Berlin, 17./24.06. 2012/cw – Von der Öffentlichkeit leider kaum beachtet feierte der Dachverband der Diktatur-Opfer, die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) in Berlin den zwanzigsten  Jahrestag ihrer Gründung. Nachdem der Verband am Vortag u.a. die durch das Registergericht beanstandeten Wahlen vom November vorigen Jahres durch entsprechende Nachwahl zum Vorstand korrigiert hatte, stand dem Empfang durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit im  Roten Rathaus nichts mehr im Wege.

Illustre Gäste: Martin Gutzeit, Dr. Klausmeier, Marianne Birthler, Roland Jahn, Christian Sachse,  Rainer Wagner und Klaus Wowereit (von links) – Foto: Landesarchiv / Platow

Nach den Gedenkveranstaltungen  zum 17. Juni versammelte sich im Festsaal eine illustre Gesellschaft, um der seinerzeitigen Gründung im „Haus der Zukunft“ in Berlin-Zehlendorf zu gedenken. Unter den Gästen Marianne Birthler, Roland Jahn, Martin Gutzeit, Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop und der Vorsitzende der Internationalen Association der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft.

In einer launigen Ansprache erinnerte Klaus Wowereit an die Wichtigkeit des Zusammenschlusses der SED-Opfer, um ihre Belange mit einer Stimme vortragen und durchsetzen zu können. Im Berliner Senat habe der Verband einen regelmäßigen und kompetenten  Ansprechpartner gefunden, der den Anliegen stets aufgeschlossen gegenüberstehe, auch wenn man nicht alles Vorgetragene durchsetzen konnte, weil der Senat nicht allein die entsprechenden Gesetze bestimme. Wowereit erinnerte an das „erste Gespräch vor elf Jahren“, als man ihm noch gar nicht freundlich begegnet sei.

Goldene UOKG-Nadel: Anita Goßler und Klaus Wowereit – Foto: Landesarchiv / Platow

An diese Bemerkung schloss die Vereinigung 17. Juni die Übergabe von zwei jeweils gerahmten Bildern an Wowereit und den UOKG-Vorsitzenden Rainer Wagner an. Tatjana Sterneberg und Vorsitzender Carl-Wolfgang Holzapfel erinnerten mit dem Foto an die erste Begegnung im Büro des Regierenden Bürgermeisters im August 2001. Zusammen mit Holzapfels Vorgänger Manfred Plöckinger und der Bundesministerin Christine Bergmann hatten sie mit Wowereit über Sorgen und Nöte aus der Sicht der einst Verfolgten  debattiert. Als Wowereit empfahl, diesen Gedankenaustausch baldmöglichst und regelmäßig fortzusetzen, regte Holzapfel an, dies im größeren Rahmen mit allen Verfolgtenverbänden zu tun. Allerdings fand diese „Geburtsstunde“ in der vorgelegten  Festschrift wie andere Details keinen  Niederschlag. An die „Geburtsstunde des Verbände-Dialogs“, der seit 10 Jahren mit dem Regierenden als einzigen  Ministerpräsidenten geführt werde, sollte das überreichte Geschenk bleibend erinnern.

Auch Rainer Wagner ging in seiner Ansprache auf diesen „einmaligen  Dialog“ ein, für den er sich unter dem Beifall der Anwesenden herzlich bedankte. In Anerkennung dieses „nicht selbstverständlichen dauerhaften Gesprächs“ wurde Klaus Wowereit die Goldene Nadel der UOKG verliehen, die Vorstandsmitglied Anita Goßler dem Regierenden anheftete.

Erinnerung an Geburtsstunde des Verbändetreffens: T.Sterneberg, Klaus Wowereit, Rainer Wagner, C.W.Holzapfel – Foto: Landesarchiv / Platow

Der Historiker Christian Sachse stellte seine auftragsgemäße, immerhin 114 Seiten umfassende Festschrift vor, die hier aus Platzgründen inhaltlich nicht ausreichend gewürdigt werden kann. Ein erster Einblick lässt neben der umfangreichen Beschreibung der „Historischen Wurzeln“, die wohl eher dem Geldgeber für die Broschüre als der Entstehungsgeschichte des Jubilars geschuldet ist, auch eine Übersicht über die nunmehr historischen Vorgänge im Verband selbst zu. Ärgerlich ist die unvollständige Aufzählung der auf der Gründungsversammlung am 19.10.1991 im „Haus der Zukunft“ in Berlin –Zehlendorf anwesenden Vereine. So waren neben anderen auch die „Hilfsorganisation für die Opfer politischer Gewalt in Europa (Help e.V.)“ und die Vereinigung 17. Juni 1953 anwesend. Es ist für die Verbandsgeschichte durchaus nicht uninteressant, warum sich neben der (angeführten) VOS auch die beiden Vereine der Gründung nicht anschließen wollten.

Initiative von HELP: „Protest von Halle“ (Vorderseite) – Archiv: Holzapfel

Auf der Versammlung lief die Information um, die Gründung sei vom Bundesinnenministerium in die Wege geleitet worden, um die vielfältigen Opferverbände „besser steuern zu können“. Ein umlaufender Verdacht, der durch die Anwesenheit eines leibhaftigen Staatssekretärs aus dem BMI unterstrichen  wurde. In der Zeit des Umbruchs war das Misstrauen gegen jedwede staatliche Einflussnahme noch ausgeprägt und verhinderte nicht zuletzt eine umfassende Beteiligung aller Vereine an der Dachverbands-Gründung. Ein nicht unwichtiges Detail aus den Stunden der Geburt, der viele spätere Schwierigkeiten erklären könnte.

So war Help e.V. die treibende Kraft (u.a. Erstellung einer Protesterklärung in Form eines Flugblattes) hinter der Verweigerung einer Anhörung des Deutschen Bundestages im März 1992 in Halle/Saale, ohne dass dieser Verein hier oder an anderer Stelle auch nur erwähnt wurde. So wurde z.B. auch die Demonstration vor dem Bundesrat im Jahre 2007, initiiert von der Vereinigung 17. Juni, als „Demonstration der Opfer“ bezeichnet (Seite 73), ohne den Akteur zu erwähnen. Immerhin war die Vereinigung 17. Juni zu dieser Zeit noch Mitglied im Dachverband.

Ein „Who is Who“ der damaligen Akteure: Auch die UOKG unterschrieb den „Protest von Halle“ – Archiv: Holzapfel

Wenn Rainer Wagner in seiner Ansprache betonte, man habe  die Erstellung der Festschrift mit Bedacht einem „außenstehenden Historiker“ anvertraut, so lässt die als eifersüchtig anmutende Unterschlagung der Bennennung von Vereinen, die sich aktiv am Aufarbeitungsgeschehen in Sichtweite der UOKG oder mit dieser gemeinsam beteiligt haben, doch auf eine bedauerliche Einflussnahme schließen. Historisch korrekt ist das jedenfalls nicht.

Auch die ledigliche Erwähnung der zeitweiligen Konkurrenzorganisation, dem „Zentralrat kommunistisch Verfolgter“ (Seite 53) entspricht nicht der Bedeutung einer immerhin vom ehemaligen UOKG-Vorstandsmitglied Harald Strunz geführten Organisation, auch wenn  sich diese 2002 auflöste und ihren Mitgliedsverbänden empfahl, der UOKG beizutreten. Unabhängig von diesen kritischen Anmerkungen ist Christian Sachse alles in allem eine Schrift gelungen, die dem unwissenden Leser und Interessenten erste Einblicke in einen nicht unwesentlichen Teil der Aufarbeitung nach dem Zusammenbruch der zweiten Diktatur ermöglicht.

Im Gespräch: Victoria Heydecke, AG Sachsenhausen; Edith Fiedler, Frauenkreis ehem. Hoheneckerinnen; Klaus Wowereit und Gerd Teege, AG Sachsenhausen –
Foto: LyrAg

Insa Bernds begleitete den Festakt auf dem Flügel mit Impressionen von Schubert und Bach, zuletzt mit wunderschönen Variationen zu „Freiheit, die ich meine“ und „Die Gedanken sind frei“. Der Applaus könnte im Konzertsaal nicht größer sein. Auf dem anschließenden Empfang boten sich für die Jubilare aus den über 30 Mitgliedsverbänden der UOKG vielfach Gelegenheiten zum privaten Plausch untereinander, aber auch mit dem Regierenden Bürgermeister und anderen anwesenden Politikern.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Jun i 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785