Berlin, 12.12.2012/cw – Vorausgeschickt: Der Roman ist die Langform der schriftlich fixierten Erzählung. Die Autobiografie beschreibt das Leben des Autors. Ein Sachbuch will ein bestimmtes Sachthema für ein unwissendes oder bereits vorgebildetes Publikum darstellen.

Edda Schönherz, („Eine begehrte Fernsehmoderatorin begehrt auf.“), hat in den letzten Wochen und damit pünktlich zur Weihnachtszeit ihr broschürtes Buch „Die Solistin“ als Roman vorgelegt. Auf 205 Seiten (ohne mehrseitige Fotos und Dokumente) schildert die „Zeitzeugenreferentin für politische Bildung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen“ ihr bewegtes Leben zwischen dem magischen Möbel  der Besetzungs-Couch („Kommt man einmal darauf zu „liegen“, kommt man nicht mehr davon frei. Man klebt fest.“), der Reise nach Ungarn, die ihr Leben veränderte und dem neuen Karriere-Start im  Bayerischen Fernsehen.

CoverDieSolistinDa die Autorin auf dem Cover ihr Schreiberzeugnis selbst als Roman bezeichnet, brauchte man über die Frage nach geschichtsbewusster Wahrhaftigkeit eigentlich nicht nachzudenken. Der Inhalt wie die beigefügten Dokumente belegen dann aber eher eine vorgelegte Autobiografie, unterlegt mit teils ausführlichen Anmerkungen, die wiederum einem Sachbuch gut zu Gesicht ständen. Bleiben wir bei dem ausgewiesenen Roman.

Bei aller Freiheit ist hier aber die dreiste Abweichung von historischen Abläufen durch Behauptungen zumindest für den kundigen Leser – und an den richtet sich ja wohl dieser „politische“ Roman in erster Linie – ärgerlich.

Beispiel: Der Vater verstarb 1958. Als das junge Mädchen während des Reitunterrichtes (laut eigenen Angaben auf der Buchvorstellung in Rostock „eine  jedem DDR-Bürger offen stehende Möglichkeit“)am 13. August 1961 von den Absperrmaßnahmen der DDR erfährt, erinnert sie sich an die Worte ihres Vaters: „Der Amerikaner lässt niemals zu, dass eine Mauer gebaut wird“. Auch die deutlichen Worte des Stallmeisters: „Ulbricht hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ am 13. August zu der jungen  Reit-Elevin dürften eher der berühmten  Pressekonferenz Ulbrichts im Juni 1961 entlehnt worden sein, als dem Geschehen „gegen  Mittag vor dem Reitstall auf einer Bank“.

CoverDieSolistin2_NEWÜberhaupt scheint sich die Autorin in den Vorstellungen des beabsichtigten Romans verfangen  zu haben, sah sich also offenbar nicht verpflichtet, es mit den tatsächlichen Geschehnissen so genau zu nehmen. So klingt beim Abschied von ihrem wehrpflichtigen Mann auf einem DDR-Bahnhof (April 1963) aus den Lautsprechern Elvis Presleys „Muss i denn,/ muss i denn, /zum Städtele hinaus, / Städtele hinaus, / aber du mein  Schatz bleibst hier.“ Dass der junge Ehemann noch im selben  Jahr mit dem Todesurteil Blutkrebs zu seiner kleinen Familie (die junge Mutter hat inzwischen zwei Kinder zur Welt gebracht) zurückkehrt, berührt ohne Zweifel. Warum Peter ein Staatsbegräbnis bekommt, („Es gibt ein großes Brimborium Staatsflagge, Stahlhelm auf dem Sarg, und 12 Mal Salutschüsse.“), dass lässt die Roman-Autorin im Ungewissen. Hingegen wählt sie „für meinen Teil den Weg nach vorn“.

Durch Beziehung erhält sie eine Anstellung als Textilkauffrau, macht dort ihren Großhandelskaufmann. 1966 lernt sie schließlich Hans-Joachim Schönherz kennen, der neben seinem Beruf als Bootsbauer die Artistengruppe „Die Luftkometen“ leitet. „Ich bin  Feuer und Flamme, nicht nur für ihn, sondern steige auch mit in die Gruppe ein. Ich trainiere hart, um  auch hier meinen Mann  zu stehen“.

Edda Schönherz registriert: „In dieser Zeit munkelt man auch schon, der eine oder die andere in unserer Truppe, sei womöglich Informant der Stasi. Auch dieser Aspekt dringt nun tiefer in mich ein. Oft beherrschen derartige Diskussionen die Zeit vor den Auslandsgastspielen. Neben Auftritten im sozialistischen Ausland kommen schließlich West-Gastspiele hinzu. So weilen wir auf Einladung der KPÖ einige Male in Wien“.

CoverDieSolistinInnen_0001_NEWNeben ihrer artistischen Arbeit führt die Autorin auch durch das Programm und wird auf diese Weise schließlich vom DDR-Fernsehen entdeckt. „Als ich schließlich begreife, dass sein Angebot durchaus ernst gemeint ist, schwinden mir vor Freude die Sinne“. Die Schilderung des Wochen  später stattfindenden Vorsprechtermins in Adlershof ist eine der wenigen authentisch wirkenden Beobachtungen und spritzig formuliert:

Zum Teil sind die Hüte noch größer als der Mund, hier und da grell geschminkt flitzen sie durch den Raum. Die Kleider, die sie tragen, sehen  aus wie aus Kostümfilmen. O je.“

Dann wird die Kandidatin aufgerufen: „Nur nichts vorspielen. Nur nicht in Szene setzen.“ Schade, dass diese Einsicht wohl nicht vorgehalten hat. Titel und Foto von „Die Solistin“ stehen diametral gegen die Einsicht der damals jungen Frau.

Jedenfalls kommt Schönherz in die engere Auswahl, wird schließlich engagiert. Zuvor muß sie allerdings eine dreijährige „Ausbildung an der Fernsehakademie in Berlin-Adlershof“ absolvieren, um  dann  schließlich am 4. Oktober 1969 „mit dem Tag der Eröffnung des DDR- Farbfernsehprogramms auf dem Bildschirm präsent“ zu sein. Wie die zeitliche Abfolge zwischen Einarbeitung und Aufstieg bei den Luftkometen mit der endlichen Werbung durch den DFF und der folgenden dreijährigen Ausbildung in die behaupteten Geschehnisse zwischen  1966 und 1969 passen, läst Schönherz auch in diesem Fall offen.

O-Ton 2009: "Ich schrieb ja meine Texte selbst"

O-Ton 2009: „Ich schrieb ja meine Texte selbst“

Die Ärgerlichkeiten werden schließlich zur Provokation des gebildeten Lesers. Zu Beginn ihrer Fernseh-Karriere beschreibt die Ansagerin: „Bereits Wochen vorher bekommen wir unsere Texte zum Lernen. Jede einzelne Zeile ist vorher vom zuständigen  Lektorat des ZK abgesegnet und kontrolliert“ (Seite 32), um vier Seiten weiter (36) zu schildern: „Für einen DDR-Fernsehmoderator gilt der Grundsatz: Jeder Text zu den anliegenden Themen ist aus eigener Feder abzugeben. Bezüglich der Sendetauglichkeit der Texte findet jeden Montagvormittag extra eine Sitzung statt. … Vor der Sitzung gehen die Texte durch die Zensur des zuständige Lektorats.

Auch die folgende Schilderung der peinlichen Überwachung („Am Hebel sitzt stets ein hauptamtlicher Stasimitarbeiter. Auch IM kommen hierfür in Frage“.) lässt die im ganzen  Buch unbeantwortete Frage aufkommen, warum Schönherz nach eigener Darstellung von Anfang an um  das DDR-Stasi-System wusste und sich dennoch diesem System verschrieb?

Im Kontext zu diesen Fragwürdigkeiten steht dann  auch die beabsichtigte Flucht über Ungarn. Zwar schildert Schönherz ausführlich Informationsgespräche in der BRD- und US-Botschaft in Budapest. Festgenommen wird sie hingegen in der Nähe der jugoslawischen Grenze (wo man keinerlei Fluchtabsichten hatte). Und: Ohne Erklärung der Hintergründe wird Schönherz wieder freigelassen und darf selbst nach Ost-Berlin  zurückfliegen. Üblich war die Abholung durch eigens entsandte Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit.

Auszeichnung für die Solistin

Auszeichnung für die Solistin

Auf alle bedauerlichen Ungereimtheiten einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Eine wichtige Behauptung sei hier aber noch erwähnt: Auch in dem vorliegenden Buch schildert die „politische Referentin“ die Mär von ihrem „eigenen Haus“ (Seite 41), dass ihr durch die Stasi-Machenschaften abhanden kam. Recherchen ergaben zweifelsfrei, dass weder Schönherz noch andere Familienangehörige zu keiner Zeit mit diesem Haus im Grundbuch eingetragen waren. Warum dann  diese Mär, die auch außerhalb des vorgelegten Romans kolportiert wird?

Die „Solisten“-Broschüre lässt Zweifel an der behaupteten Moderatoren-Tätigkeit zu, jedenfalls ist von den einst vermittelten Fähigkeiten kaum  etwas zu spüren. Die Autorin kennt offenbar auch nicht die Unterschiede zwischen Roman, Biografie und Sachbericht. Schade. Persönlich hätte ich der Autorin einen großen Wurf gewünscht.

Die Autorin schrieb in das Rezensionsexemplar einen sehr schönen Satz: „Vergessen ist menschlich, aber politisch sehr gefährlich.“ Ich habe mich für die menschliche Variante entschieden. Und: Rezensionen sind immer subjektiv. Sie müssen also, neben der Sachkritik, nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen.

Edda Schönherz. „Die Solistin“, Eigenverlag, 14,95 € (zzgl. 2,50 € Porto), ISBN978-3-00-038562-9, Oktober 2012 – 1. Auflage.

Für interessierte Leser zum Abgleich: Das Leben zweier Anderer  / Playboy 2/2009  http://www.christoph-woehrle.de/download/pdf/0902_playboy.pdf

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