Liebe in Zeiten der Hühnerhofmediokratie

Ein Gastbeitrag von Susanne Baumstark

Garmisch, 12.02.2013 – Gesucht, gefunden: Die Wege zum Kommunismus führen augenscheinlich über die Liebe. Fast alle lieben Gysi, wie man etlichen Zeitungen und Leserkommentaren entnehmen kann. Einer seiner Genossen könnte gar einen Weinkrampf bekommen haben. Anders wäre sein fluchtartiges Verlassen des Immunitätsausschusses kaum erklärbar, worüber der Tagesspiegel informierte: „Vertreter der Linken war der sächsische Abgeordnete Jörn Wunderlich, selbst in den 90er Jahren Richter in Chemnitz. Er aber konnte seine Genossen nicht über die Aufhebung von Gysis Immunität informieren, denn er war just in dem Moment aus dem Saal, als Ausschusschef Thomas Strobl das Thema aufrief.“ Na sowas. Da scheint es einen ganz schwer erwischt zu haben. Liebeskummer wegen Gysi eben.

Die Rücktrittsforderungen aus Koalitionskreisen scheinen nur auf den ersten Blick lieblos, wenn auch möglicherweise blind vor Liebe. Denn ginge Gysi, stünde Lafontaines Liebste, die sich selbst schon ausführlich zur Liebe äußerte, unmittelbar auf dem roten Teppich. Ob wohl die Geliebte des Brutus aus dem Saarland als Gysi-Ersatz auch ein Wunschziel der Koalition ist? Die Liebe zur Beschaulichkeit ist ja seit der Affäre Brüderle auch in vorgeblich konservativen Kreisen allseits bekannt. Da können verliebte Gockel schon mal, blind vor Liebe, Verbindungen zur Kommunistischen Plattform übersehen. Wagenknecht statt Gysi tut der Liebe jedenfalls keinen Abbruch, den öffentlich-rechtlichen Talkshows sicher auch nicht. Schließlich versuchen uns die Medien fast durchgängig seit Monaten beizubringen, um welch anbetungswürdige Politikerin es sich dabei handelt. Die elegante Frau faltet ihre schlanken Hände und ähnliche Dinge konnte man unlängst lesen. Liebesbriefe statt Artikel eben.

Aus lauter Liebe zur Konsequenz erhebt sich selbige Politikerin nicht, wenn Schimon Peres anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Bundestag spricht. Und ihre Missachtung gegenüber Stasiopfern erfolgt wohl aus Liebe zur Geradlinigkeit. Unserer Schnatterindustrie ist jedoch viel wichtiger, die Öffentlichkeit über Wagenknechts Liebe zu schönen Reisen und guten Restaurants zu informieren. Investigative Höchstleistung ist eine politisch höchst bedeutsame Recherche zu einem Vorfall aus ihrer Kindheit: Sie fackelte einen Weihnachtsbaum ab. „Es macht ‚Puff!‘, und der schöne Weihnachtsbaum brannte lichterloh.“ Journalistenblödelei statt Aufklärung eben.

Am Ende wird es schon klappen, die Linke mit ihrer Zugstute wieder in den Bundestag zu hieven. Der bisherige Zughengst kann ja inzwischen auch wirklich mal in die Seniorenliga abtreten. Ganz bestimmt bekommt er dort boulevardträchtiges Gnadenbrot gereicht. Empfohlener Leitspruch für den künftigen Wahlkampf ist ein Zitat von Goethe: „Wahrhaft Liebende betrachten alles, was sie bisher empfunden, nur als Vorbereitung zum gegenwärtigen Glück.“

Susanne Baumstark ist freie Redakteurin und Diplom-Sozialpädagogin

V.i.S.d.P.: Susanne Baumstark, Garmisch, c/o Tel.: 030-30207785 (Admin)

Anmerkung der Redaktion: Die Anzeige gegen Gysi soll ein „ehemaliger Richter“ erstattet haben. Der zeitgerechte Nestflüchter aus dem Immunitätsausschuss war einst Richter. Ob sich hier das neutestamentarische Liebesdrama um Judas gegenüber seinem Herrn wiederholt hat, muss allerdings Spekulation bleiben. Wie so vieles in der Politik und der Liebe.