Berlin, 23.08.2012/cw – „Denn die einen stehn im Dunkeln und die andern stehn im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“ [Bertold Brecht]

Auch unter der Brücke (ehem. Westseite) findet sich keine Erinnerung an den ermordeten Hans-Dieter Wesa – Foto: LyrAg

Peter Fechter stand mit seinem grauenhaften Tod im Licht der Weltöffentlichkeit. Dank des Kameramannes Herbert Ernst und des Fotografen Wolfgang Bera. Ernst hielt den Transport des sterbenden Peter Fechter unvergesslich fest, Bera fotografierte den sterbenden jungen Deutschen unmittelbar hinter der Mauer liegend; sein  Foto von der Hebung Fechters über den Stacheldraht wurde zur fast heiligen  Ikone der Erinnerung an die Mord-Mauer.

Kein  Wunder, dass seither seiner Ermordung gedacht wurde. Zum 50.Todestag holte man gar einen Vorschlag von 1962 hervor und forderte lautstark und medienwirksam eine Peter-Fechter-Straße. Immerhin.

Anders erging es Dieter Wohlfahrt, der bereits am 9. Dezember 1961 an der Zonengrenze in  Staaken im  Scheinwerferlicht britischer Militärpolizisten verblutete. Die MP sah teilnahmslos zu, wie DDR-Grenzsoldaten nach Wohlfahrts Tod den Stacheldraht aufschnitten, um  den Ermordeten in das „Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik“ zu ziehen. Im  Dezember letzten Jahres war das Geschehen im  Spandauer Winter ebenfalls 50 Jahre her. Sebastian Haffner nahm Wohlfahrts Sterben zum Anlass, eine Woche später in „Christ und Welt“ die dramatischste Anklage zu schreiben, die je zu diesem Thema geschrieben wurde („Der Mord an der Mauer“). Wenigstens der Bezirk Spandau ehrte den einstigen Fluchthelfer durch die Anwesenheit des Bezirksbürgermeisters. Der österreichische Botschafter und der Regierende Bürgermeister ließen Kränze niederlegen.

Die Vereinigung 17. Juni erinnerte in den Abendstunden am ursprünglichen Standort des Mahnkreuzes an das Geschehen vor 50 Jahren – Foto: LyrAg

Hans-Dieter Wesa starb nur sechs Tage nach Peter Fechter. Der achtzehnjährige Transportpolizist (DDR-Bahnpolizei) war am Bahnhof Bornholmer Straße mit einem  Kollegen  zur Grenzsicherung eingesetzt. Warum Wesa, der bereits wegen  der Vereitelung einer Flucht belobigt worden war, nun  selbst zum Flüchtling wurde, wird sich nie mehr klären lassen. Jedenfalls hatte er Glück, war bereits im  Französischen  Sektor angelangt, als ihn  die Kugeln seines Kameraden tödlich trafen.

Bereits einen  Tag später, am 24.8.1962, wurde gegen 12.00 Uhr auf der Mittelpromenade der Bornholmer Str. – ca. 150 Meter von der Sektorengrenze entfernt – ein Mahnkreuz errichtet. Dieses stand zumindest bis 1990 als anklagende Mahnung und Erinnerung an den jungen  Flüchtling vor jener Brücke, die am Abend des 9. November 1989 durch die erste dokumentierte Öffnung der Mauer Weltruhm erlangte.

Blumen am Sterbeort 1962. Nur mühsam findet man das Foto und einen unscheinbaren Text-Hinweis auf den pompösen Erinnerungs-Tafeln – Foto: LyrAg

Irgendwann wurde dann  das Kreuz beseitigt, es stand den Ausbauplänen in der wiedervereinigten  Stadt im  Wege. Offenbar bis heute. Denn 2010 hatte die Vereinigung 17. Juni anlässlich der Errichtung und Einweihung von Gedenktafeln an den November 1989 die fehlende Erinnerung an den Tod Wesas vor Ort kritisiert http://www.berliner-mauer.de/sed-mordopfer-hans-dieter-wesa.html). Sowohl von der Stiftung Berliner Mauer wie durch den Mitarbeiter der für das Gedenken zuständigen Senatsverwaltung wurde noch am selben Tag zugesichert, auch an Hans-Dieter Wesa werde in  angemessener Form „in Kürze“ an der Bornholmer (Böse-)Brücke gedacht.

 Heute, am 50. Jahrestag seines Todes, steht an der Stelle des Gedenkkreuzes eine Erinnerungstafel an die Geschichte vor Ort, ohne den Tod von Wesa auch nur zu erwähnen.

Auf den bereits angeführten Tafeln findet sich nach längerem Suchen ein  kleiner Text, der den brutalen Mord vor 50 Jahren erwähnt. Keine Stele, kein  Kreuz, kein Kranz des Bezirkes erinnert an diesem Sommertag an den jungen Mann. Hans-Dieter Wesa wurde offensichtlich dem Vergessen überantwortet. Gewollt oder aus Nachlässigkeit – ist das noch wichtig?

Günter Litfin wurde ein Jahr zuvor das erste Opfer mörderischer Kugeln, am 24.08. vor 51 Jahren. Auf dem Foto das Gedenkkreuz am Reichstag. Foto: LyrAg

Wie textete Berthold Brecht einst treffend: „Denn die einen stehn im Dunkeln und die andern stehn im Licht. Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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