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Politisch Verfolgte als „Knechte Satans“ diffamiert

Berlin, 7.07.2013/cw – Alles hat er aufgeboten, um dem schlimmen Verdacht zu widersprechen, religionsfeindliche, gar antisemitische Äußerungen formuliert zu haben.

Als Leiter der Stadtmission in Neustadt an der Weinstraße hatte er im  dortigen „Stadtmissionsbrief“ schwadroniert, „Juden, Heiden und Nichtchristen“ sind „Knechte Satans“. Dem Islam warf er vor, einen  erfundenen Allah zu verehren und in Mohammed einen  falschen Propheten  zu haben. Auch Buddhisten und Hindus bekamen den religiösen Bannstrahl des „Ayatollahs aus Neustadt“, wie er seither auch schon benannt wird, zu spüren.

Rainer Wagner ist aber nicht nur Leiter der Stadtmission, sondern auch Vorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). Diese ehrenamtliche Funktion verträgt sich wohl schlecht mit den religiösen Eifererfloskeln. Und so verteidigte sich der durch die Kirche Rheinland ordinierte Prädikant im  Wesentlichen damit, dass seine Äußerungen ausschließlich theologisch begründet gewesen seien und darum nichts mit seiner durchaus politischen Funktion als UOKG-Vorsitzender zu tun  hätten. Sogar eine im Übrigen gefahrlose Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft wurde bemüht, um seine umstrittenen Äußerungen rechtlich abzusichern. Denn  die Staatsanwaltschaft Frankenthal hatte bereits vor Jahren in dieser Sache „Religionsfreiheit“ attestiert und eine strafrechtliche Würdigung abgelehnt. Nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ folgten auch die UOKG-Verbände ihrem Vorsitzenden und sprachen  ihm das Vertrauen aus.

Auch Tatjana Sterneberg ein Knecht Satans

Am vergangenen Wochenende verließ Wagner wohl diese eisern verteidigte Linie und ging zwei ehemalige politische Häftlinge in einer Pause der von der Stiftung Aufarbeitung geförderten UOKG-Veranstaltung frontal an. Ausgerechnet im einstigen  Zentrum der Stasi erklärte er der bekannten ehemaligen Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, auch sie sei ein „Knecht Satans“, weil sie sich nicht bekehren ließe. Dem Vorsitzenden der Vereinigung 17. Juni attestierte er, ebenfalls ein „Knecht Satans“ zu sein, weil dieser nicht bereue. Wagner bestätigte auf Befragen mehrfach dieses Urteil und erwiderte auf die Frage, ob diese Äußerung zitiert werden dürfe: „Sie können das gerne zitieren, aber nur im Zusammenhang, sonst müsste ich Sie als Lügner bezeichnen.“ Der Zusammenhang:

Nach einem Vortrag des Psychotherapeuten und Liedermachers Karl-Heinz Bomberg hatte Tatjana Sterneberg die anschließende Pause genutzt, um Wagner auf die Bibelstellen anzusprechen, die er als Beleg für seine kritisierten Äußerungen über die „Knechte Satans“ angegeben hatte. Sterneberg meinte, diese Stellen würden mit „keinem Satz“ seine hetzerischen Äußerungen untermauern.

Rainer Wagner entgegnete, die zitierten Verse würden sehr wohl Aussagen über die Erbsünde, der wir alle unterliegen, machen. In  diesem Sinne sei auch sie, Tatjana Sterneberg, „ein Knecht Satans“. Es sei seine Pflicht als Seelsorger, ihr diese Wahrheit so ungeschminkt und offen zu sagen.  Auf die Frage nach der Begründung führte Wagner aus, Sterneberg ließe sich nicht bekehren. Nachdem er den entfernt sitzenden Vorsitzenden der Vereinigung 17. Juni „einen  Lügner“ genannt hatte, stellte ihn  der einstige Bautzen-Häftling zur Rede und fragte Wagner direkt, ob er ihn, Holzapfel, auch als „Knecht Satans“ bezeichnen würde. Der Neustädter Ayatollah antwortete mehrfach bejahend, auch Holzapfel sei „ein  Knecht Satans“, weil er nicht bereue, ohne diese Feststellung näher zu begründen. Holzapfel, der sich erschrocken zeigte über diese „Diffamierung“ durch einen  „Seelsorger“, fragte, warum er, Wagner, niemals seine „theologischen Thesen“, wie vor der Veröffentlichung erbeten, erläutert hätte. Möglicherweise wären dadurch Debatten im Internet vermieden worden. Wagner: „Ich schreibe nicht in  Ihrem Forum.“

Joachim Gauck: Wagner trifft staatspolitische Entscheidungen

Der UOKG-Chef hatte zuvor der staunenden Versammlung am Sonntagvormittag berichtet, kein Geringerer als der Bundespräsident selbst habe jüngst auf einem „Staatsakt“ für Zeitzeugen des 17. Juni im Schloss Bellevue, zu dem er auch eingeladen war, zu seiner Überraschung gesagt, der UOKG-Vorsitzende treffe sogar „Staatspolitische Entscheidungen.“ Wagner habe ihm (Gauck) im Vorfeld seiner (zweiten) Kandidatur einen Brief geschrieben und ihn dringend gebeten, für das Amt zu kandidieren. Dieser Brief habe schließlich den Ausschlag für seine, Gaucks, Entscheidung gegeben, sich einer erneuten Kandidatur zu stellen.

Wagner führte aus, wie sehr ihn  diese „öffentlichen Äußerungen“ bewegt hätten. Bewiesen diese doch auch, wie sehr die UOKG an Bedeutung gewonnen hätte, nachdem der Verband vor Jahren praktisch „am Boden gelegen“ und „kurz vor der Auflösung“ gestanden habe.

Ob der Bundespräsident, den Wagner als „Bruder“ bezeichnete, über dessen quasi zweite Funktion  als Ayatollah von Neustadt informiert war, ließ Wagner (natürlich) offen. Dass er möglicherweise den Bundespräsidenten durch die dargestellte Nähe zum Staatsoberhaupt mit seinen Thesen in Schwierigkeiten bringen könnte, scheint den theokratischen  Fanatiker von der Weinstraße wenig zu berühren. Die ausbleibende öffentliche Kritik an diesen Äußerungen und seine jüngste (erneute) Einladung in den Präsidentensitz scheint ihn darin zu bestärken, das einem überzeugten  Ayatollah alles möglich ist, selbst die religiös begründete Diffamierung anderer Religionen, einschließlich der Juden.

Der Ordnung halber sei noch einmal darauf hingewiesen, dass Wagner einkömmliche Reisen in das Land Abrahams nach Israel organisiert und durchführt und selbst in seinen Äußerungen keine Diffamierung, sondern eine theokratisch begründete Einstufung von Nicht-Christen in die Erbsünde sieht. Warum er diese harschen, von ihm theologisch begründeten Äußerungen nunmehr auch in Versammlungen der UOKG trägt, bleibt bislang sein Geheimnis. Das wiederum erscheint „den Knechten  Satans“ erklärungsbedürftig.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

 

von  

Man kann ihm nicht vorwerfen, nicht wenigstens alles versucht zu haben. Im Interview mit der „Zeit“ (4. Juli 2013) hat SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück jetzt auch den Verständnis-Ossi gegeben. Zum Beispiel für SED-Mitglieder. Im Grunde, meint Steinbrück, waren Genossen eine Art DDR-Folklore, so ein echtes Stück Gemütlichkeit Ost: „Das geschah oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, und zwar derselben, mit der man in Bayern in die CSU eintrat oder im Ruhrgebiet in die SPD.“

Sah das vom Westen aus tatsächlich so aus? Hattet ihr von den Aussichtsplattformen an der Mauer diesen Eindruck vom Funktionieren des SED-Regimes? Waren all die Aufmärsche und Paraden in euren Augen ein ausgelassenes Schuhplattler-Äquivalent mit Fahnen, Fackeln und Fanfaren?

Nun gibt es auch für Interview-Situationen wie diese eine goldene Regel von Dieter Nuhr, die im Zweifelsfalle noch immer weitergeholfen hat: „Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal sie Fresse halten!“ Aber Lila-Laune-Peer, weiß eben auch, wie das so war, damals im Osten. Wie bei der CSU. Nur ohne Lederhosen. Es sind Situationen wie diese, in denen man gern Gernot Hassknecht wäre, Steinbrück gegenüber stehen möchte und den Mundgeruch von Shrek haben: „JA HAT DIR DENN EINER INS GEHIRN GESCH…..!“

Hast Du, bestbestallter Vortragsreisender, eigentlich jemals einem Parteisekretär gegenüber gestanden?! Einem Mental-Zwerg in Polyamid-Anzug mit dem SED-Bonbon am Revers, der dir mit einem dummen Spruch in der Beurteilung oder einer klitzekleinen Weitermeldung das Leben ruinieren konnte? „Diskutiert destruktiv, steht nicht auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse…“

Nein, hast Du nicht, also rede auch nicht so einen Klugscheiß daher, den Dir irgendwer mal erzählt hat, der ehedem Bestzeiten im Mitlaufen bei der Bezirksspartakiade in Dessau errungen hat! In die SED gingen die 125%igen, Ideologen, Hetzer und Vordenken-Lasser. Und es gingen mindestens ebenso oft jene hinein, die einfach Angst hatten um ihre Familie, um ihren Job, Angst aufzufliegen mit ihrem geheimen Abkotzen über den Lauer- und Bekenntnisstaat. Nein, lieber Peer, das war nicht witzig, kein fröhliches Brauchtum im Politbüro-Stadl. Keine lässliche Vereinsmeierei, sondern die Indienstnahme der Gedankenlosen und die Erniedrigung der Ängstlichen. Systemparteien war vor 1945 nicht komisch, und sie waren es nach 1945 nicht.

Muss man dem Spitzenkandidaten der Sozialdemokratie 23 Jahre nach dem Ende der DDR ernsthaft erklären: Dass man aus der CSU noch immer ohne Schaden austreten konnte? Dass sich gar die Freien Wähler von den Christsozialen abgespalten haben und die CSU zu freien Wahlen antritt, theoretisch sogar abwählbar ist (wenn man nicht gerade Christian Ude aufstellt)?! Diese SED-Leute, haben nach 1945 Deine Genossen drangsaliert, Peer, und verhöhnen Euch bis heute, wenn sie es „Elemente von Zwang“ bei der Zwangsvereinigung zur SED nennen. Wer gedankenlos in die SED eintrat, wurde vom System inhaliert, missbraucht, zu einem Rädchen, das andere zermahlte. Wer für die SED „geworben“ wurde und sich aus Vorsicht und wegen des Drucks nicht entziehen wollte/konnte, war kein zechender Bajuwar oder büttenredender Karnevals-Sozi, sondern ein Umstands-Arrangeur, dessen Würde damals durchaus antastbar, formbar war.

Wenn es denn partout der Ossi-Peer sein muss, der sein Wählerstimmen-Schleppnetz über Neufünfland zieht, dann sag‘ es in Herrgottsnamen doch grad heraus: „Es war nicht alles schlecht!“. Trainiere Dir das Sächseln von Katja Kipping an und preise das „positives Erbe der DDR“ wie im „Zeit“-Interview, dass so viele Frauen im Osten arbeiteten. Ebenso gelte das für die bessere Kinderbetreuung. Es war eine schöne Zeit in der Produktion mit der Betriebs-Kita, wo wir schon „Kleine weiße Friedehhheeenstaube“ und den „Kleinen Trompeter“ (dieses „lustige Rotgardistenblut“!) singen konnten, bevor wir noch richtige Jungpioniere waren.

Und Deine Kompetenz-Schattenministerin Manuela Schwesig, die den rhetorischen Charme einer Grundorganisationsleiterin (GOL) nie so ganz wegbekommen hat, will ja auch wieder dahin zurück. Das Leitbild ist die vollbeschäftigte Frau, hat sie kürzlich verkündet. Wir brauchen sowieso viel mehr Leitbilder. Wie gut, dass rund um das „Haus des Lehrers“ in Berlin noch die Mosaike vom SED-Maler Walter Womacka erhalten geblieben sind, und auch am Bundesministerium der Finanzen gibt es noch diesen Wandfries mit den jungen, optimistischen Werktätigerinnen, die in eine lichte Zukunft marschieren. Mit uns zieht die neue Zeit. Lieber Peer, wir danken deer.

Wir danken der Redaktion „Die Achse des Guten“ für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe:

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/mach_doch_rueber_wenn_es_so_schoen_war

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