Berlin, 26.08.2012/cw – „Das Gruselkabinett der Antifa“ hatte wieder den Auftritt ihrer Vormänner. Wie gewohnt im Reste-Domizil der Unentwegten, im Verlag  jungeWelt  in der Torstraße. Stasi-Offizier Herbert Kierstein (74), seines Zeichens über drei Jahrzehnte Vernehmer im berüchtigten zentralen Untersuchungsgefängnis der Stasi in Hohenschön-hausen, stellte umrahmt von seinen ins Alter gekommenen Genossen seine neueste Märchensammlung über die menschliche Praxis im ersten Arbeiter- und Bauernstaat der deutschen  Geschichte vor (Herbert Kierstein: Drachentöter – die Stasi-Gedenkstätten rüsten auf. Spotless-Verlag, Berlin 2012, 255 Seiten, 13,40 Euro).

Natürlich protestierten die einst Malträtierten, pardon, von den Segnungen des Sozialismus erfassten Verfolgten gegen den Auftritt der Ewig-Gestrigen, unter ihnen couragiert die Schauspielerin Katrin Sass (55). Eingerahmt von engagierten Mitgliedern der VOS brachte Sass lautstark zum Ausdruck, was man  den gestrigen Geisterbeschwörern nicht oft genug vorhalten kann: Deren Auftritt sei nur Dank der errungenen Demokratie möglich; andersherum „würden wir bei Ihnen im Knast landen.“ Natürlich grinsten da die einst mächtigen und nun zahnlosen, ihrer Machtdominanten Uniformen beraubten Offiziere zustimmend.

Auch Vera Lengsfeld, die unentwegte Bürgerrechtlerin und seit einigen  Wochen Berliner Landesvorsitzende der VOS, meldete sich zu Wort, bedankte sich „für meine Dunkelhaft, für die Mauertoten, für die marode DDR-Wirtschaft.“

In geübter Manier unterjustiziert

So weit, so gut. Wäre da nicht das ungute Gefühl, auch auf der anderen Seite der Stasi-Riege zunehmend Geschichten-Erfinder denn (Zeit-)Geschichten-Erzähler anzutreffen. Jüngstes Beispiel ist die Bürgerrechtlerin und ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete selbst. Die hatte unlängst einen Beitrag auf ihrer Seite veröffentlicht („Das Gruselkabinette der Antifa“) und vermutlich überschäumend von antikommunistischem Tatendrang behauptet, der ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwalt der DDR, Hans Bauer, habe „seinen jungen Genossen sicher nicht offenbart, wie viele Todesurteile er gefordert hat…“

Nun mußte Lengsfeld eine gerichtlich durchgesetzte Gegendarstellung Bauers veröffentlichen, der „nicht in einem einzigen  Fall die Todesstrafe beantragt oder die Beantragung der Todesstrafe von einem mir unterstellten Staatsanwalt gefordert“ habe. Dass Bauer nicht nur Systemträger sondern Mitwirker im Getriebe der permanenten Unrechtsjustiz war (was Lengsfeld wahrscheinlich ursprünglich ausdrücken wollte), ist nicht Bestandteil einer Gegendarstellung und konnte so in geübter Manier unterjustiziert werden.

Die vermeidbare Ungenauigkeit Lengsfelds erscheint nicht als Einzelfall. Beunruhigt stellen Vertreter der Verfolgten zunehmende Abweichungen in geschilderten Lebensläufen von Zeitzeugen fest. Da werden schon mal Teile aus anderen Erlebnissen übernommen und so verinnerlicht, das die Erzähler schließlich von der Wahrhaftigkeit eigener Schilderungen überzeugt sind. Haben wir, die einst Betroffenen, das nötig?

Waren nicht die eigenen Erlebnisse grausam genug? Braucht es da noch Ausweitungen und Ergänzungen, die im  Einzelfall einer Überprüfung nicht standhalten? Liefern wir nicht den Drachentöter-Autoren dadurch Argumente frei Haus? Beschädigen wir nicht letztlich dadurch die Glaubwürdigkeit der nicht zu leugnenden Verfolgungs- und Foltermaßnahmen durch die zweite sozialistische Diktatur?

Ersparnisse an Zeitzeugen in deren Betreuung investieren

Die Zeitzeugen  sollten in sich gehen und die Vermittler ihrer notwendigen  Auftritte sollten diese kritischer begleiten und die Ersparnisse durch die magere Bezahlung von Zeitzeugen in deren Betreuung investieren. Denn möglicherweise sind die „Ausweitungen“ in den Darstellungen (auch) Folgen des Vereinigungs-Traumas. Jene, die sich nach dem Zusammenbruch der DDR am Ziel ihrer Befreiungswünsche und der Anerkennung ihrer Leiden wähnten, empfanden sich vielfach auf das Abstellgleis geschoben, mit sozialen Zuwendungen abgespeist, während die Täter von einst vielfache Verwendung im neuen Deutschland fanden. Das impliziert vermutlich das Bedürfnis, den eigenen Leiden permanent neue Varianten zuzufügen, um endlich die Aufmerksamkeit zu finden, die als längst verloren empfunden wird.

Warum  Vera Lengsfeld als ehemalige Politikerin nun  gar falsche Fakten veröffentlichte, ist allerdings kaum  nachvollziehbar. Denn ihre Kontakte zur Stasi waren zunächst rein familiär, ehe diese dann  für sie selbst bedrohlich wurden. Im Gegensatz zu anderen Leidensgefährten mußte sie „nur“ drei Monate in Hohenschönhausen zubringen und konnte sogar ins Exil nach London ausreisen. Auch drei Monate, jeder Tag des Gewahrsams wegen der Verfolgung unliebsamer Meinungen waren zuviel. Kann man das nicht vermitteln?

Die permanenten Untertreibungen, die Schönrederei der Stasi-Obristen sind wahrlich widerlich, erinnern an die Nazi-Argumente der Notwendigkeit von KZ-Einrichtungen für die „Feinde des Volkes“.

Andererseits verkehren sich die Übertreibungen eigener Erlebnisse  in das ungewollte Gegenteil, liefern Wasser auf die Propagandamühlen der Peiniger von einst. Erschütternde Zeugnisse der Zeitgeschichte werden so zu bitteren Märchenstunden  herabgewürdigt und liefern so Kirstein und Co. die Vorlagen  für ihre Drachentöter-Mythologie.

V.i.S.d.P.: C.W. Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785