Predigt zum Gedenken an den Volksaufstand

Gera, 17. Juni 2012/cw – Der Geraer Jugendpfarrer Michael Kleim widmete seine Predigt am vergangene Sonntag der Erinnerung an den Volksaufstand vor 59 Jahren und den Opfern des Kommunismus. Wir gene nachfolgend den Text leicht gekürzt wieder.

„ … Immer wieder, wenn das Wort eine zutiefst menschliche Sprache findet und zur Liebe mahnt, wenn es inmitten der Herrschaft des Todes vom Leben zeugt, dann wird das Wort Fleisch und wohnt unter uns. Das Wort wird Licht und scheint in der Finsternis.

Bis heute versuchen Schwätzer und Propagandisten das Wort zum Schweigen zu bringen. Schriftseller und Journalisten sind die am stärksten bedrohte Berufsgruppe, was die Freiheit des Wortes betrifft. Publikationsverbot, Mordaufrufe, Einschüchterung und Haft sind die Methoden, mit denen Schwätzer und Propagandisten auf das Wort reagieren. Sie haben Angst vor dem Wort und wollen es töten. Es soll verstummen, das Wort, und nicht einmal mehr durch sein Schweigen reden dürfen.

Stalins Herrschaft kostete Millionen Menschen Freiheit, Würde und Leben. Sein Hass galt den Schriftstellern in besonderem Masse. Gorki setzte er unter Druck, Majakowski und Jessenin trieb er in den Selbstmord. In den Lagern mussten zahllose Literaten sterben, andere wurde gezielt ermordet. Verordnetes Schweigen, eine kulturelle Grabesstille, in die hinein nur noch Geschwätz plärren und Propaganda tönen durfte. Mit den Schriftstellerinnen und Dichtern sollten auch deren Gedichte und Balladen, Geschichten und Lieder für immer verschwinden. Vergessen machen wollte Stalin die Namen und Erinnerungen an Menschen ebenso wie an deren die Verse und Sprache. Das Wort ward Fleisch, und es sollte erstickt und zertreten werden.

Und doch entstanden gerade in dieser Zeit ganz tiefe, menschliche, ehrliche Texte. Die Gedichte von Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam wurden von vielen Menschen auswendig gelernt und von Mund zu Mund weitergegeben. Unsichtbar für die Häscher blieben sie aufbewahrt und überdauerten den Terror. Menschen in den Lagern raunten sich flüsternd Lyrik ins Ohr und fanden dadurch Halt und innere Würde zurück. Das Wort, das scheinbar schutzlos den Schwätzern und Propagandisten ausgeliefert ist, war nicht totzukriegen.

„Gott war das Wort. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“

Der 17. Juni erinnert an das Wort, das sich wehrlos dem lautstarken Getöse entgegenstellt. Menschen gingen auf die Straße, auf denen bereits die Panzer rollten. Der Diktator war tot, war es nun nicht an der Zeit, das Wort wieder aus der Haft zu entlassen? Stattdessen wurden Menschen erneut zum Schweigen gebracht, Grabesstille; und Schriftsteller, Schriftstellerinnen erhielten Publikationsverbot, wurden eingesperrt, nahmen sich das Leben oder wanderten aus.

Erinnerungen sind bitter notwendig.

Die Schicksale der Stalinzeit, aber auch die trotz allen Terrors lebendigen Worte dieser Menschen dürfen nicht vergessen werden. Es geht um das Leben. Um nichts Geringeres als das Leben.

Das Wort wohnt unter uns. Und sie stehen bereits wieder auf der Matte, die Schwätzer und Propagandisten. Im neuen, manchmal sogar altem Gewand. Der Hass auf das Wort ist geblieben. Leider. Doch das Wort ist eine schöpferische Kraft. Das Wort ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert, um damit das Gespinst aus Geschwätz und Propaganda zu durchschneiden.

 Es geht um das Leben. Um nichts Geringeres als das Leben:

„Gott war das Wort. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Amen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Tel.:030-30207785 oder 0176-48061953

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