Berlin, 2.01.2012/cw – An die dreißig Personen, Geschichtsinteressierte, Freunde, Fluchthelfer und Wegbegleiter waren erschienen, um an ein  Ereignis zu erinnern, das fünfzig Jahre zuvor die Emotionen in der geteilten Stadt hochschlagen  ließ. Zum Geburtstag von  Mahatma Gandhi hatte der Inder T.N. Zutshi angekündigt, die Mauer vor der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße symbolisch einreißen zu wollen. Fünfzig Jahre danach schilderte ein Weggefährte Zutshis vor Ort das damalige Geschehen und fand dafür aufmerksame Zuhörer.

Erinnerung an TN. Zutshi inder Bernauer-/Ecke Hussitenstraße – Foto: LyrAg

Der heutige Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni hatte unmittelbar nach dieser vom damaligen Senat untersagten Aktion unter dem Straßenschild „Hussitenstraße“ seinen ersten  Hungerstreik begonnen, den er nach Interventionen  durch die Polizei in den Nachtstunden am Mahnmal für Günter Litfin am damaligen Lehrter Bahnhof fortsetzte. Dem Hungerstreik schloss sich spontan der spätere Chefreporter der BILD-Zeitung in Thüringen, Andreas Möller, an. Litfin war das erste Maueropfer, das seinerzeit durch die Anwendung von Schusswaffen ums Leben kam.

Carl-Wolfgang Holzapfel, dem zu Beginn ein Blumenstrauß „zum fünfzigsten Jubiläum seines Einsatzes für Freiheit und Demokratie“ überreicht wurde, schilderte in bewegten Worten Zutshis Engagement für die Freiheit der Menschen in Europa, den er durch die Gandhi-Botschaft vom Gewaltlosen Kampf beflügeln wollte. Er war 1958 im Ergebnis des Volksaufstandes von 1956 in Ungarn nach Europa gekommen, zunächst nach Wien. Von dort organisierte er noch im selben Jahr einen sechshundert Kilometer langen Fußmarsch von Wien an die legendäre „Brücke von Andau“, über die nach dem Aufstand tausende Ungarn geflüchtet waren. 1959 hungerte Zutshi drei Wochen am Brandenburger Tor in Berlin und sammelte in diesem Zeitraum über zehntausend Unterschriften „für die Freiheit“.

Ein Bild Gandhis und Blumen zum Geburtstag des gewaltlosen Kämpfers und 50.Jahrestag der Zutsi-Demo vor der Versöhnungskirche – Foto: LyrAg

1960 ging Zutshi nach Ost-Berlin, um  am Alexanderplatz zu demonstrieren. Auf einem mitgeführten  Schild hatte er geschrieben „Menschen  hinter dem Eisernen Vorhang, der erste Weg zur Freiheit: Legt Eure Furcht ab und sprecht die Wahrheit“. Der Inder wurde verhaftet und den Sowjets überstellt. Diese ließen ihn  bereits nach wenigen Tagen  frei, da die Proteste unüberhörbar waren. Der indische Ministerpräsident Nehru, ein Weggefährte Gandhis, setzte sich vor dem indischen Parlament ebenso für Zutshi ein, wie in Bonn  der damalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Carlo Schmidt (SPD).

Am 13. August 1962 kündigte Zutshi im Studentenhaus am Steinplatz dann  seine Aktion vor der Versöhnungskirche an. Nach dem Verbot führte Zutshi bis zu seiner Abreise nach Indien im  Sommer 1964 jeden Sonntag in der Hussitenstraße gegenüber der Versöhnungskirche in den Mittagsstunden eine Mahn- und Gedenkstunde für die Opfer der Teilung Europas, Deutschlands und Berlins durch. Der gewaltlose Kämpfer engagierte sich auch für die Freilassung der politischen Gefangenen in der Sowjetisch besetzten Zone (DDR) und hier besonders für den am 14.11.1962 zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilten Fluchthelfer und ehemaligen Straßenradrennmeister der DDR Harry Seidel. Tatsächlich wurde Seidel nach den Demonstrationen Zutshis und Holzapfels, die weltweit Beachtung fanden, vorzeitig im  September 1966 aus der DDR-Haft entlassen.

T.N. Zutshi starb nach Berichten vor wenigen Jahren unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit in seiner indischen Heimat.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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