Hoheneck/Berlin, 20.04.2013/cw – Schlägt die letzte Stunde für einen der historischen Vereine ehemaliger Verfolgter der SED-DDR-Diktatur? Für die Mitgliederversammlung Anfang Mai 2013 liegen dem Verein mehrere Anträge auf Auflösung des Vereins vor. Diese sollen in einer zusätzlich anberaumten Mitgliederversammlung am 4. Mai diskutiert und abgestimmt werden, teilte der Vorstand in Berlin den Mitgliedern mit.

Eine Auflösung käme allerdings zur Unzeit, da aktuell über die Errichtung einer Begegnungs- und Gedenkstätte in der Immobilie der einstigen DDR-Frauenhaftanstalt lebhaft diskutiert und zwischen den Beteiligten (Eigentümer, Stadt Stollberg, Land Sachsen) verhandelt wird.

Irritationen: Der tote Freund war nie in Bautzen und lebt ... (S.163)

Irritationen: Der tote Freund war nie in Bautzen und lebt … (S.163)

Der „Frauenkreis der ehemaligen  Hoheneckerinnen“, seit 2011 eingetragener Verein, war auf Initiative der ersten Vorsitzenden Maria Stein bereits Ende der fünfziger Jahre zunächst als regelmäßiger Treff ehemals aus politischen  Gründen Verurteilter gegründet worden. Die ersten Mitglieder bestanden ausschließlich aus ehemaligen  SMT- Verurteilten. Das waren Frauen, die in der Nachkriegszeit durch Sowjetische Militär-Tribunale aus politische Gründen zu meist hohen Freiheitsstrafen oder gar zunächst zum Tode verurteilt worden waren. Später öffnete sich der Kreis auch den durch DDR-Gerichte verurteilten Frauen, was besonders der Nachfolgerin Maria Steins, der ursprünglich durch ein SMT zum Tode verurteilten Margot Jann zu verdanken war. Heute besteht die Mitgliedschaft überwiegend aus einstigen DDR-Verurteilten, da die SMTler aus Altersgründen immer weniger wurden.

Die Schicksale der Hoheneckerinnen waren einer breiten Öffentlichkeit besonders durch den Besuch des Bundespräsidenten im  Mai 2011 und der damit verbundenen medialen Aufmerksamkeit bekannt geworden. Im selben Jahr wurde zur besten Sendezeit am 9. November in der ARD der Spielfilm „Es ist nicht vorbei“ mit Anja Kling, Ulrich Noethen und Tobias Oertel mit einer anschließenden Dokumentation ausgestrahlt. Ein Monat später legte der erste Förderverein eine umfassende Konzeption zur Schaffung einer Gedenkstätte vor. Im Sommer 2012 beschloss der Sächsische Landtag die Aufnahme von Hoheneck als förderungswürdig in das Sächsische Gedenkstättenstiftungsgesetz.

Irritationen: "Dafür kam ich in die Wasserzelle... (S.40), die kannte ich schon aus der U-Haft." Wasserzelle im  Krankenhaus? Folter für "gute Führung" und angepasstes Verhalten?

Irritationen: „Dafür kam ich in die Wasserzelle. Die kannte ich schon aus der U-Haft.“ … (S.40).
Wasserzelle im Krankenhaus? Folter für „gute Führung“ und angepasstes Verhalten?

Die aktuellen Auseinandersetzungen im Verein entzündeten sich an der kritischen Bewertung der Vorstandswahlen vom Mai 2012, als Inge Naumann, die Nachfolgerin Margot Janns, überraschend  abgewählt und durch Anita Goßler ersetzt wurde. Zusätzliche Belastungen entstanden jüngst durch irritierende harsche Vorwürfe gegen die amtierende Vorsitzende bezüglich ihrer ausgewiesenen Biografien über deren politische Verfolgungs- und Haftzeit in den fünfziger Jahren.

Kommentar:

Turbulenzen in einem Verein sind das eine. Etwas anderes ist der Antrag auf Auflösung eines Vereins, wie er jetzt der Mitgliederversammlung des Frauenkreises vorgelegt wurde. Abgesehen von den hohen Hürden ist die Auflösung dieses wichtigen Vereins die schlechteste Antwort auf geführte  Auseinandersetzungen.

Die meisten Frauen sind einst wegen ihrer politischen Überzeugungen in dem „dunklen Ort“ im Erzgebirge eingesperrt worden. Jetzt sollen sie wegen demokratischer Diskussionen im Verein den Frauenkreis auflösen, dessen vornehmste Aufgabe es seit Jahrzehnten war, an die Unterdrückung von Meinung und Freiheit in der Diktatur zu erinnern?

Auseinandersetzungen gibt es in vielen Vereinen, so seit Jahren in der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS). Deswegen löst man aber einen  so wichtigen Verein  nicht auf. Auch die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) mußte in den vergangenen Jahren schwere Zeiten durchstehen. Die UOKG hat ihre Probleme in heftigen, manchmal an die Substanz gehenden Diskussionen gelöst. Dabei stand hin  und wieder auch eine Auflösung im Raum, die aber niemals ernsthaft zum  Antrag erhoben wurde. Das war, das ist gut so.

Sacharbeit: Zum Beispiel die quälende Frage von Ellen  Thiemann beantworten: "Wo sind die Toten von Hoheneck?"

Sacharbeit: Zum Beispiel nach einer Antwort auf die quälende Frage von Ellen Thiemann suchen…

Der Frauenkreis wäre gut beraten, wenn  er sich auf seinen Ursprung besinnen und die anstehenden Probleme offen, ehrlich und fair diskutieren und einer Lösung zuführen würde. Eine Auflösung kurz vor dem Ziel der Schaffung einer würdigen Gedenkstätte wäre der GAU. Es blieben die vor der Tür, die finsterste Jahre ihres Lebens in diesem Gemäuer zugebracht haben. Ein zweites Mal würde über deren Köpfe hinweg entschieden werden. Daran kann keiner ein Interesse haben, am wenigsten  die Frauen von Hoheneck.

Carl-Wolfgang Holzapfel

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 030-30207785

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