Auch die Stiftung Aufarbeitung förderte die eindrucksvolle Veranstaltung

Auch die Stiftung Aufarbeitung förderte die eindrucksvolle Veranstaltung – Foto: LyrAg

Stollberg/Hoheneck, 18.02.2013/cw – Rund zweihundert Menschen hatten sich am Wochenende am Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus vor dem ehemaligen DDR-Frauenzuchthaus in Hoheneck eingefunden, um  an einen dunklen Tag der Geschichte an diesem Ort zu erinnern. Vor 63 Jahren trafen hier 1.119 Frauen aus den aufgelösten Speziallagern Sachsenhausen, Bautzen und Waldheim zur Verbüßung ihrer durch Sowjetische Militärtribunale verhängten  drakonischen Freiheitsstrafen ein.

Margot Jann und Anita Gossler - Foto. LyrAg

Margot Jann und Anita Gossler – Foto. LyrAg

Die Sowjetische Besatzungsmacht hatte für das einstige Konzentrationslager den Begriff „Speziallager“ kreiert, der sich seltsamerweise bis in den heutigen  Sprachgebrauch verankert hat, obwohl die Fortführung eines Nationalsozialistischen KZ nach der deklamierten Befreiung einen politischen  und menschenrechtlichen Skandal an sich darstellt.

Die über tausend Frauen, unter ihnen  einst zum Tode Verurteilte und dann zu 25 Jahren Freiheitsentzug „begnadigte“ Frauen wie Margot Jann, wurden zuvor in Sachsenhausen für den Sammeltransport nach Hoheneck zentriert. In Praxis der von den Nationalsozialisten ebenfalls abgeschauten besseren Viehwaggons wurden die inhaftierten oftmals blutjungen Frauen zum Bahnhof in Stollberg transportiert.

Dicht gedrängt im Schatten der Burg -    Foto: LyrAg

Dicht gedrängt im Schatten der Burg – Foto: LyrAg

Weil man sich dann doch scheute, den Elendszug durch die Stadt zu treiben, wurden Busse und Lastwagen an den Schienenstrang beordert, um  den Transport in die Haftanstalt vor den Bürgern der Stadt zu verbergen.

So mussten sich in den Kerkern des einstigen Weiberzuchthauses, bereits von den Nazis für die Inhaftierung politisch Verfolgter missbrauchten, für ca. 600 Gefangene ausgelegten Gemäuers die Frauen in Stapelbetten und auf Strohsäcken den kargen Platz teilen. Erst 1956 konnte die letzte SMT-Verurteilte die Haftanstalt verlassen, nachdem durch einen  Hungerstreik im Sommer 1953 die schrittweise Entlassung geradezu erzwungen worden war.

Auch UOKG und VOS ehrten die Toten

Der Posaunenchor der örtlichen Kirchengemeinde umrahmte, wie seit vielen Jahren, die feierliche Kranzniederlegung am Gedenkstein; Pfarrer i.R. Horst Escher sprach zwischendurch geistliche Worte.

Für den Eigentümer Jens Franz, Reiner Kunz v.d. Stadt Stollberg und Landrat Frank Vogel - Foto: LyrAg

Für den Eigentümer Jens Franz, Reiner Kunz v.d. Stadt Stollberg und Landrat Frank Vogel –            Foto: LyrAg

Zuvor hatten Abordnungen ihre Kränze niedergelegt, unter diesen an erster Stelle Margot Jann und Anita Goßler, ehemalige und amtierende Vorsitzende des Frauenkreises; der Landrat des Erzgebirgskreises, Frank Vogel; für den erkrankten Oberbürgermeister der Amtsleiter der Stadt Stollberg, Reiner Kunz; der Vorsitzende des zweiten Fördervereins Hoheneck, Dietrich Hamann; für den Vorstand der  UOKG Rainer Schneider; die VOS Chemnitz und für den ersten  Förderverein BuG Hoheneck der Vorstand Tatjana Sterneberg und Waltraud Thiele. Auch die Bundestagsabgeordneten Günter Baumann und Marco Wanderwitz waren neben weiteren Repräsentanten vertreten.

Unter den angereisten ehemals aus politischen Gründen verurteilten Frauen waren auch einige SMT-Verurteilte, stellvertretend genannt Buchautorin Erika Riemann aus Hamburg („Die Schleife an Stalins Bart“) und Anneliese Gabel aus Berlin (siehe Foto).

SMT-Verurteilte: Lenchen Köhler (verd.),Traudel Becker,Margot Jann,Erika Riemann,Anneliese Gabel,Rosemarie Schmidt,Lucie Fischer(verd.) und Annemarie Krause (v.l.), im Bild : A.Latotzky - Foto: LyrAg

SMT-Verurteilte: Lenchen Köhler (verd.),Gertrud Becker,Margot Jann,Erika Riemann,Anneliese Gabel,Rosemarie Schmidt,Lucie Fischer(verd.) und Annemarie Krause (v.l.), im Bild mit Brille: A.Latotzky –  Foto: LyrAg

 In der anschließenden bemerkenswerten Gedenkfeier im neuen Kleinod der Stadt, dem „Bürgergarten“ mit seinen historisch restaurierten sehenswerten Deckenfresken, erinnerten mehrere Redner in Grußworten an das historische Ereignis vor dreiundsechzig Jahren. Beeindruckend der Vortrag des jungen Doktoranden Sebastian Lindner, der seine demnächst zur Verteidigung anstehende Doktorarbeit der Geschichte der einst größten  DDR-Frauenhaftanstalt  gewidmet hat.

Bundespräsidentenbesuch wurde schamhaft verschwiegen

Von  den Gästen  kaum bemerkt fiel dem aufmerksamen Beobachter jedoch auf, daß Landrat Vogel in  seinem Grußwort nur von seiner ersten beeindruckenden Besichtigung des Zuchthauses „im Mai 2011“ sprach, ohne den seinerzeitigen  Anlass, den Besuch des Staatsoberhauptes Christian Wulff auch nur zu erwähnen.

Auch hier auf der anderen Seite: Beobachter aus der Vergangenheit von  Hoheneck -                    Foto: LyrAg

Auch hier auf der anderen Seite: Beobachter aus der Vergangenheit von Hoheneck – Foto: LyrAg

Angesichts der Bedeutung des Besuches für die seitherige Aufmerksamkeit um Hoheneck und der seinerzeitigen  Bemühungen Vogels um einen Eintrag des Bundespräsidenten in das Goldene Buch des Landkreises zumindest befremdlich. Auch die Chance, die erste und gelungene Veranstaltung des zweiten Fördervereins zu nutzen, um der Öffentlichkeit wenigstens kurz und prägnant die vielfältigen aktuellen Beschwernisse bei der Umsetzung einer geplanten Begegnungs-. und Gedenkstätte aufzuführen, wurde leider vertan. Der Vergangenheit, hier besonders der SMT-Verurteilten, wurde so angemessen und würdig gedacht, der Zukunft des Gedenkens so gut wie keine Aufmerksamkeit gewidmet. Schade.

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“, Stollberg/Berlin, Tel.: 03030207785

Alle Fotos: © 2013 LyrAg – Weitere Fotos können angefordert werden