Berlin, 27.08.2013/cw – „Bundespräsident Gauck: Seine Ex schreibt ihm  die Reden“ schrieb BILD gestern eher verstohlen, wenn auch immerhin auf Seite 2 der Bundesausgabe des Boulevardblattes. Eher unterkühlt ruft BILD eine alte Liaison in die Erinnerung: Die einstige Beziehung zwischen  dem nunmehrigen Staatsoberhaupt und der bekannten Buchautorin Helga Hirsch. Diese wurde nun  im Februar 2013 von Joachim Gauck als „freie Beraterin“ mit einem Vertrag vom Bundespräsidenten verpflichtet, nachdem sie zuvor, wie BILD anmerkt, „unentgeltlich“ für Gauck seit dessen Amtsantritt gearbeitet hatte.

Antje Sirleschtov  vom Berliner TAGESSPIEGEL setzt sich da in der heutigen Ausgabe schon kritischer mit der Personalie auseinander und fragt gleich am Anfang ihres Artikels: „Was wäre wohl geschehen, wenn Christian Wulff als Bundespräsident seine erste Ehefrau zur offiziellen Kommunikationsberaterin ernannt und aus dem Etat des Präsidialamtes bezahlt hätte?“

Harmloser Beitrag oder Stich ins Wespennest? - BILD vom 26.08.2013, Seite 2

Harmloser Beitrag oder Stich ins Wespennest? – BILD vom 26.08.2013, Seite 2

Möglich, dass BILD in gewohnter Manier durch den Boulevard-Beitrag erst diese kritische Fragen (durch andere) anstoßen wollte. Uns interessieren eher andere Aspekte in diesem Zusammenhang. Dabei registrieren wir zwar, dass auch Helga Hirsch eine konvertierte einstige glühende Kommunistin war, auch wenn sie jetzt im Tagesspiegel mit Bezug auf Gauck zitiert wird: „Wir waren beide antikommunistisch“. Waren oder sind? Egal. Hirsch steht hier ja neben Jürgen  Trittin und anderen in einer Agenda, stellt also keine Ausnahme dar.

Zum Problem könnte die jetzt publizierte Personalie (neben dem Bundespräsidenten) für andere „Personen der Zeitgeschichte“ werden. So eifert der Neustädter pietistische Prediger Rainer Wagner seit vielen Jahren für christliche Moral und Ethik in unserem Land, gegen Homosexuelle ebenso wie gegen buddhistische Geisterbeschwörer, den erfundenen Islam oder gegen sonstige Heiden und Juden, die nach seiner Bibel-Interpretation ebenso „Knechte Satans“ sind.

Der theologische Bruder überzeugte Gauck

Das Problem: Wagner ist nicht nur nebenberuflich Vorsitzender des Dachverbandes UOKG (Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft), sondern auch theologischer „Bruder“ (Wagner) von Joachim Gauck, der Wagner (laut Wagner) jüngst erst attestierte „staatspolitische Entscheidungen“ zu treffen, als er Gauck von einer notwendigen (erneuten und erfolgreichen) Kandidatur „überzeugte“. Der Bundesverdienstkreuzträger vergaß denn auch schnell seine religiösen Überzeugungen, als er im Frühjahr letzten Jahres im UOKG-Blatt „Stacheldraht“ gegen die „Moralisten“ wetterte, die sich an dem verheirateten Gauck rieben, der mit einer Lebensgefährtin in das Schloss Bellevue einziehen wollte.

Nun hat der theologische Bruder auf vertraglicher Grundlage eine weitere, wenn auch ehemalige Lebensgefährtin ins Bellevue geholt, und man kann darüber rätseln, ob der Prediger Wagner darob Bauchschmerzen bekommt („Joachim Gauck nun auch ein Knecht Satans?“) oder der nebenberufliche Vereinspolitiker erneut über die Moralisten in Rage gerät. Letzteres wird wohl eher greifen, denn wenn es um das weltlich anmutende Ansehen  geht, lässt auch der Prediger Wagner mal „Fünfe gerade sein.“

BILD und ein brisantes Wespennest

Denn  im Vorstand der UOKG sitzt eine Frau, über die Gauck-Freundin Helga Hirsch in ihrem 2012 erschienenen Buch „Endlich wieder leben“ (Siedler, München) eine inzwischen  sehr umstrittene, weil weitgehend erfundene Biografie veröffentlicht hat. Der Haken bei der Sache ist weder die (wenn auch denkwürdige) Nibelungentreue des Predigers zu seiner Vorstandkameradin, auch nicht der Umstand, dass kein(e) Autor(in) vor derartigen  Reinfällen geschützt ist. Der Haken ist ein anderer: Helga Hirsch wurde bereits vor Drucklegung des Buches auf „gewisse Widersprüche“ in der gen. Biografie hingewiesen. Weder sie noch der Verlag haben bisher darauf reagiert.

Mit der Nähe oder gar Mitgliedschaft beider Damen zur bzw. in der SPD allein kann  dieses Schweigen wohl weniger begründet werden, obwohl sich das anbieten würde. Eher erscheint hier die Frage nach einer zumindest fragwürdig wirkenden Seilschaft im durch Joachim Gauck zweifellos vorhandenen politischen Raum zu stehen. Jedenfalls könnte sich nun auch erklären, warum ein  Mann, der in unserer Zeit mit seiner religiös begründeten These provoziert, auch Juden seien „Knechte Satans“, der gegen den Bau einer Moschee in seinem Wirkungsort mit gewagten  Thesen wettert oder die Evangelische Kirche Deutschlands u.a. wegen ihrer sündhaften Haltung gegenüber Homosexuellen zur Umkehr aufruft, nach wie vor vom Bundespräsidenten zu „Staatsakten“ (Wagner) eingeladen wird. Die hier erkennbare mögliche Vernetzung zwischen den Beteiligten könnte auch erklären, warum Helga Hirsch die „Genossin“ und Vorstandskameradin Rainer Wagners schont und deren, auch von Helga Hirsch publizierte Lügen ignoriert.

Es scheint, dass BILD mit einem harmlos erscheinenden kleinen  Beitrag am Montag des 26. August auf Seite 2 wieder einmal in ein brisantes Wespennest gestochen hat.

Siehe auch:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/portraet-helga-hirsch-journalistin-wir-waren-beide-anti-kommunistisch/8696238.html

V.i.S.d.P.: C.W. Holzapfel, Freier Journalist, Berlin – Tel.: 030-30207785

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