Offener Brief an die Bundeskanzlerin

von Anita Kutschkau*)

Berlin, 15.05.2013

„Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

mit großer Bestürzung habe ich am 10.05 2013 in der BZ von dem Aufmarsch der ewig Gestrigen gelesen. In voller Uniformierung der ehemaligen NVA  marschierte das rote Gelumpe in Treptow entlang. Das kann nicht wahr sein, dass diese Leute weiterhin ihre „Spielchen“ spielen können. Das ist eine Demütigung all derer, die in den Zuchthäusern wegen ihrer Meinung und ihrem Freiheitsdrang gesessen haben.

Demütigungen und Überwachung waren Tag und Nacht gang und gäbe.

Wir waren der Willkür des Wachpersonals total ausgeliefert. Das sich diese  „ Roten Socken“ weiterhin so verhalten  können ist nur möglich, weil Ihre Regierung es versäumt hat, dies gesetzlich zu unterbinden. Um solch ein Gesetz zu erlassen ist es wohl von Nöten, sich ein eigenes Bild von den Zuchthäusern, in denen politische Häftlinge über eine lange Zeit ihr Dasein fristen mussten, zu besichtigen.

Das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck öffnet Ihnen vielleicht die Augen, und  Sie kommen zu dem Entschluss, ein Gesetz zu erlassen, das diesem Treiben ein Ende setzt. Wir ehemaligen politischen Häftlinge danken heute schon dafür.

Auch müsste es verboten sein dass überall die Utensilien der ehemaligen DDR  zum Verkauf angeboten werden. Die gehören vernichtet. Auch dürfte es nicht mehr möglich sein, dass sich junge Leute in ehemaliger NVA

Anita Kutschkau inmitten von hem. Frauen von Hoheneck während der Buchmesse in Leipzig (Erste Reihe Mitte) -  Foto: LyrAg

Anita Kutschkau inmitten ehem. Frauen von Hoheneck 2013 während der Buchmesse in Leipzig (Dritte Reihe Mitte) – Foto: LyrAg

–Uniform vor dem Brandenburger Tor präsentieren. Die ausländischen Gäste werden in den Glauben versetzt, dass die ehemalige DDR ein Rechtsstaat war.

In der Hoffnung, dass Ihnen diese Zeilen zu denken geben grüßt  Sie

Hochachtungsvoll

Anita Kutschkau“

*) Die Autorin ist ehemalige Hoheneckerin. Obwohl schwanger, wurde sie am 23.09.1966 wegen  versuchter Republikflucht zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt. Von April 1967 bis August d.J. war sie im Frauenzuchthaus Hoheneck, ehe sie freigekauft wurde und nach Gießen ausreisen konnte.
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