Berlin, 20.09.2012/cw – Florian Henkel von Donnersmarck hat mit seinem legendären Film „Das Leben der Anderen“ zweifellos für ein Genre Maßstäbe gesetzt. So ist man nicht irritiert, den Stasi-Schnüffler mit Kopfhörern über den Lauschern und vor entsprechenden technischen Utensilien sitzend anzutreffen. Schmunzeln allerdings mag man ob dieser Adaption auch nicht, das Thema ist zu ernst.

Zunächst zum  Inhalt: Zwei Freunde in der DDR. Sie träumen, wie vierzehn ihrer siebzehn  Millionen Landsleute von der fernen Welt, von der Überwindung einschränkender und eingrenzender Mauern um ihren  Staat. So wollen sie ihren  Traum verwirklichen, gehen 1982 nach Rostock, wollen als Matrosen „nur aufs Meer.“ Träume waren in  dieser DDR oft realitätsfern und so finden  sich die Beiden nach Jahren noch immer am Anfang ihrer Sehnsüchte, die sich offenbar nur über eine Tätigkeit für die Stasi verwirklichen lassen. Die erfolgreiche Anwerbung und Bespitzelung des Vorarbeiters und Kollegen (Ronald Zehrfeld als Matze)  wird in der Folge zum Fiasko, zur menschlichen Tragödie. Während der eine Freund (Alexander Fehling als Cornelis) nach kurzer Zeit Bedenken hat und sich der Krake entwindet, wird der andere ( August Diehl als Andreas) zum permanenten Verräter und – nach einem  tragischen Unfall –zum hauptberuflichen Handlanger der omnipräsenten Geheimpolizei, der diese Zwangssituation geübt weidlich ausnutzt.

Der Beginn  der Handlung eher schleppend, folgt bekannten Mustern. Auch die Flucht des „guten“ Freundes Cornelis mit seiner vietnamesischen Freundin (Phuong Thao Vu) über die CSSR-Grenze folgt eher bekannten Klischees und wirkt daher nicht besonders einfallsreich. Ausgerechnet hier aber beginnt der Spannungsbogen. Der Verzicht Cornelis auf die ersehnte Flucht zugunsten seiner Freundin, um die Aufmerksamkeit der blindwütigen Grenzer auf sich zu lenken, zeigte eine menschliche Größe, die vielleicht auch deswegen bewegt und beeindruckt, weil sie doch eher selten in der einstigen harten Wirklichkeit vorkam. Während die Freundin tatsächlich in Hamburg anlangt, landet Cornelis im Cottbuser Knast, wo er bald auf den einstigen Vorarbeiter Matze trifft.

Das eingeblendete einstige Frauenzuchthaus Hoheneck als Cottbuser Hölle fällt dem weniger informierten Filmbesucher wohl nicht auf, schafft aber für Eingeweihte und  ehemalige Opfer des Stasi-Terrors eine geniale Brücke der Gemeinsamkeit im erlittenen Schicksal. Regisseur Toke Constantin Hebbeln leitet mit dieser klugen Sequenz die Zeichnung einer erschütternden, weil in ihrer Brutalität im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch immer nicht angekommenen Wirklichkeit des Alltags in den Strafanstalten des ersten Arbeiter- und Bauernstaates DDR ein, der vergessen lässt, daß man im Kinosessel sitzt. Hebbeln widmet dem realen Leben der hinter den Mauern bunt zusammengewürfelten Charakteren breiten, den eigentlichen Raum in seinem  preisverdächtigen Film.

Packend die gnadenlose Härte und verwahrloste Menschlichkeit der Wärter, an ihrer Spitze der ob seiner eigenen –beruflichen – Gefangenschaft frustrierte Oberscherge, der nicht nur einmal selbst mit masturbierender Emphase mittels Gummiknüppel auf die ohnehin malträtierten Gefangenen einprügelt, einprägsam als „Roter Terror“ bekannt geworden. Die Gefangenen wanken permanent zwischen Resignation und immer wieder aufkeimender Hoffnung, die sie auf ein Ende ihrer Pein hoffen lässt. Die Ranggefechte, die trotz gemeinsam getragener und ertragener Qualen aufblitzende Missgunst und das durch das Wachpersonal permanent geschürte diabolische Misstrauen der um ständiges Mensch-sein bemühten Kameraden kann wohl kaum  authentischer vermittelt werden. Eindrucksvoll großartig die vielen Komparsen in Schauspiel und Sprache.

Immer wieder in  diesen grauen Alltag eingeblendet die sadistischen Ränke der Stasi, angeführt von dem zynischen  Stasi-Oberst (Rolf Hoppe), seinem Helfershelfer (frappierend echt gespielt von Sylvester Groth) und dem im  Rollstuhl gelandeten einstigem Freund und Kollegen aus Rostocker Tagen, Andreas, der es schließlich bis zum „Hauptamtlichen“ schafft, Dank seiner seelenverkrüppelnden Spielchen mit den einstigen Freunden, die er mit gefälschten Briefen (der Freundin) und getürkten Nachrichten versorgt.

Letztlich spielt es da kaum eine Rolle, wenn die Besuche des stasiverseuchten Andreas bei seinem Freund Cornelis im Rollstuhl in dessen Knast-Alltag selbst bei der alles-vermögenden Staatssicherheit unwahrscheinlich war, hier unterstreicht es nur die Perfidie eines bereits dem Untergang geweihten künstlichen Staatsgebildes. Dass sich ausgerechnet der menschliche Anführer der Zellengemeinschaft gegen Filmende als Stasi-Spitzel entpuppt unterstreicht die gnadenlose Nähe zur einstigen Realität wie der aus dem Westen  agierende Humanitäts-Apostel, der ebenso für das rote Ministerium unter Mielke arbeitete.

Die Filmemacher verzichten gottlob auf ein tränendes, dem Film möglicherweise schadendes, weil realitätsfremdes Happyend.  Cornelius trifft nach seiner endlichen Entlassung nicht auf eine glückselige, während der Haft von ihm zur Mutter gewordenen Freundin. Sie ist nach Vietnam ausgewiesen worden. Und so findet sich Cornelius am Ende wieder am Anfang: Er will hinaus aufs Meer, heuert als Seemann an. Und der Zuschauer hofft mit ihm auf ein gutes Ende.

Kinostart: 13.09.2012, 1 Std. 57 Min.  *****

http://www.youtube.com/watch?v=t8ZR6QSZ2kU

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Berlin