folgende Leben in den Lagern des GULAG unterlegen die erschütternden Berichte aus dieser Zeit.

Einen besonderen Dank richtete Krikowski an seine Frau Margreet und seine Schwester Katja,  ohne die „diese Workuta-Website in ihrer jetzigen Form und Gestaltung und vor allem in diesem Zeitrahmen nicht zu bewältigen gewesen“ wäre. Die Homepage solle auch eine „Würdigung der Zeitzeugen und ihres Widerstandes gegen die kommunistische Diktatur sein.“ Schülern und Studenten solle sie helfen, „bessere historische Kenntnisse über die Mechanismen des Kommunismus, auch der SBZ und der Frühzeit der DDR“ zu erlangen. „Gegen Verharmlosung, Verdrehung und Verklärung des Kommunismus und der ehemaligen DDR hilft nur Aufklärung,“ heißt es in dem Statement Krikowskis zur Einrichtung der Workuta-Seite.

Auch aktuelle Fotos von Workuta können auf der Bildergalerie und unter den Biografien der drei Zeitzeugen Edgar Strobel, Günther Müller-Hellwig und Frieder Wirth  (auf deren Dokumentengalerie…) betrachtet werden. Diese drei  Zeitzeugen begleiteten das Team – trotz ihres hohen Alters – zur Gedenkfahrt nach Workuta (29.7. – 3.8.13) anlässlich des 60. Jahrestages des Aufstandes. Über diese Reise berichtete auch der NDR in einem  Filmbeitrag
des Nordmagazin: „Zeitreise“ am 15.09.13 (ca. 7 Minuten) und in Land und Leute am 16.09.13 (ca. 15 min.). Hier der Link zur NDR-Sendung im Nordmagazin: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/media/nordmagazin19027.html

Am Dienstag, dem 24.09.2013 stellt der Zeitzeuge Meinhard Stark um 18:00 Uhr  in der Stiftung Aufarbeitung in Berlin, Kronenstraße 5, sein neuestes Buch vor: „Vergessene Opfer. Kinder des Gulag“ vor (Siehe auch unter „Aktuelles“ auf der Workuta-Website). In diesem Buch werden u.a. auch der Administrator der Website Stefan Krikowski und seine Schwester Katja porträtiert.

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