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Auch 2012 Demo vor dem Finanzministerium mit Klaus Wowereit (2.v.r.) und Frank Henkel (4.v.r.) - Foto: Landespresse

Auch 2012 Demo vor dem Finanzministerium mit Klaus Wowereit (2.v.r.) und Frank Henkel (4.v.r.) –

Berlin, 29.03.2013/cw – Die Vereinigung 17. Juni begrüßt den Beschluß der BVV Mitte, der Benennung des Platzes vor dem heutigen  Bundesfinanzministerium in der Leipziger-/Ecke Wilhelmstraße in „Platz des Volksauftandes von 1953“ zum 60.Jahrstag zuzustimmen. Damit seien die jahrelangen Bemühungen der Vereinigung endlich von Erfolg gekrönt. Die Kernforderung sei stets gewesen, die Erinnerung an den für Deutschland und Europa so wichtigen  Aufstand „über fünfzehn  Jahre nach der Wiedervereinigung“ endlich wieder an den Ort des ursprünglichen Geschehens zu führen. Die bisherige Durchführung von Erinnerungen ausschließlich in den einstigen  Westsektoren sei inzwischen anachronistisch und werde den aktuellen geschichtlichen Gegebenheiten nicht mehr gerecht, hatte die Vereinigung argumentiert. Am 16. Juni 1953 hatten sich vor dem einstigen Haus der Ministerien, dem ehemaligen Reichsluftfahrtministerium, tausende Arbeiter versammelt und für den 17. Juni den Generalstreik ausgerufen („Morgen früh, am Strausberger Platz!“).

Insgesamt drei Fototafeln erinnerten an den 17. Juni - Foto: LyrAg

Insgesamt drei Fototafeln erinnerten an den 17. Juni – Foto: LyrAg

Klaus Wowereit und C.W.Holzapfel vor der errichteten Tafel "17.Juni 1953" - Foto:LyrAg

Klaus Wowereit und C.W.Holzapfel vor der 2010 errichteten Tafel „17.Juni 1953“ – Foto:LyrAg

Acht Jahre Auseinandersetzung

Der jetzigen Zustimmung war eine seit 2005 andauernde Auseinandersetzung zwischen der Vereinigung und den beteiligten Institutionen vorausgegangen, wobei sich das Bundesfinanzministerium und die Bezirksverwaltung gegenseitig die Zuständigkeiten zuschoben: Der jeweils andere Partner sollte die Verantwortung für eine Benennung haben. Der Berliner Senat unter Klaus Wowereit hatte sich dagegen schon frühzeitig für eine Umsetzung ausgesprochen, erklärte sich allerdings für „nicht zuständig.“

Die jetzt nach acht Jahren vor dem Ende stehende Auseinandersetzung hatte zwei Jahre nach dem 50.Jahrestag begonnen. Im  Sommer 2005 hatte die Arbeitsgemeinschaft 13. August unter ihrer Direktorin Alexandra Hildebrandt den Kampf um  die Beibehaltung der Fototafeln am Gebäude des Finanzministeriums endgültig verloren. Der Denkmalschutz setzte sich gegen die Forderung der Arbeitsgemeinsachaft durch. Spontan hatte die Vereinigung 17. Juni am Tage der Foto-Tafel-Demontage aus Protest einen  unbefristeten Hungerstreik begonnen. Der Vorsitzende Carl-Wolfgang Holzapfel legte sich spontan auf die Mitte des Rüppel-Denkmals, das dort an den Aufstand erinnerte und ließ sich von anwesenden Protestanten mit Rosen zudecken. Er wolle damit die „Beerdigung von Geschichte“ an diesem Ort symbolisieren, erklärte seinerzeit der Hungerstreiker.

2005: Neun  Tage Hungerstreik

Hungerstreik: Mit Rosen symbolisch Geschichte begraben - Foto: LyrAg

Hungerstreik: Mit Rosen symbolisch Geschichte begraben – Foto: LyrAg

Bereits drei Tage später wurde der Appell auf die Wiederanbringung der Fototafeln durch die Forderung ergänzt, das Areal vor dem Ministerium in „Platz des 17. Juni 1953“ umzubenennen. Nach der Zusicherung des seinerzeitigen Berliner CDU-Generalsekretärs Frank Henkel und des Bundestagsabgeordneten Roland Gewalt, sich dauerhaft für eine entsprechende Benennung einsetzen zu wollen, beendete Holzapfel nach neun Tagen seinen vielbeachteten Hungerstreik.

In der Folge wurden vor einigen  Jahren immerhin nach vielen Gesprächen  und Verhandlungen vier Erinnerungsstelen und eine Tafel „17. Juni 1953“ auf dem Platz aufgestellt. Im Frühjahr 2013 wurden im  sogen. Säulengang weitere Tafeln mit einer Ausstellung über die Ereignisse vor sechzig Jahren angebracht. Die Vereinigung setzt sich für einen „dauerhaften Verbleib dieser wertvollen Informationen“ ein.

Unterstützung von UOKG und VOS

Bekräftigten  ihre Unterstützung: Roland Gewalt und Frank Henkel(von li.) - Foto: LyrAg

Bekräftigten ihre Unterstützung: Roland Gewalt und Frank Henkel
(von li.) – Foto: LyrAg

Die Benennung in „Platz des 17. Juni 1953“, die die Vereinigung seither an jedem Jahrestag vor Ort gefordert und mit Transparenten unterstrichen hatte, was „dankenswerter Weise“ von der UOKG und der VOS nachhaltig unterstützt wurde, war letztlich am Widerstand der Bezirksverwaltung gescheitert, da nach dem Berliner Straßengesetz eine Doppelbenennung nicht möglich sei. Zwar habe das die gleiche Bezirksverwaltung bei der umstrittenen Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße nicht so eng gesehen, obwohl nach dem einstigen APO-Führer bereits im Bezirk Steglitz-Zehlendorf (Ortsteil Dahlem) eine Straße benannt worden war, sagte Holzapfel augenzwinkernd, erklärte aber namens der Vereinigung, daß man mit dem jetzigen, vom Finanzministerium beantragten Namen sehr gut leben könne: „Für uns war die würdige Erinnerung vor Ort das erklärte Ziel!“ Ausdrücklich bedanke sich der Verein beim jetzigen Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble für die bevorstehende Umsetzung, die seine Vorgänger, unter ihnen Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, bedauerlicherweise  immer wieder aus formalen Gründen abgelehnt hätten. Auch sei der Verein froh über die unumgängliche Zustimmung des Bezirkes, die im durchaus nicht selbstverständlichen Konsens von allen Parteien unterstützt wurde. Das sei „für den bevorstehenden 60. Jahrestag ein  wichtiges Signal,“ so der Verein in seiner Erklärung.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin , Tel.: 030-30207785

Berlin, Ostern 2013 – Verein und Vorstand wünschen allen  Mitgliedern, Vorstandskollegen und Freunden unserer Vereinigung wie den treuen Besuchern unserer Seite

Gesegnete und frohe Ostern!

Mögen wir uns in  diesen Tagen besonders auch an den Sinn des Osterfestes erinnern, an das Aufeinanderzugehen, die Überwindung vermeidbarer hässlicher Auseinandersetzungen und die Dankbarkeit, in der erlebten Dunkelheit von Hass und Verfolgung nie das Licht aus den Augen verloren zu haben, das letztlich gesiegt hat.

Carl-Wolfgang Holzapfel            Joachim Fritsch        Tatjana Sterneberg  Vorsitzender                             Geschäftsführer          Schatzmeisterin

Hoheneck, 26.03.2013/cw – Die Große Kreisstadt Stollberg im  Erzgebirge hat auf ihrer letzten Stadtratssitzung Mitte März den aktuellen Haushalt mit großer Mehrheit verabschiedet. Darin enthalten: Eine Million Euro für die Anfangssanierung des einstigen DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck. Oberbürgermeister Schmidt, der sich besonders seit dem Besuch des Bundespräsidenten im Mai 2011 beachtenswert für eine Begegnungs- und Gedenkstätte engagiert, führte aus, dass die Sanierung „noch in diesem Jahr begonnen“ werden müsse. Das Dach des Südflügels sei so beschädigt, dass dieser Gebäudeteil den nächsten Winter nicht überstehen würde. Andererseits sei ein  Abriss undenkbar, allein der Denkmalschutz würde hier nicht mitmachen. Marcel Schmidt kündigte an, im Jahr 2015 eine weitere Million  seitens der Stadt für den gen. Zweck in den Haushalt einplanen zu wollen. Unabdingbar sei aber die Beteiligung des Landes und des Bundes. Eine Förderung in der Größenordnung von neunzig Prozent sei notwendig, um das ganze Projekt nicht zu gefährden, betonte der OB. Bisher lägen außer Absichtserklärungen keine verbindlichen Zusagen vor, demnächst würden aber entsprechende Gespräche in Dresden geführt.

Kritik an Förderung für einen Privatbesitz

Allerdings wurde im Stadtrat auch heftige Kritik an der Förderung des Privatbesitzes mit öffentlichen Steuergeldern geübt. Ein Stadtrat stellte die Frage, wieweit sich der jetzige Eigentümer an der Sanierung beteilige. Dieser habe erst vor Kurzem eine sicher nicht billige Villa gekauft. Marcel Schmidt erläuterte, die Stadt wolle mit dem Eigentümer einen Pachtvertrag über 25 Jahre abschließen, um das Konzept auf eine feste Grundlage zu stellen. Allerdings müsse die jetzt angestrebte Sanierung „für die nächsten vierzig bis fünfzig Jahre“ Bestand haben. Schmidt bestätigte die Verfolgung der bereits bekannten Konzeption, nach der die Ausstellung „Phänomenia“ im Nordflügel unverändert geplant sei. Die Gedenkstätte solle im Westflügel ihr Domizil erhalten, der Zellentraktes im Südflügel solle für eine ständige Besichtigung freigegeben werden.

Frauenkreis lehnt Übernahme einer Trägerschaft ab

Auch wenn aktuell über eine mögliche Trägerschaft der Gedenkstätte nicht debattiert wurde, zeichnet sich im  Vorfeld eine mögliche Beauftragung des (zweiten) Fördervereins „Schloss Hoheneck“ in Stollberg ab, nach dem der amtierende Vorstand des Frauenkreises der ehemaligen  Hoheneckerinnen einer möglichen  Trägerschaft eine deutliche Absage erteilt hatte. Die ehemalige Hoheneckerin Tatjana Sterneberg fasst die heftige Kritik unter den Mitgliedern zusammen: „Dieser Vorrats-Beschluss ist völlig unverständlich, zumal er an den Mitgliedern vorbei und offensichtlich impulsiv gefasst wurde. Damit sind die ehemaligen Frauen von Hoheneck vom eigenen Vorstand aus der Beteiligung an einer Begegnungs- und Gedenkstätte herauskatapultiert worden. Und dies ohne Not oder Druck im Vorfeld wichtiger Entscheidungen.“ Die Vorsitzende des (ersten) Fördervereins BuG Hoheneck e.V., stellte nach Rückfragen verwundert fest, das „selbst Mitglieder im Vorstand keine verbindliche Auskunft“ über einen derartigen Beschluss geben konnten, der gleichwohl den Mitgliedern in einem Anschreiben übermittelt worden sei. Selbst die Bundesregierung habe in ihrem Bericht zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur vom 16.01.2013 (Drucksache 17/12115, 17. Wahlperiode) noch die Mitwirkung des Frauenkreises an einer Gesamtkonzeption betont.

Pachtvertrag über 99 Jahre gefordert

Sterneberg bedauerte außerdem die jetzt in Rede stehende relativ kurze Laufzeit eines Pachtvertrages. Der Eigentümer hatte noch 2011 gegenüber Sterneberg einen üblichen Pachtvertrag über neunundneunzig Jahre ins Gespräch gebracht, „Das wäre angesichts der anvisierten öffentlichen Förderung durch Steuergelder auch angebracht,“ betonte die engagierte einstige Hoheneckerin.

V.i.S.d.P.:  Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 030-30207785

VOS-Organ "Freiheitsglocke" Nr.724, Februar 2013

VOS-Organ „Freiheitsglocke“ Nr.724, Februar 2013

Berlin, 22.03.2013/cw – Die geplante und in der Verbandszeitschrift „Freiheitsglocke“ (Februar 2013) für den 23. März angekündigte VOS-Demo vor der BStU in Berlin (Nähe Alexanderplatz) ist auf unbestimmte Zeit verschoben  worden. An der Demo sollten auch andere Vereine und Verbände ehemaliger SED-DDR-Verfolgter teilnehmen.

Wie die seit Januar 2013 tätige Geschäftsführerin Carola Stabe auf Anfrage mitteilte, kann die Demo gegen die nach wie vor in der Behörde des Bundesbeauftragten beschäftigten ehemaligen Mitarbeiter des MfS der ehemaligen  DDR „aus diversen Gründen “ derzeit nicht organisiert werden (Krankheit, erneute Veränderungen in der Zusammensetzung des zuständigen Berliner Landesvorstandes etc.). Außerdem werde vor einer Demo derzeit noch ein  Gespräch mit dem Bundesbeauftragten Roland Jahn angestrebt, der derzeit ebenfalls erkrankt sei.

BStU-Ortszeit: 23.03., 13:13Uhr - Nur die Skulptur stand im eisigen Wind vor dem Beschäftigungsort einstiger Stasi-Mitarbeiter - Foto: LyrAg

BStU-Ortszeit: 23.03., 13:13Uhr – Nur die Skulptur stand im eisigen Wind vor dem Beschäftigungsort einstiger Stasi-Mitarbeiter – Foto: LyrAg

Vera Lengsfeld wieder im  Amt

Die durch eine von ihrem Vorgänger Frieder Weiße offenbar organisierte dubiose Wahl abgesetzte einstige Bürgerrechtlerin Lengsfeld ist wieder im Amt. Die zuvor bereits gewählte VOS-Landesvorsitzende Berlin-Brandenburg ist durch Beschluß des Bundesvorstandes von dieser Woche erneut  in ihre Funktion eingesetzt worden. Wie weiter aus gut informierten Kreisen des Vereins verlautet, sollen im Sommer erneut Wahlen in Berlin-Brandenburg durchgeführt werden. Bis dahin sei Vera Lengsfeld „kommissarisch“ im Amt.

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Tel.: 03030207785

Berlin, 21.03.2013/cw – Wer erinnert sich nicht an die Verfilmungen von  Carl Zuckmayers Tragikkomödie „Der Hauptmann  von Köpenick“, legendär einmal mit Rudolf Platte und ein andermal mit Heinz Rühmann? Was haben wir gelacht über diese Köpenickiade des Schusters Friedrich Wilhelm Voigt (1849 – 1922), der es den Oberen mal richtig gezeigt hat, denen ein  Spiegel vorgehalten hat. Selbst Seine  Kaiserliche Majestät war entzückt. Die Tragik des verzweifelten Voigt ging im Gelächter unter, war aber doch die Grundlage seiner satirischen Beschreibung der Wirklichkeit. Dabei könnte diese Persiflage sinnbildlich auch heute so ablaufen. Ein verzweifelter Mensch rennt buchstäblich von Pontius bis Pilatus, um seine grundlegenden Rechte anzumahnen. Doch die Bürokratie ist unerbittlich: Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit. Oder: Ohne Anpassung an die obligatorische Political correctness (PC) keine gesellschaftliche Akzeptanz, ohne gesellschaftliche Akzeptanz kein Ausweis politischer Korrektheit.

Am 11.03., präzise um 11:25 Uhr (MEZ), stand vor den Schranken eines Berliner Gerichts wieder einmal eine hagere, von den Spuren des Lebens gezeichnete Gestalt, die schon äußerlich an die Voigtsche Darstellung durch Rudolf Platte erinnerte. Die Verhandlung verlief kurz und juristisch korrekt: Der Staatsanwalt verlas den erlassenen Strafbefehl, nach kurzer Beratungspause eröffnet die Richterin dem Beschwerdeführer gegen den Strafbefehl, er werde  amtlich begutachtet,  Ende der Verhandlung. Fortsetzung offen.

In seiner Berliner Kodder-Schnauzen-Art beschreibt der Begutachtungs-Delinquent  in seinem Internet-Tagebuch die Verhandlung u.a. so:

Der Staatsanwalt flüstert, als säßen wir bei ihm zu Hause auf der Couch, sodaß ich meinen Stuhl etwas zu ihm hin verschiebe, die Linke ans Ohr halte und dazwischenfahre: „Bitte etwas lauta, Herr Staatsanwalt!“ … dann weise ich ihn darauf hin …: „Een Staatsanwalt arbeetet uff Weisung. Klagen se mich hier uff Weisung … aussen Kanzlaamt an oda wat?!“ steigere ich mich vor Wut in Brüllerei. Dann spreche ich wieder in normaler Lautstärke:“… Herr  Staatsanwalt, bei mir fängt der bolschewistische Terror eben nich erst mitten Dreizehnten Aujust Eenunsechzich an, sondan früha. Und dadruff soll offensichtlich der Deckel jehalten werden. Meine Plakate jefallen manche Leute nich. Ick weeß… Wenn ick da jedetmal Anzeije astatten würde, wär ick schon im Papierkram astickt. Lesen se sich mal den Spiejel-Onlein-Hetzartikel jejen mich durch (Anmerkung: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/protest-am-reichstag-der-mann-der-berlin-blamiert-a-543460.html)….“ Die erstklassige schlanke Schönheit von  Richterin lächelt mehrmals. Ich weiß nur nicht, warum. … Die Richterin eröffnet mir, ich werde begutachtet …. Ende. … Zum Staatsanwalt gewandt: „Am liebsten würden se mich wegsperrn, wa? Für blöd aklärn und unta Vaschluß. Wie Justl Mollath und andre. …“.

An dem demonstrativen einstigen DDR-Häftling scheiden sich die Geister

An Gustav Rust (72) scheiden sich die Geister. Der knorrige, nach fast zehn  Jahren DDR-Haft leicht aus den Fugen  zu bringende Mann steht seit vierzehn  Jahren unermüdlich und fast tagtäglich an den „Weißen Kreuzen“ gegenüber dem Reichstag, um die Touristen an die Toten der Teilung Deutschlands zu erinnern. Er harkt und pflegt die Gedenkstätte, beschafft im Sommer Blumen, die er liebevoll einpflanzt oder auch in Vasen stellt. Jeder auf den Kreuzen verewigter Name soll so geehrt werden. Wäre Gustav Rust nicht, wären diese Kreuze schon längst beseitigt worden. Sogar der Dachverband der Opferverbände der SED-Diktatur hatte bereits sein Einverständnis mit der geplanten  Beseitigung im  Jahre 2011, also seinen Verzicht auf Proteste signalisiert, weil man der UOKG ein Denkmal für die Opfer des Kommunismus in Aussicht gestellt hatte.

An dem Bewahrer dieser Erinnerung reiben sich also nicht die diversen Kritiker. Es ist vielmehr der andere Rust, der die Gemüter – zumindest vordergründig – erhitzt. Rust hängt nicht nur Plakate mit Inhalten zur Vita der Mauertoten oder der Geschichte der Mauer aus.

Mehrere Texte verweisen auf den Zweiten Weltkrieg, auf die Opfer der Wehrmacht und die Verbrechen  der Roten Armee im Gefolge der Eroberung Osteuropas. Dazu verkauft Rust vor Ort an einem improvisierten Büchertisch DVDs und Schriften, die sich thematisch mit diesen Vorhalten auseinandersetzen. Das irritiert und verschnupft nicht nur gelegentlich, sondern fast schon permanent. Der Rat wohlmeinender Freunde des Dauer-Protestlers wird von diesem nicht nur ignoriert sondern oft genug in deftiger Weise, auch schon mal lautstark, zurück gewiesen. Rust hält die permanente Auseinandersetzung mit der Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart für unerlässlich. Nur so ließen sich die Morde an der Mauer, die Verbrechen des Kommunismus schlüssig erklären. Aber gehört die Warnung vor der „FDJ-Aktivistin Angela Merkel“ dazu oder ausgehängte Begriffe wie „PDS-Mörderbande“ oder „russisch-asiatische Horden“ (die in Ostpreußen Mädchen vergewaltigt hätten)?

Wer ist dieser Gustav Rust?

Wer ist dieser Gustav Rust? Ein verkappter (zumindest Wort-)Terrorist? Ein Neo-Nazi?

Rust wächst in der einstigen DDR auf. Bereits der Vater aus der Stadt Baruth wurde von einem Feldkriegsgericht im Zweiten Weltkrieg zum  Tode verurteilt. Rust wird aufmüpfig, hält eine gewisse Zeit den Mao-Kommunismus in China für die richtige Alternative, bis er schließlich durch die aufdiktierte Haft, die er über neun  Jahre in verschiedenen Zuchthäusern (u.a. in Cottbus) verbüßt, von den Segnungen jeglicher Form des Kommunismus geheilt wird. Hoffnungsvoll landet der Gezeichnete im Westen und verzweifelt schon bald an der Ignoranz seiner Landsleute gegenüber seinem und dem Schicksal zehntausender Leidensgenossen. Schnell durchschaut der kritische Geist die hohlen Worte zu diversen Gedenktagen als „Rituale ohne Herzblut“, als absolvierte, nicht gerade geliebte Pflicht eines Politikerlebens.

Als die Mauer geöffnet wird, keimt noch einmal kurz die Hoffnung auf, daß man sich nun der Schicksale der Diktatur widmen, den einst Verfolgten Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Stattdessen erlebt, zumindest in seinem Fall muss man konstatieren: erleidet er den Aufstieg alter SED- und Stasi-Kader in der Gesamtdeutschen Republik, die parlamentarische Etablierung der alten SED im neuen Gewand der PDS und nun der Partei DIE LINKE. Die Opfer der Diktatur hingegen sieht Rust „auf der Strecke geblieben“. Er ist nach eigenem Bekenntnis nicht gegen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Aber er brüllt oftmals seine Verzweiflung über die Nichtbeachtung der Opfer des Kommunismus heraus.

Auch darum wird es immer einsamer um den Mann mit der ostentativ getragenen DDR-Handschelle am linken Handgelenk, dem blauen Sträflingsanzug mit den aufgenähten gelben Streifen. Viele organisierte Haftkameraden meiden ihn  inzwischen, wollen nicht in den Geruch einer Neo-Nazi-Verbindung geraten. Andere, wenige, besuchen den verzweifelten alten Mann hin und wieder oder auch regelmäßig, um ihre menschliche Solidarität mit einem Haftkameraden zu bekunden, dem sie seine Verzweiflung und seinen  Bruch mit den realen politischen Verhältnissen abnehmen, den sie verstehen wollen und dabei oftmals selbst an ihrem mangelnden Verständnis für die ausgehängten  Texte an den und um die weißen Kreuze gegenüber dem Reichstag scheitern.

Zynisch wirkende Distanz

In dem von Rust zitierten SPIEGEL-Beitrag werden Vertreter des Bezirksamtes mit ihrer Hoffnung zitiert, daß Rust irgendwann einmal nicht mehr „mit Bewährung“ davon kommt. Zynischer kann man wohl kaum die Distanz zu einem Schicksal dokumentieren, das in  Gestalt des Gustav Rust nicht nur sehr deutsch wirkt sondern wohl auch sehr deutsch ist.

Gustav Rust ist kein Friedrich Wilhelm Voigt, er hat nicht demonstrativ eine Rathauskasse ausgeraubt, um auf die bürokratische Funktionalität aufmerksam zu machen, die menschliche Belange außen vor lässt. Aber er erinnert in seiner tagtäglichen Verzweiflung an die fehlende Sensibilität gegenüber den Menschen, die erneut Opfer eines unmenschlichen Systems geworden sind und deren Fehler nach seiner Ansicht nur darin  zu bestehen scheint, zu spät geboren worden und daher  n u r  Opfer des Kommunismus geworden zu sein. Ähnlich wie beim  Hauptmann von Köpenick, bei dessen aus der Verzweiflung geborenen Köpenickiade das Lachen im Halse stecken zu bleiben droht.

Der alte Mann nahe dem Brandenburger Tor provoziert und wird darum immer wieder selbst Opfer gezielter Provokationen und auch Lügen. Am Ende stehen immer wieder Gerichtsverhandlungen, die letztlich das Problem nicht lösen. Man kann und man muß nicht alle Rust-ikalen Meinungen und Äußerungen teilen. Aber man kann trotzdem so etwas wie Verständnis aufbringen für die Verzweiflung eines Menschen, dessen Vita keiner nachleben möchte. Wenigstens kurzfristig hatte Seine Kaiserliche Majestät Verständnis für den Schuster Voigt. Die Kaiserzeit ist zwar lange vorbei, sein Verständnis für einen Außenseiter sollte uns aber nicht nur in Erinnerung bleiben.

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfg.Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785

 

 

 

 

 

 

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