Köln/Dresden, 23.05.2012/cw – In ihre Wiege war dieser Tag nicht gelegt. Am 23. Mai 1949 wurde nach dem Untergang des Dritten Reiches und dem Ende eines in seinen Dimensionen nie gekannten Weltkrieges das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet und  damit die Grundlage für das heutige demokratische Deutschland geschaffen.

Als Ellen Thiemann 1937 in Dresden geboren wurde, lag der Untergang der ersten  deutschen Demokratie durch die sogen. Machtergreifung gerade einmal vier Jahre zurück und das Ende des Hitler-Reiches noch acht Jahre in der Zukunft.

Heute Denkmal, früher Ort des Schreckens: Das ehemalige Frauenzuchthaus Hoheneck – Foto LyrAg

Nun  feiert die bekannte Buchautorin am Verfassungstag ihren  75. Geburtstag. Zur Feier in der Geburtsstadt fährt die in Köln wohnende ehemalige Redakteurin in das einstige  Elbe-Florenz, um dort mit engen  Freunden anzustoßen.

Grund zur Freude hatte Thiemann nicht immer im  Leben. Neben den schlimmen Kriegsjahren, die ihre Kindheit prägten, wuchs sie im sowjetisch beherrschten Teil Deutschlands, der späteren DDR, auf. Als sie schließlich dem sozialistischen  Staat den Rücken kehren wollte, wurde sie am 29. Dezember 1972 am Grenzübergang Chausseestraße/Invalidenstraße in Berlin von Grenzsoldaten verhaftet, nachdem zunächst ihr Sohn in einem Auto flüchten sollte.

Geleitwort von Joachim Gauck

Es konnte nur Verrat im  Spiel gewesen sein, aber Thiemann erfuhr erst Jahre später die wahren Hintergründe. Zunächst übernahm sie alle Schuld, um ihrem Sohn eine Verfolgung zu ersparen und ihm einen  Aufenthalt beim Vater zu sichern. Die heutige Jubilarin wurde am 22. Mai 1973 zu drei Jahren und fünf Monaten Zuchthaus verurteilt und in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck in Sachsen verbracht. Nach ihrer Entlassung im  Mai 1975 und der Scheidung von ihrem Mann, der während ihrer Haft  ohne Rücksicht auf den Sohn eine andere Frau in die gemeinsame Wohnung geholt hatte, konnte sie schließlich durch Vermittlung ihres Anwaltes Wolfgang Vogel eine Woche vor Weihnachten, am 19. Dezember des gleichen Jahres die DDR endgültig verlassen. Erst nach der Wiedervereinigung entdeckte sie den Verantwortlichen  für den Verrat und ihre Verhaftung: Es war der eigene Mann, ein in der DDR bekannter Sportjournalist, der sich dem Ministerium für Staatssicherheit angedient hatte. Thiemann schrieb sich diese traumatische Erfahrung in ihrem zweiten Buch „Der Feind an meiner Seite“ (2005, mit einem Geleitwort des jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck) von der Seele, nachdem sie bereits 1984 einen ersten Band über die erlittene Haftzeit in Hoheneck veröffentlicht hatte („Stell Dich mit den Schergen gut“).

Ellen Thiemann mit Bundespräsident Christian Wulff am 13. Mai 2011 in Hoheneck – Foto: LyrAg

Im Westen baute sich die energische Frau buchstäblich ein neues Leben auf und wurde schließlich leitende Redakteurin beim Kölner Expresse, dem rheinischen  Boulevardblatt. Die Journalistin fühlte sich angekommen und angenommen und führte in ihrer Laufbahn Interviews mit berühmten Zeitgenossen, wie Hans-Dietrich Genscher. Nach der Wende 1989 wurden ihre Reportagen zum Beispiel über das ehemalige Frauenzuchthaus Hoheneck und Protagonisten der Einheit Deutschlands legendär.

Am 7.11.2011 wurde Ellen Thiemann durch die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft für ihr Engagement und schriftstellerische Leistung der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Zeit zum Ausruhen hat die Wahl-Kölnerin hingegen nicht. Gegenwärtig arbeitet sie an einem weiteren Buch, über den Inhalt verrät sie vorab natürlich nichts.

Neben dem Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen, dem Verein gehört Ellen Thiemann seit vielen Jahren an, der Gedenkstätte Hohenschönhausen, vielen Einrichtungen und weiteren Verfolgten-Verbänden gratuliert an dieser Stelle auch die Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin herzlich einer „engagierten, mutigen und beispielgebenden Frau, die sich durch das Schicksal nicht besiegen ließ sondern im  Gegenteil das Schicksal besiegt hat“, wie es in einem übermittelten Grußwort heißt. Wir sind uns sicher, daß es nicht bei diesen Glückwünschen bleibt und wünschen Ellen Thiemann auch aus der Redaktion dieser Homepage und des „Hohenecker Boten“, dem Mitteilungsblatt des Fördervereins Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V. noch viele schaffensreiche Jahre und ein wenig Ruhe in einer unruhigen  Zeit.

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785

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