Sie sang im Museumsflur einst das Halleluja

Ellen Thiemann im Museum Runde Ecke -Foto. LyrAg

Ellen Thiemann im Museum Runde Ecke –
Foto. LyrAg

Leipzig, 16.03.2013/cw – Seit einigen Jahren  stellt das Museum „Runde Ecke“ in Leipzig, einstige Stasi-Zentrale, anlässlich der Buchmesse Räumlichkeiten für Lesungen und Buchvorstellungen zur Verfügung. Soweit ein ehrenvolles Unterfangen.  Diesmal allerdings schien  den Verantwortlichen jede Sensibilität für die Opfer der einstigen SED-Stasi-Diktatur abhanden gekommen zu sein. Ausgerechnet Lesungen zum Thema des Stasi-Unrechtes wurden in einem langen, engen  Flur zu den Ausstellungsräumen veranstaltet.

Eine Zumutung für Autorin und Zuhörer: Lesung im engen Flur - Foto: LyrAg

Eine Zumutung für Autorin und Zuhörer: Lesung im engen Flur – Foto: LyrAg

Lesung im Zellen-Millieu

So beklagte auch Ellen Thiemann vor der Lesung zu ihrem jüngsten Buch „Wo sind die Toten von  Hoheneck“ am Freitag, sie fühle sich zurückversetzt in  die Enge der Zellen im einstigen Frauenzuchthaus Hoheneck. Sie sehe die Begründung für diese Verlegung der Veranstaltung  in einen Ausstellungsflur als völlig deplaziert und unangemessen. Die anwesenden Vertreterinnen der Verlags-Gruppe Langen-Müller-Herbig aus München, in der das Thiemann-Buch verlegt wurde, zeigten sich ebenso entsetzt über diesen Skandal und erwogen sogar eine kurzfristige Absage der Lesung. Lediglich die Tatsache, daß rund zwölf ehemals politisch verurteilte Frauen aus Hoheneck eigens bis aus Bayern zur Buchvorstellung angereist waren, ließen den Verlag von einem Eklat Abstand nehmen.

Zuvor hatte die Mutter des Museums-Leiters Tobias Hollitzer in der Begrüßung in Vertretung ihres Sohnes die seltsame Auswahl des Flures damit begründet, ihr wären auch erst einige Bedenken gekommen, aber sie habe sich dann  an das Leid in diesem Haus erinnert und daran, wie sie nach der Einrichtung des Museums gerade in diesem Flur mit voller Inbrunst oft das Halleluja aus dem Messias von Händel gesungen habe. Daran habe sie gedacht und gefunden, daß dieser Flur genau der richtige Ort für eine solche Veranstaltung sei.

Zwölf ehem. Hoheneckerinnen im engen Museums-Flur: Erinnerungen an Zellen-Enge - Foto: LyrAg

Zwölf ehem. Hoheneckerinnen im  Museums-Flur: Erinnerungen an Zellen-Enge – Foto: LyrAg

Verlegene Ausrede wie Faust aufs Auge

Die nachfolgenden Schilderungen der bedrückenden Zustände im einstigen größten  Frauenzuchthaus der DDR, die Ellen Thiemann auch nach den vielen Jahren oft mit vibrierender, von den Erinnerungen  überwältigter Stimme aus ihrem Buch vorlas, passten denn wie die berüchtigte Faust aufs Auge zu den verlegenen Ausreden von Frau Hollitzer.

Als eine weitere Provokation empfanden nicht nur die ehemaligen  Frauen von Hoheneck wie die Autorin die direkte Folge-Veranstaltung, auf der die einstige inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi, Jana Döhring, so ihr bisher nicht gelüftetes Stasi-Pseudonym,  ihr Buch „Stasi-Ratte“ vorstellte (HARTRIEGEL-Verlag Köln). Warum ausgerechnet der Chefreporter der Super-Illu, Gerald Praschl, die Moderation für diese Lesung übernahm, blieb nicht die einzige Denkwürdigkeit. Auch führende Redakteure aus dem Axel-Springer-Verlag (DIE WELT und BILD) ließen sich, ebenso wie der stv. Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen in  Berlin, erst zu dieser Veranstaltung blicken. Ein denkwürdiges Signal an die einst von der Stasi Gequälten und die Autorin, die in ihrem Buch unter anderem einige bisher nicht bekannte Stasi-IM entlarvte. Jedenfalls verließen die Hoheneckerinnen demonstrativ den Vorlesungsflur im Museum, um ihren „stummen Protest“ wenigsten sichtbar zu machen.

Super-Illu Gerald Praschel mit Stasi-Ratte-Autorin. Wer kennt "Jana Döhring"?Foto: LyrAg

Super-Illu Gerald Praschel mit Stasi-Ratte-Autorin. Wer kennt „Jana Döhring“?
Foto: LyrAg

Erlöse aus „Stasi-Ratte“ für Stasi-Opfer?

Zuvor hatte bereits Bruni Grabow von der Initiative „SED-Opfer-Hilfe“ im Internet zahlreiche Unterschriften  unter eine Protestresolution gegen diese Form der Förderung einstiger Stasi-Mitarbeiter gesammelt und veröffentlicht

(http://www.sed-opfer-hilfe.de/Protest%20Stasira.pdf).

Zwar soll „Jana Döhring“ in der Runden Ecke angekündigt haben, den Erlös aus ihrem Buch einer Hilfsorganisation für DDR-Verfolgte zu spenden. Ob sie dieses Versprechen  nachweisbar umsetzt steht derzeit ebenso in den Sternen, wie die Person, die tatsächlich hinter dem propagierten IM-Namen steht. Selbst der Moderator gab sich offenbar mit dieser Denkwürdigkeit zufrieden und soll auch noch nach der Lesung der „Stasi-Ratte“ keine Ahnung von der tatsächlichen  Identität der als Provokateurin empfundenen Bekennerin haben.

Impressionen von  der Leipziger Buchmesse:
Musste nach Protest von Stasi-Opfer Sterneberg die Messe verlassen - Hausverbot für DDR-Uniform-Träger- Foto: LyrAg

Musste nach Protest von Stasi-Opfer Sterneberg die Messe verlassen – Hausverbot für DDR-Uniform-Träger
– Foto: LyrAg

Begegnung mit Film-Stasi-Arzt Ulrich Noethen aus "Es ist nicht vorbei" -              Foto: LyrAg

Begegnung mit Film-Stasi-Arzt Ulrich Noethen aus „Es ist nicht vorbei“ – Foto: LyrAg

be-bra-Verlagsleiter Ullrich Hopp ("Der dunkle Ort") mit Tatjana Sterneberg - Foto: LyrAg

be-bra-Verlagsleiter Ullrich Hopp („Der dunkle Ort“) mit Tatjana Sterneberg
– Foto: Lyr

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