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Gegen unsere Veröffentlichungen vom 20.03. bzw. 3.04.2012 über die Inhalte des angeführten Buches  von Dietmar Linke „Theologie-Studenten der Humboldt-Universität“ (1994) und den darin enthaltenen Berichten  über Dr. Weißes Verhalten während seiner DDR-Haft  hat der Vereinsfunktionär über seinen  Rechtsanwalt Gürtler-Liersch ein  Unterlassungs- und Löschungsbegehren übermittelt. Wir haben den Autor gebeten, als Betroffener die Vorgänge aus seiner Sicht zu schildern.  Der Beitrag wurde redaktionell leicht gekürzt, die Zwischenüberschriften sind redaktionell eingefügt.

VEREINIGUNG (AK) 17. JUNI  1953 e.V.

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von Olaf Schütze

Borgholzhausen, 6.05.2012/OS – Zu der Unterlassungs- und Löschungsforderung der Anmerkungen auf dieser Internet-Seite zu dem Buch: Theologie-Studenten der Humboldt-Universität von Dietmar Linke durch Dr. Frieder Weiße möchte ich vorbemerken: Ich bin kein Rechtsanwalt, kein Kenner der rechtlich relevanten Vorgänge und will es auch nicht werden. Insofern dürften  meine folgenden Ausführungen nicht ausgereift sein, sondern müssten und sollten als weiter zu entwickelndes Pflänzchen präziser formuliert werden. Hier sind es , im Zusammenhang mit Dr. Frieder Weiße und seinem Auftreten, Verhalten und Selbstdarstellungen erst einmal allgemeine Erinnerungen. Dann lässt sich aus zeitlicher und sonstiger Entfernung etwas Präziseres sagen und festhalten.

Mitarbeit, Hilfe und Zusammenarbeit mit der Stasi

Im vorliegenden Fall geht es offenbar im Zusammenhang mit Funktionstätigkeiten des Dr. Frieder Weiße um  Dinge etc., die als moralisch, politisch, menschlich verwerflich gelten, die aber in  der untergegangenen DDR erwünscht waren – um Mitarbeit, Hilfe und Zusammenarbeit mit der Stasi (dem MfS), um Aufklärung von DDR-feindlichen Handlungen, um die Unterbindung von gegen die DDR gerichteten Absichten und Tatbeständen, um  Fakten über Personen und mögliche Täter zusammenzutragen. Um diese Anliegen, Aufgaben und Aufträge verfolgen, erledigen und aufklären zu können, waren dem MfS/der Stasi viele (nicht alle) Mittel recht, rechtens und – nach DDR-Maßstäben – legal.

Im  Allgemeinen ist zu beobachten, dass in  solchen Fällen, bei denen unter neuen Bedingungen alte Regeln und alte Normalität, einst gültige Gesetze und Belohnungssysteme nicht mehr gelten, dass Anhänger, Verfechter, Vertreter, Helfer, Gefolgsleute oder Aktivisten der alten Ordnung zu ihrem früheren temporären Tun und Lassen Abstand suchen – durch Berufung auf Befehlsnotstand, Verirrung, Unkenntnis, Ahnungslosigkeit, Verführung, Verharmlosung, Ablenkung (machten doch alle so; alle machten doch mit), durch Beschuldigung anderer oder indem die zuständigen Beurteiler/Gerichte etc. als nicht zuständig erklärt werden. Erfahrungsgemäß verfahren ca. 90% aller davon Betroffnen in diesem Sinn.

Ich war es nicht, ich kann nichts dafür

Egal, ob es ein Unfall mit Fahrerflucht betrifft oder einstige Mitarbeit beim MfS/Stasi – ich war es nicht, ich kann nichts dafür, da muss eine Verwechslung vorliegen, dann  war es unwissentlich, dann  habe ich keinem geschadet usw. usf.  Es wird von Beschuldigten gegen alle bewiesenen Tatsachen und Zeugen abgestritten, gelogen, phantasiert, verharmlost, getäuscht, getrickst, Unwissenheit vorgegeben und Ahnungslosigkeit dazu, usw. usf.

Ich schätze, dass Dr. Frieder Weiße ein für 90% aller Beschuldigten übliches und bei 90% aller Beschuldigten zu findendes Verhalten an den Tag legt: Ahnungslosigkeit vorgeben, Verleugnen, Verdrehen, Verharmlosen, in  eine Opferrolle schlüpfen, andere beschuldigen…

Dabei übersieht Herr Dr. Frieder Weiße, dass

a)   seine davor liegende Fluchthelfertätigkeit in keiner Weise in Zweifel gezogen wird,

b) auch seine damaligen Motive – politische, finanzielle o.a. – weder hier noch sonst zur Diskussion stehen und

c)  interessieren mich mit einer Ausnahme auch keine Dinge (mehr), die nach Frieder Weißes (damals noch ohne Titel) vorzeitiger Haftentlassung folgten.

Dr. Frieder Weiße: Wiedergabe von Schütze-Zitaten sollen gelöscht werden

Plauderei führte zu fünf Jahren Haft

Die Ausnahme betraf (und was die Gegenwart angeht: betrifft) die von Dr. Frieder Weiße gelebte Unfähigkeit, zu dem zu stehen, was er einst – temporär in den Fängen der Stasi, unter Druck oder gegen Versprechungen von z.B. Hafterleichterungen, oder in berechtigter Sorge um seine Zukunft oder in Angst um Leib und Leben – mitbewirkt hat(te).

  1. Es geht nach meiner Meinung nicht – wie RA Gürtler – Liersch schreibt – um eine Informationslieferung gegenüber dem MfS, sondern mengenmäßig um einen ganzen Haufen davon. Eine betraf Olaf Schütze.
  2. Nach Einlassung von Dr. Frieder Weiße hat er am 4. Juli 1969 gegenüber dem MfS eine Kurierfahrt von Olaf Schütze nach Potsdam bestätigt.
  3. Auch aufgrund dieser (und früher geäußerter) Aussagen wurde ich vier Wochen später verhaftet und im Dezember 1969 wegen Fluchthilfe zu 3 Jahren Haft verurteilt. Sinngemäß aus der Urteilsbegründung: Auch wenn  der Angeklagte subjektiv angeblich nichts von möglicher Fluchthilfe gewusst haben sollte, liegt der objektive Tatbestand der Fluchthilfetätigkeit vor….
  4. Nach bisheriger und einst auch vom Betroffenen – in Cottbus – bestätigter Kenntnis wurde auch der damalige Theologiestudent (an der Humboldt – Uni ) Peter Krug aufgrund zurückliegender früherer Einlassungen, Plaudereien, Aussagen o.ä. von Frieder Weiße (damals noch ohne Titel) verhaftet und nach entsprechender U-Haft zu 5 Jahren Haft verurteilt… ( Peter Krug wurden irgendwelche Dinge mit Verbindungs- aufnahme und Spionage, keine Fluchthilfe angehängt.) Wobei ich nichts dazu sagen kann, ob die beiden nach Haftentlassungen wieder – wie zuvor – Freunde wurden.
  5. Im Herbst 1970 wurde eine Gegenüberstellung Schütze – Weiße arrangiert, zu der ich  aus Cottbus nach Berlin überstellt und mit neueren Beschuldigungen konfrontiert wurde. Diese Gegenüberstellung verlief nach meiner Erinnerung für die Arbeit des MfS unbefriedigend, weil Frieder Weiße einige frühere Aussagen ins Ungewisse, Ungefähre und Unsichere abschwächte oder abschwächen konnte.

Im Unterlassungsbegehren des Weiße-Rechtsanwaltes wird – wohl auch wegen Unkenntnis – die Fantasie arg strapaziert.

a) Gegenstand der genannten Gegenüberstellung waren neuere Beschuldigungen gegen oder an mich, aber keine Plaudereien über Fluchtwege. Wenn Dr. Frieder Weiße sagen lässt, Schütze (hat) einige hochbrisante Details ausgeplaudert, insbesondere solche über einen Fluchtweg….,  bleibt vorerst meinerseits dazu nur zu sagen:

Wer in den Fängen der damaligen Stasi / des MfS seine Sinne noch beisammen hatte, der hat sich gehütet, irgendetwas zu wissen, zu vermuten, ohne Not zuzugeben, auszuplaudern, zu gestehen oder sich um Kopf und Kragen zu reden. Das betrifft auch die schöne Behauptung des Dr. Frieder Weiße. Jedes Vermuten, Wissen oder Ausplaudern konnte zu neuen, zusätzlichen Haftstrafen führen.

b)  Dr. Frieder Weiße unterschätzte, verdrängt, hat es vergessen oder es nicht gewusst, dass einige – oder alle – jener westberliner Gruppen, Vereine oder Vereinigungen, mit denen er Kontakt hielt oder pflegte, von der Stasi / dem MfS beobachtet bzw. unterwandert waren und von dort mit brauchbaren Informationen beliefert wurden….

c) In diesem Zusammenhang kommt für mich auch der im Schreiben des Rechtsanwaltes erwähnte Walter M. in den Blick. Von Walter M. erhielt ich ca. im Frühsommer 1968 den eigentlich überflüssigen Hinweis, aus genau diesem Grund Vorsicht im Umgang mit Frieder Weiße walten zu lassen: Die von ihm frequentierten Gruppen, Vereine und Personen könnten vom MfS / Stasi unterwandert sein….

d) Die Behauptung des Dr. Frieder Weiße, ich hätte von Walter M. Details über, von oder zu Fluchthilfeunternehmungen erfahren, entbehrt jeglichen Wahrheitsgehaltes und entspringt der blühenden Fantasie des Dr. Weiße. Auch hierzu gilt bereits Erwähntes: Schon mögliches Wissen zuzugeben, einzugestehen oder darüber zu plaudern könnte zu höheren Strafmaßen (als 3 Jahre) führen.

Üblicher Weg des Leugnens und der Umdeutung

Nach meiner vorzeitigen Haftentlassung suchte ich Frieder Weiße auf, nach dem ich von seiner Haftentlassung erfuhr, um wenigsten Andeutungen darüber zu erfahren, warum er denn bei der Stasi / MfS so viel geredet, gesungen und geschwätzt hätte. Ich erfuhr in diesem Zusammenhang von ihm, dass er in Stasi-Haft entweder (irgendwelchen) Strahlen ausgesetzt worden wäre oder er wäre mit (irgendwelchen) Stoffen, Drogen o. ä. in der Luft, im Essen und Trinken behandelt und beeinflusst worden.

Mit anderen Worten: Frieder Weiße wäre nach eigener Aussage in Stasi – Haft subjektiv nicht mehr Herr seiner Sinne und damit nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. Mit diesem Erklärungsversuch für seine Schwatzhaftigkeit war er für mich auf dem üblichen, normalen Weg des Leugnens, Abschiebens, Umdeutens u.s.w. von Mitverantwortung schon ein gutes Stück vorangekommen und er würde, war voraus zu sehen, ohne Hilfe diesen Weg weitergehen wollen….

Dabei wäre es für Frieder Weiße – ohne und mit Dr. – einfach gewesen, zu seinem zeitweisen Blackout, Frontwechsel etc. zu stehen:

Unter Schock, Druck, düsteren Zukunftsaussichten, in Sorge und Angst um Leib und Leben, begabt auch noch mit einer kräftigen Portion Ahnungslosigkeit, wäre es evt.. auch für Außenstehende verständlich gewesen, wenn sich jemand unter solchen Umständen zeitweise von der Stasi / MfS in Gebrauch hätte nehmen lassen.

* Der Autor ist Evangelischer Pfarrer.

 V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785