Hamburg/Berlin, 22.08.2012/cw – So hatten sich die Diktatur-Opfer des SED-Regimes ein Aufklärungs-Engagement nicht vorgestellt: IKEA, das schwedische Möbelhaus, will nach einer Agenturmeldung von AFP in Hamburg einen ganzen  Stadtteil (5 Hektar) bauen. Die Pläne seinen bereits in Arbeit. Auch andere Städte würden in diese Überlegungen einbezogen.

Einen Tag zuvor hatte der Direktor der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, dem Möbelhauskonzern vorgeworfen, mit seiner zugesicherten  Aufklärungsarbeit über die Verstrickungen von IKEA in das Zwangsarbeitersystem der DDR „auf Zeit zu spielen“. Überdies, so Knabe weiter, sei es „problematisch, wenn der Angeschuldigte selbst und unkontrolliert die Vergangenheit prüft.“ Nach seiner Überzeugung sei es Aufgabe der Politik, „die Vorwürfe durch eine neutrale Stelle prüfen zu lassen,“ so Knabe gegenüber dem Hamburger Wochenmagazin DIE ZEIT.

IKEA brüskiert UOKG

Bereits vor einem  Jahr hatte die Vereinigung 17. Juni in Berlin einen Bericht über das Wirken von IKEA in der DDR aufgegriffen und den Möbelhauskonzern zu einer Stellungnahme aufgefordert. Dieser hatte schließlich eigene Ermittlungen  zugesagt, wobei der vielbeachtete Bericht eines schwedischen Fernsehsenders im April diesen Jahres diese Bereitschaft wesentlich beflügelt haben dürfte.

Unlängst hatte das schwedische Möbelhaus erneut unglücklich agiert, als es ein Schreiben der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) zunächst brüsk abgewiesen  hatte, und sich später aufgrund der Kritik zur Kurskorrektur veranlasst sah. Die UOKG hatte sich der 17.Juni-Initiative angeschlossen und IKEA ein gemeinsames Forschungsprojekt vorgeschlagen. Zuvor hatte die Vereinigung 17. Juni bei der BStU angeregt, zum Thema IKEA eigene, von den Untersuchungen des Möbelhauses unabhängige Forschungen anzustellen, um ein „historisch belastbares Ergebnis“ vorstellen zu können.

Zukunftsgestaltung ohne Vergangenheitsbewältigung nicht machbar

Überraschend und offensichtlich von den Vorwürfen und Forderungen der Opferverbände ungetrübt geht IKEA nun mit großen Plänen zu metropolen Gestaltungen in deutschen Großstädten an die Öffentlichkeit. Das wiederum trifft auf wenig Verständnis, wenn nicht auf Empörung der einstigen von Zwangsarbeit betroffenen Diktatur-Opfer. „Wenn IKEA offensichtlich über derartige Reserven verfüge, um  ganze Städte mit Aufbauplänen zu beglücken, ist es unverständlich, daß man sich seiner Verantwortung gegenüber der eigenen dunklen Vergangenheit entzieht und jeden Vorschlag auf eine angemessene Entschädigung unter vager Verweisung auf die angeblich „ungeklärte Rechtslage“ abweist,“ erklärte heute Vorstandssprecher Carl-Wolfgang Holzapfel. „Eine Zukunftsgestaltung ohne Vergangenheitsbewältigung“ sei nicht machbar. Es gäbe genügend Projekte im wiedervereinigten  Deutschland, die sich der Aufarbeitung der Vergangenheit widmeten und an denen sich IKEA angemessen beteiligen könnte, „um seiner Mitverantwortung an der Ausbeutung politisch Andersdenkender in den Zuchthäusern der DDR“ nachzukommen. Ein Beispiel sei die sicher kostspielige Umwandlung des einstigen DDR-Frauenzuchthauses in  Hoheneck/Stollberg in eine Begegnungs- und Gedenkstätte. Eine solche Beteiligung würde eine „langfristige und vorzeigbare Dokumentation des Willens zur Rehabilitierung darstellen und dem Möbelhaus überdies mögliche und langwierige Prozesse von Betroffenen ersparen, die jedem Wirtschaftsunternehmen als PR-Gau erscheinen müssten.“

Natürlich schließt auch die Vereinigung 17. Juni einen  Entschädigungsfonds, zum Beispiel über eine IKEA-Stiftung nicht aus, über den einst von der Zwangsarbeit für IKEA Betroffene individuell entschädigt werden könnten.

„Bewegung in die eine oder andere Richtung wäre in jedem Fall zielführender, als die großprotzige Ankündigung der Schaffung von Stadtteilen,“ heißt es abschließend in der Erklärung des Opferverbandes.

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung(AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

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