Heinrich Hagen – ein  deutsches Schicksal

Basse, 2.03.2013/cw (602) – Drei Wochen hatten sie ihn gesucht, mit Hubschraubern und Wärmebildkameras aus der Luft, mit Hunden im Moorgebiet, was die Findungsmöglichkeiten erheblich einschränkte. Heinrich Hagen, stolzer Eigentümer des „Moorhof“ genannten Anwesens mitten im moorigen  Wald bei Bad Sülze in Mecklenburg-Vorpommern, war seit Wochen spurlos verschwunden. Die Hunde, mit ihren berühmten Spürnasen ausgestattet, scheiterten nicht nur am Moor sondern wohl auch an den irritierenden Gerüchen, die eine  Rinderherde nahe dem Moorhof mit ihren  Fladen verbreitete. Nach über drei Wochen Suche fand sich Mitte Januar der Leichnam des Sechsundsechzigjährigen, nur ca. 150 Meter vom  Anwesen entfernt. Er war womöglich gestürzt, hilflos liegengeblieben und schließlich erfroren.

Der fehlendeTodestag weist auf das mögliche Drama hin - Foto:LyrAg

Der fehlende Todestag weist auf das mögliche Drama hin – Foto:LyrAg

 Heinrich Hagen, ehemaliger politischer Häftling der DDR, geboren am 26.09.1946, hinterließ Bestürzung und Trauer. Am 2. März 2013 wurde seine Urne nach einer bewegenden Feier in der alten evangelischen Kirche von  Basse, einem Weiler nahe der Ortschaft Tessin, auf dem Friedhof seines Geburtsortes in Anwesenheit seiner ersten Frau, seiner Geschwister, Kinder, Enkelkinder und zahlreichen Freunden beigesetzt.

Heinrich Hagen kam in Basse, nahe Rostock, als zweites von fünf Kindern zur Welt und wuchs mit seinen vier Geschwistern auf dem elterlichen Hof auf, bevor dieser in den 50er Jahren im Rahmen der Zwangskollektivierung enteignet und einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) zugeordnet wurde. Bereits mit drei Jahren mußte Heinrich wegen einer Erkrankung  bis zur Einschulung in  einem Tuberkuloseheim in Graal/Müritz zubringen.

Keine Zukunft in  der DDR

Abschied von einem Freund und KameradenFoto: LyrAg

Abschied von einem Freund und Kameraden
Foto: LyrAg

Nach der Ausheilung schlug Heinrich Hagen nach erfolgreichem Abitur die Militärlaufbahn ein und besuchte von 1965 bis 1968 in Plauen die Offiziersschule, wo er gleichzeitig eine Ausbildung zum Fachlehrer für Polytechnik und Werken absolvierte. Anschließend diente er bei der NVA in Berlin, von der er 1971 auf eigenen Wunsch entlassen wurde.

Im Anschluss wirkte der aufstrebende und karrierebewusste junge Mann drei Jahre bei der Deutschen  Außenhandelsbank und absolvierte nebenbei ein Fernstudium für Finanzökonomie. Von 1974 bis zu seiner 1976 folgenden Inhaftierung war er Hauptreferent im Amt für Rechtsschutz. In dieser Zeit nahm der bis dahin folgsame und vorzeigbare DDR-Bürger Verbindung zu einer Schleusergruppe  (Fluchthelfer) auf, weil er die DDR verlassen wollte. Berufliche Einblicke in die realen Verhältnisse der DDR ließen ihn resignieren. Er sah in der DDR keine Zukunft mehr.

Letzte Ruhe im Grab der Eltern - Foto: LyrAg

Letzte Ruhe im Grab der Eltern – Foto: LyrAg

Die Stasi versuchte den  Häftling  durch psychischen Druck und die Verabreichung von Psychopharmaka in der elfmonatigen Untersuchungshaft (Berlin-Pankow, Kissingenstraße) zum Eingeständnis seiner Schuld (Vorwurf: Geheimnisverrat an eine feindliche Macht) zu bewegen. Wegen der daraus erwachsenen Probleme wurde er schließlich zur Begutachtung in die Psychiatrie in Leipzig-Moisdorf eingewiesen. Hagen  konnte sich aufgrund der zwangsweise verabreichten Psychopharmaka später nur nebulös daran erinnern, mehrfach in  eine Zwangsjacke gesteckt worden zu sein. Vier Monate Isolationshaft hinterließen zusätzliche Spuren.

Der in der gemeinsamen Zelle inhaftierte Fluchthelfer verhinderte einen Selbstmordversuch; die zeitweilige Unterbringung mit einem Doppelmörder, der  auch versuchte, ihn sexuell zu belästigen, lösten bei Hagen traumatische Zustände aus.

Zwangsarbeit für IKEA

Unweit von der letzten Ruhestätte: Das Elternhaus in  Basse - Foto: LyrAg

Unweit von der letzten Ruhestätte: Das Elternhaus in Basse – Foto: LyrAg

Nach seiner Verurteilung zu sechs Jahren Zuchthaus im März 1977 wurde Hagen für vierzehn Tage nach Rummelsburg (Berlin) verlegt, wo ihm Ratten auf der Toilette entgegensprangen. Schließlich gelangte er nach Brandenburg, wo er in  Zwangsarbeit Möbel für einen  schwedischen Möbelhauskonzern leisten mußte (Holzverarbeitungswerke Burg). IKEA mußte sich erst im  letzten  Jahr schwerer Vorwürfe wegen der Ausnutzung politischer DDR-Gefangener erwehren.  Die Zugangszelle in Brandenburg mußte Hagen mit elf anderen Häftlingen teilen, davon allein neun  wegen  Mordes Verurteilten.

Der zuvor nie schweren körperlichen Arbeiten ausgesetzte politische Häftling erkrankte schließlich durch die Staubeinwirkung bei der Holzverarbeitung an einer Atemwegserkrankung, die einen operativen Eingriff in Leipzig notwendig machte. Nach seiner vorzeitigen Entlassung in die DDR 1979 stand er vor dem Zusammenbruch seiner Familie. Seine Frau hatte sich in Sorge um die gemeinsamen drei Kinder einem anderen Mann zugewandt. Zwar verließ seine Frau den neuen Freund, die Ehe war aber nicht mehr zu retten und wurde schließlich geschieden.

Nur drei Jahre später ehelichte Hagen  seine zweite Frau, die Ehe blieb kinderlos. Die durch die Haft verursachten schweren gesundheitlichen Störungen belasteten den einstigen Gefangenen zusehends. Die mangelnde Möglichkeit, in den Westen  zu gelangen, tat ein Übriges. Als Geheimnisträger war ihm dieser Weg versperrt. Der studierte Hagen mußte als Hausmeister in Berliner Schulen arbeiten.

Der Moorhof - Nur kurze Zeit ein Traum -                  Foto: Lyrag

Der Moorhof: Hier werkelte Heinrich Hagen nur wenige Jahre an seinem Traum – Foto: Lyrag

Erst nach dem Fall der Mauer gelang ihm wieder ein beruflicher Fortschritt. Er fand eine Anstellung als Referent im Bundesamt zur Regelung für offene Vermögensfragen. Die Haftfolgeschäden führten aber schließlich zu seiner vorzeitigen Verrentung. Nach langjährigen  rechtlichen Auseinandersetzungen wurde ihm eine umfassende finanzielle Entschädigung zugesprochen, die es dem einstigen  politischen Häftling erlaubten, das Anwesen im Moor zu kaufen.

Seine Frau mochte ihm nicht in die Einsamkeit folgen. Nach dreißig Jahren ließ sie sich scheiden. Heinrich Hagen litt unter diesem neuerlichen Schicksalsschlag, der den freundlichen und stets hilfsbereiten Menschen wohl aus der Bahn  warf.

Das Schicksal Heinrich Hagens steht symptomatisch für die erlittenen schweren Schäden der einst durch das SED-MfS-Regime politisch Verfolgten. Ein deutsches Schicksal. Die ihn kannten, werden den einsam in der Moor-Landschaft Verstorbenen  nicht vergessen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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