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Berlin, 27.09.2012/cw – Sein Auftreten war unscheinbar, bescheiden. Trotzdem dominierte seine Persönlichkeit sein Umfeld: T.N. Zutshi, der Ingenieur aus dem fernen Indien. Er war 1956 nach Europa gekommen, tief beeindruckt von dem Aufstand in Ungarn, dem Freiheitskampf der Magyaren gegen die Unterdrückung durch die Sowjetunion. Der Inder hatte sich in den Kopf gesetzt, den Europäern das Vermächtnis von Mahatma Gandhi nahezubringen. Nur durch den gewaltlosen Kampf sah Zutshi die langfristig angelegte Chance, die rote Diktatur in Ost-Europa zu überwinden.

Zutshi-Schrift    von 1962 –           © 2012 LyrAg

Ich habe kein Vertrauen in  Appelle, wenn hinter ihnen weder eine moralische  noch eine materielle Macht steht. Die moralische Macht ist da, wenn diejenigen, die den Appell vorbringen, bereit sind, etwas zu tun, etwas für die Sache zu opfern.“ So zitierte Zutshi sein großes Vorbild Gandhi. In  diesem Sinne bemühte er sich permanent, die Menschen in Europa von der Kraft des gewaltlosen Widerstandes zu überzeugen.

Vor 50 Jahren: Ich reiße die Mauer ein

Am 2. Oktober 2012, dem 143. Geburtstag von Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma Gandhi († 30.01.1948)  auf den Tag vor 50 Jahren, wollte T.N. Zutshi in den Mittagsstunden vor der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße  „symbolisch“  die Mauer einreißen.

An jenem 2. Oktober 1962 waren an die zweitausend Menschen vor der zugemauerten Kirche erschienen, um  den mutigen  Akt des Inders zu verfolgen. Grenzsoldaten der „DDR“ hatten  auf dem Turm der Kirche sichtbar ein  Maschinengewehr installiert. Der militaristische Pseudo-Staat demonstrierte Gewalt gegen einen  gewaltlosen Kämpfer. Doch Zutshi mußte seine Anhänger und die vielen Beobachter enttäuschen. Der Innensenator und frühere Pfarrer Heinrich Albertz (SPD) hatte von den Alliierten die strikte Order erhalten, das Vorhaben zu verhindern. Und so drohte Albertz dem Demonstranten  Zutshi an, ihn nach einem Versuch gegen die Auflagen der Innenbehörde als „unerwünschten Ausländer“ auszuweisen.

Breite Unterstützung für die Mahnwache: Zutshi wird aus einem Haus in der Hussitenstr. ein Stuhl gereicht – © 2012 LyrAg

Zutshi fügte sich, auch wenn  er gegenüber der zahlreich erschienenen Presse seine tiefe Enttäuschung über diese Zwangslage nicht verschweigen mochte.

Der Kölner Ordinarius für Byzantinistik, Prof. Dr. Berthold Rubin, versuchte nach dieser Absage, selbst mit Hammer und Meißel gegen die Mauer vorzugehen, um zu signalisieren, daß „wir Deutsche das Anliegen  des Inders verstanden“ hätten. Rubin wollte Zutshi nicht „beschämend im Regen stehen lassen,“ wie er erklärte. Der in Berlin wohnende Kölner Professor wurde allerdings umgehend festgenommen, konnte sein Vorhaben ebenfalls nicht durchsetzen.

Zutshi bewirkte ersten Hungerstreik an der Mauer

Der damals achtzehnjährige Berliner Carl-Wolfgang Holzapfel zeigte sich von dem Mut Zutshis beeindruckt und gleichzeitig über dessen Fügung in das Verbot enttäuscht. „Ein gewaltloser Kämpfer dürfe sich den Optionen staatlicher Macht nicht beugen,“ so der seinerzeitige Landwirtschaftslehrling aus Wuhlsbüttel bei Bremen. „Hätte Gandhi sich den Auflagen der Britischen Kolonialmacht in Indien gebeugt, wäre Indien nie frei geworden.“

Fortsetzung des Hungerstreiks vom 2.10.1962 am Mahnmal für Günter Litfin – © 2012 LyrAg

Holzapfel wollte dennoch ein Signal an Zutshi geben, dass „wir Berliner ihn  verstanden“ hätten. Und so setzte sich der junge Mann unter das Straßenschild „Hussitenstraße“ gegenüber der Versöhnungskirche und verkündete, „drei Tage und drei Nächte“ einen  gewaltlosen Sitz- und Hungerstreik aus Protest gegen die Schandmauer durchführen zu wollen. Die Aktion wurde zwar kurze Zeit später durch das Eingreifen der Polizei unterbrochen, aber noch am selben Tag gegen 22:00 Uhr am Mahnmal für das erste durch Schusswaffengebrauch ums Leben gekommene Maueropfer Günter Litfin gegenüber dem Lehrter Bahnhof fortgesetzt (Siehe Archiv SFB, Lutz Lehmann, vom 3.10.1962).

Zutshi seinerseits kündigte noch am selben Tag an, künftig in der Hussitenstraße gegenüber der zugemauerten Kirche „jeden Sonntag zwischen 12:00 und 13:00 Uhr eine Gedenk- und Mahnwache durchzuführen. Er hielt sich bis zu seiner endgültigen Abreise im  Sommer 1964 an diese Demonstration, von einer kleinen, aber treuen Anhängerschaft begleitet.

Der junge Sitz- und Hungerstreiker kehrte im Dezember 1962 nach Berlin zurück und übernahm die Leitung der ersten Ausstellung von Rainer Hildebrandt „Es geschah an der Mauer“ in der Bernauer- /Ecke Wolliner Straße (ebenfalls vor 50 Jahren). Weitere Demonstrationen folgten, so Hungerstreiks 1963 bei 15 Minusgraden am Mahnmal für Peter Fechter oder über den Jahreswechsel 1963/1964 zehn Tage lang zusammen mit einem Freund am von Holzapfel errichteten Mahnmal für den an der Thomaskirche von Grenzsoldaten ermordeten achtzehnjährigen Paul Schulz. Seinen letzten Hungerstreik gegen das DDR-Unrecht führte er im  August 1990 vor dem Justizministerium in Ostberlin durch. Er zwang damit den Justizminister Prof. Kurt Wünsche zum  Rücktritt. Wünsche hatte bereits unter Ulbricht und Honecker in  diesem Amt gedient.

Nach der Eröffnung „Es geschah an der Mauer“ 1962 in der Wolliner Straße: Holzapfel, Hildebrandt, eine Freundin, Zutshi und Anneliese Kirks (von links) – © 2012 LyrAg

Erinnerung in der Bernauer Strasse

Holzapfel, der seit 49 Jahren der Vereinigung 17. Juni in Berlin angehört und seit zehn  Jahren  deren Vorsitzender ist, wird am 2. Oktober an der Bernauer-/ Ecke Hussitenstraße ab 14:00 Uhr an die Aktion T.N. Zutshis vor 50 Jahren erinnern und hat dazu einige Freunde eingeladen, um diesen vor Ort das damalige Geschehen  zu schildern. Er wolle damit einen Beitrag leisten, an diesen „nahezu vergessenen Kämpfer für die Freiheit“ zu erinnern, dem „wir Berliner viel zu verdanken“ hätten. Zutshi habe mit seinen Visionen vom gewaltlosen Kampf den Ereignissen von 1989 den Weg bereitet, diese vorausgesehen. „Wir wissen nicht,“ so Holzapfel, „ob Zutshi in seiner fernen Heimat Indien den 9. November, diesen großen Tag für Deutschland, Europa und die Welt miterleben konnte, da der Kontakt aufgrund von Sprachschwierigkeiten abgebrochen  war.“  Erst im  letzen Jahr  hatte eine Journalistin berichtet, T.N. Zutshi sei „vor Jahren“ in Indien unbeachtet verstorben.

 V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Alle Dokumente und Fotos: © 2012 LyrAg (über Verein. 17. Juni)

Berlin/Stuttgart, 26.09.2012/cw – Der SWR zeigt heute (Mittwoch, 26.09. 22:00 Uhr) in seinem Fernsehprogramm den sehenswerten Spielfilm „Es ist nicht vorbei“ mit Anja Kling, Tobias Oertel und Ulrich Noethen (Erstausstrahlung in der ARD am 9.11.2011, 20:15 Uhr).
Anschließend wird die verkürzte Doku:
„Die Frauen von Hoheneck“ (23.30 Uhr) gezeigt. Die Doku soll den historischen Hintergrund des Fernsehfilms deutlich machen und ein Licht auf einen bisher wenig bekannten, beklemmenden Teil der DDR-Realität werfen, der die betroffenen Menschen bis heute nicht loslässt. Mit Ellen Thiemann, Helga Riede und Regina Labahn.
http://www.swr.de/tv/-/id=2798/nid=2798/did=10198972/wz2jxf/

V.i.S.d.P.: Redaktion „Hohenecker Bote“

Berlin, 26.09.2012/cw – Der schwedische Möbelhauskonzern IKEA will im  Herbst erste Ergebnisse über seine Untersuchungen zur DDR-Zwangsarbeit für den Konzern vorlegen. Dies teilte IKEA-Deutschland auf Anfrage der Vereinigung 17. Juni in Berlin mit.

Hotline Ende August stillgelegt

IKEA hatte nach Interventionen der Vereinigung im Herbst 2011 und einem  Bericht im  schwedischen Fernsehen vom Mai diesen Jahres eine Hotline eingerichtet, über die sich betroffene ehemalige politische Häftlinge der einstigen DDR an eine beauftragte Wirtschaftsagentur wenden konnten. Die übermittelten Daten über die einstige Zwangsarbeit für IKEA sollten in die Untersuchungen einfließen.

Wie der Konzern in seiner Antwort mitteilte, habe man die Hotline „wegen mangelnder Inanspruchnahme“ Ende des vorigen  Monats eingestellt. Die Email-Adresse stehe aber nach wie vor für die Kontaktaufnahme oder Übermittlung von Daten zur Verfügung:

DDRAufarbeitung.IKEA@de.ey.com.

Die Vereinigung bestätigte  ein  Nachlassen der Meldungen durch ehemalige Zwangsarbeiter: „Während unmittelbar nach unseren Protesten, denen sich andere Opferorganisationen wie der Dachverband UOKG und die VOS dankenswerterweise nach einigem Zögern angeschlossen hatten, zahlreiche Meldungen eingingen, hat sich das in den letzten Monaten nahezu auf Null zu bewegt“, sagte ein Sprecher heute in  Berlin. Der Verein schließt aber nicht aus, daß sich betroffene Personen vergeblich über die jetzt geschlossene Hotline gemeldet und „dann einfach aufgegeben haben.“ Es würde zu wenig die Sensibilität vieler ehemaliger Verfolgungsopfer berücksichtigt, die nach den schrecklichen Erfahrungen vielfach schnell resignieren würden und den einstigen Mut, ihre berechtigten Anliegen durchzusetzen, in den Zellen der roten  Diktatur verloren hätten. Auch auf diesem Sektor besteht ein immenser Nachholbedarf, um  diesen Menschen durch einen Ausbau der Beratungsangebote Hilfe zu vermitteln, betonte der Verein.

Bitte um Verständnis

In seiner Antwort bat IKEA um Verständnisdafür, dass wir vorab keine Aussagen zu den Inhalten der Untersuchung machen können. Sicher können Sie sich vorstellen, dass der Umfang der auszuwertenden Dokumente immens war und auch die qualifizierte Auswertung der Aussagen von Zeitzeugen viel Zeit in Anspruch nimmt. Dies insbesondere auch deshalb, da wir das erste Unternehmen sind, dass sich diesem Teil seiner Unternehmensgeschichte widmet und wir an vielen Stellen Basisarbeit leisten müssen,“ so IKEA-Pressesprecherin Sabine Nold am Dienstag.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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