Berlin, 9.November 2012/cw – „Die Erziehung … zum Hass ist notwendig, sie muss Bestandteil unserer Erziehung zu einem kämpferische Humanismus und zum Patriotismus in unserer Zeit sein. Hass ist in unserer Zeit als politisch-moralisches Gefühl, ein ebenso hoher sittlicher Wert wie die Liebe(…).“ (Quelle: Pädagogik; Berlin Ost 1957, H 4,8, S.264/269; zit. bei Sauer/Plumeyer 1991, S.51; vgl. Gries/Meck 1993.)

Man soll ja nicht gleichsetzen, aber man darf vergleichen: Während im  Dritten Reich der Nationalsozialisten die Erziehung zum Hass kaum  notwendig war, weil sich ein Volk mehrheitlich mit der NS-Bewegung identifizierte, also wohl ein Grundhass auf alles Fremde latentierte, war die Ausgangssituation in  der von  sowjetischen Gnaden gegründeten DDR eine andere: Die Bevölkerung spürte keinen Hass gegen den „Westen“, schon gar nicht gegen den anderen Teil Deutschlands. Man war überdies auch noch verwandtschaftlich verbunden. Also mußte ein Programm der Erziehung zum  Hass aufgelegt werden.

Der Widerspruch im antifaschistischen Staat DDR zeigte sich auch hier auf ganzer politischer Breite. Der vorhandene oder aktivierte Hass auf bestimmte Gruppen führte einst über die Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“) geradewegs in die mörderisch geplante Vernichtung von Millionen Juden, Sinti und Roma. Hass als Mittel der Politik schien nach diesen schrecklichen Erfahrungen in  unseren Breiten für immer ausgelöscht oder zumindest als völlig indiskutabel. Den Kommunisten in  der DDR blieb der Versuch  vorbehalten, diese widerlichste, immerhin historisch gewordene Seite der Deutschen mit einem eigens geschaffenen pädagogischen Programm neu zu beleben. Dennoch hindern diese und andere Tatsachen, wie der endliche Bau einer Mauer und die befohlenen neuerlichen Morde mitten in Deutschland die Nostalgiker der DDR nicht daran, diese zu verklären. Bis hin zur Trauer über deren Untergang.

Verdrängung und einseitige Bedeutungszuweisung

Dieser offenbare Zwiespalt in der Beurteilung der eigenen Geschichte war aber keineswegs DDR-typisch, sondern gesamtdeutsch. Er wird nicht zuletzt im Umgang mit einem Datum deutlich, das wie kein zweites in der deutschen Geschichte emotional belastet ist: Stolz und Trauer, Freude und Unglück spiegeln sich im 9. November. Keine Nation kann auf einen  Tag verweisen, der so viele geschichtsträchtige, für eine Nation bedeutsame  Daten aufweist, wie dieser trübe, nebelverwobene, Angst- und tumultartige Freude auslösende Novembertag. Doch wie gehen die Deutschen damit um? Möglichst gar nicht und wenn, dann gespalten in Verdrängung und einseitiger Bedeutungsbeschreibung, je nach Standort.

Dabei zwingt sich  jener Tag geradezu auf, ihn  zum „Tag der Deutschen“, zum „Tag der Nation“ zu erheben. Aber können wir Deutschen überhaupt Tiefen und Höhepunkte wie Freudentaumel mit Tränen der Verzweiflung und Trauer vereinen? Brauchen wir nicht – ganz deutsch – die klare Trennung, damit wir auch ja nicht in irgendein  Fettnäppchen treten und immer und jederzeit genau wissen,  w a n n  wir uns freuen dürfen,  w a n n   wir trauern sollen?

1848, im Jahr der Revolution, wurde am 9. November der deutsche Demokrat in der Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche), Robert Blum, hingerichtet, nachdem er sich im Oktoberaufstand auf revolutionärer Seite (vergeblich) an der Verteidigungs Wiens gegen die kaiserlich-königlichen Truppen beteiligt hatte. Blum hatte sich in der Versammlung Meriten verdient, weil er um Kompromisse mit dem linken Flügel der Liberalen warb und  konsequent einen demokratischen Kurs verfolgte. Robert Blum, ein Vorreiter unserer Demokratie; kein  Grund, seiner (auch) am 9. November zu gedenken?

1918, am 9. November, wurde die Republik ausgerufen, Gleich – schön deutsch – zweimal, damit das auch Bestand hatte, einmal vom Reichstag aus durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann und gleich noch einmal vom Balkon des kaiserlichen Schlosses durch den Führer des Spartakusbundes (Kommunisten), Karl Liebknecht. Scheidemanns Proklamation gilt seither als die Geburtsstunde der Weimarer Republik. Auch wenn diese junge und von ihren Feinden gehasste Republik im Ansturm zweier extremistischer Richtungen, die zudem bei opportuner Gelegenheit Arm in Arm agierten, zusammenbrach: Kein Grund, dieses historischen Momentes, der Geburtsstunde der ersten demokratischen Republik im letzten Kaiserjahr (auch) am 9. November zu gedenken?

1923 abgewehrter Putsch, 1938 Reichspogromnacht, heute „Knechte Satans“

1923, am 9. November, putschte der Weltkriegsgefreite Adolf Hitler im Verein mit rechten Militärs im Freistaat Bayern mit dem Ziel, die Berliner Regierung zu stürzen. Warum heute noch immer dieser 9. November als „Hitler-Putsch“ mit Pfui-Gedanken versehen wird, statt seiner offensiv als Tag der (noch) wehrhaften Demokratie zu gedenken, die dem ersten  Ansturm der Nationalsozialisten getrotzt hat, ist eigentlich nicht zu erklären. Der 9. November 1923 ist ein hervorragendes Datum, an das Selbstverständnis einer Demokratie und deren Fähigkeit zu erinnern, sich extremistischer, diktatorischer Ansprüche zu erwehren. Nicht Grund genug, der erfolgreichen Verteidigung der Republik (auch) zu gedenken?

1938, am 9. November, tobte der nun allein herrschende braune Mob durch die deutschen Städte und Straßen. Synagogen, Geschäftshäuser und sonstige Einrichtungen deutscher Bürger jüdischen Glaubens gingen in  Flammen auf, wurden zertrümmert, vernichtet. Die schweigende Mehrheit beschränkte sich allenfalls auf ein  Kopfschütteln (soweit man nicht eine heimliche Freude über das endliche Losschlagen gegen diese vermeintlichen Feinde empfand), ansonsten schwieg Mann/Frau. Und ermutigte mit diesem Schweigen vermutlich die braunen Schergen zu einem der größten Massenmorde der Weltgeschichte. Nicht auszudenken, was geschehen und verhindert worden wäre, wenn sich die Bevölkerung 1938 der Reichspogromnacht in den Weg gestellt hätte? Heute wird bereits wieder geschwiegen, wenn  Juden öffentlich als „Knechte Satans“ bezeichnet werden, und das von einem Träger des Bundesverdienstkreuzes und Mitglied in diversen öffentlichen Stiftungen.

Die sogen. „Reichskristallnacht“ wurde neben dem Synonym Auschwitz zum Symbol dieses dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte. Das Gedenken an diesen historischen Tiefpunkt und der Wille, „den (neuerlichen) Anfängen zu wehren“ gehört (auch) zum Kanon der Fanale des 9. November, gerade weil Bestürzung und Trauer neben der angesprochenen Freude wichtiger Teil des Selbstverständnisses eines Tages „der Nation“ ist und sein muß.

1939, am Vorabend des 9. November, zündete der Hitler-Gegner Georg Elser im Bürgerbräukeller in München eine mit einem Zeitzünder versehene Bombe, um  Hitler zu töten, der bekanntlich jeweils am Vorabend des Jahrestages seines gescheiterten Putschversuches vom 9. November 1923 in diesem Münchner Lokal eine Rede hielt. Hitler verließ  wenige Minuten vor der Explosion den Bürgerbräukeller. Georg Elser, ein weiterer Grund, in das Gedenken (auch) diesen mutigen Einzelgänger und Widerstandskämpfer einzubeziehen.

1989, 9. November:  In  den späten Abendstunden trat das ein, woran nur noch wenige Unentwegte geglaubt hatten. Entgegen den Überzeugungen nahezu aller Politiker in West und Ost öffnete sich nach einem historischen und vermutlichen  Versprecher des SED-Funktionärs Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz in Berlin  die Berliner Mauer. Das Ende der Teilung Deutschlands, das Ende der Teilung Europas, das Ende des Kalten Krieges wurde durch diese friedliche Revolution eingeleitet. Der 9. November erhielt  seine weitere und vorerst letzte historische Dimension.

Erbärmlicher Gedenktag „nach Aktenlage“

Freude, dieser schöne Götterfunke, mischt sich mit der Trauer um die unfasslichen Geschehnisse, die ebenfalls mit diesem Tag verbunden sind. In  diesem „Tag der Nation“ können sich schließlich alle Bürger wiederfinden, von LINKS bis RECHTS (im besten  konservativen Sinn), von UNTEN und OBEN, zwischen schwarzem Trauergewand und ausgelassen wirkender Narren-Kluft.

Wie erbärmlich muss dagegegen der von Oben  „nach Aktenlage“ verordnete „Tag der Deutschen Einheit“ auf die lebende und nachkommende Generation  wirken? Wie kleinlich wirkt dieser Ersatz der Erinnerung an den ersten Aufstand gegen  das Kommunistische System im Nachkriegseuropa vom 17. Juni 1953, der nachweislich seine Ausstrahlung auf die folgenden Aufstände und Ereignisse in Posen und Ungarn (1956), in der CSSR (1967) und Polen (nach 1980) hatte?

Die Vereinigung 17. Juni in Berlin hatte bereits 1989 ihre Bereitschaft signalisiert, zugunsten eines „Tages der Nation“ am 9.November auf den „eigenen Gedenktag“ als offiziellen Feiertag zu verzichten. Sie wollten sich nicht dem Sog eines durch die Ereignisse im  Raum stehenden „Tag des 9. November“ entziehen. Die einstigen Teilnehmer vom Volksaufstand hatten sich bei diesem Vorschlag nicht im Traum vorstellen können, dass ein völlig unbedarftes Datum, der 3. Oktober, den „Tag der Deutschen Einheit“ ersetzen sollte, einzig aus einer willkürlichen vertraglichen Bestimmung des Endes der DDR heraus. (Wie eindrücklich wäre die Verlegung des formalen Beitritts der DDR um nur fünf Wochen auf den 9. November gewesen.)

Man könnte noch einiges zum 9. November anführen, so die sinnlose Brandrede des Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, von Hitler nach dem Attentat vom 20. Juli d.J. zum „Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz“ ernannt, auf dem Berliner Wilhelmplatz am 9. November 1944 vor Angehörigen  des sogen. Volkssturmes. Das dem Untergang geweihte System verkrampfte sich einmal mehr in sinnlosen Appellen.

Oder auch den 9. November 1949, als in der proklamiert antifaschistischen DDR ehemalige Mitglieder der NSDAP, sofern sie nicht als Aktivisten eingestuft oder wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden, sowie ehemalige Offiziere der deutschen Reichswehr wieder alle bürgerlichen Rechte erhielten. Dadurch wurde es möglich, dass in der einstigen, proklamiert antinazistischen Volkskammer ehemalige Parteigenossen der NSDAP fast fünfzig Prozent der Parlamentssessel besetzten.

Historische Fussnoten und erinnerungswürdige Geschehnisse

Sicherlich sind dies letztlich nur historische Fußnoten. Durchsetzen wird sich jedoch langfristig die Erinnerung einer ganzen Nation an einen  9. November, der zumindest seit 1848 denkwürdige Geschehnisse ausweist, ohne die wir heute wohl kaum das in der ganzen  Welt bewunderte Fundament eines freien, demokratischen und in die Gemeinsamkeit der europäischen Völker eingebetteten Staatswesens hätten. Dafür sollten wir dankbar sein. Daran sollten wir uns stets am 9. November erinnern.

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785