Berlin/Potsdam, 12.04.2012/cw – Sind die Zeitzeugen tatsächlich die Feinde der Historiker? Diese oft gestellte hypothetische Frage kommt wieder in Erinnerung, wenn man die seit Jahren andauernden heftigen Auseinandersetzungen um Konzept und Inhalte der Mitte nächster Woche (18. April) eröffneten weiteren Gedenkstätte verfolgt. Die Zeitzeugen-Initiative der ehemaligen Häftlinge des KGB-Untersuchungsgefängnisses in der Leistikowstraße in  Potsdam wird sich laut einer Erklärung an der geplanten offiziellen Veranstaltung nicht beteiligen. Die Initiative betont, dass es sich bei der Anwesenheit von Zeitzeugen an diesem Tag um einen Protest gegen die „Ausstellungs-Macher und -Verwalter“ handelt. Geplant ist auch eine „stille Menschenkette“. Dennoch wollen auch die Zeitzeugen für Gespräche mit Verantwortlichen an diesem Tag offen sein, „soweit dies in gegenseitiger Achtung und gegenseitigem Respekt möglich sei“, so ein  Sprecher.

Im Einzelnen wird nach Angaben der Initiative protestiert

– gegen die seit drei Jahren praktizierte Ausgrenzung ehemals agiler und aktiver Zeitzeugen;

– gegen den Boykott der Ausstellung und der Dokumentationen von MEMORIAL Deutschland e.V.;

– gegen die Ignoranz gegenüber Erinnerungsberichten der Zeitzeugen sowie deren teilweise Vernichtung;

– gegen die Relativierung und Verharmlosung des Terrors der sowjetischen Geheimpolizei in der neuen Ausstellung;

– gegen die Tatsache, daß Aussagen von ehem. Häftlingen inhaltlich manipulativ reduziert sowie anonymisiert wurden, um die entsetzlichsten Fakten zu verschweigen;

– gegen die systematische Veränderung der Bausubstanz, indem geplant und gezielt das Nachempfinden der Isolationsfolter verhindert werden soll.

Entgegen anders lautender Meldungen seien die sachlich vorgetragenen Kritiken von den zuständigen Ministerinnen  Münch und Kunst ignoriert worden, indem sie den Argumenten der Gedenkstättenleitung unbesehen folgten. Ein echter Dialog mit der Bereitschaft, die Erinnerungen, das Wissen und die Erfahrungen der ehemaligen Häftlinge zu nutzen, habe nie stattgefunden und wurde vor allem von Frau Dr. Ines Reich und ihrem Schirmherren Prof. Günther Morsch abgelehnt. Letzterer habe ebenfalls die ständigen über Jahre andauernden Konflikte mit den Zeitzeugen in Sachsenhausen zu verantworten. Auch das sollte nach Meinung der Initiative thematisiert werden.

In einer Erklärung weisen die Zeitzeugen darauf hin, dass die von Ines Reich vorgelegte erste Textfassung für die Ausstellung  von namhaften Historikern entscheidend korrigiert werden mußte, was ein eindeutiger Beleg für die mangelnde  wissenschaftliche Qualifikation der Leiterin sei. Auch die von Reich  verantwortete Speziallager- Ausstellung in Sachsenhausen würde ebenfalls einer kritischen Analyse nicht standhalten. Der Behauptung, man sei den Zeitzeugen jederzeit entgegen gekommen, müsse ebenso scharf widersprochen werden. „Die Tatsachen würden jetzt auf den Kopf gestellt, um die Proteste zu verhindern“, heißt es in der heute verbreiteten Erklärung.

Als wichtigster  Aspekt des Protestes  müsse daher die Forderung nach Abberufung von Dr. Reich  gesehen werden. Leider sei die einschlägige  Unterschriftenaktion in dieser Sache im Vorjahr im Verantwortungsbereich des Kulturstaatsministers Neumann ignoriert worden. Die Gedenkstättenkuratorin Dr. Berggreen-Merkel versuche nun, die Mängel der Ausstellung mit  dem Zeitdruck infolge des fortgeschrittenen Alters der Zeitzeugen zu entschuldigen. „Dies sei unglaublich“, entrüstet sich Initiativ-Sprecher Dirk Jungnickel. Immerhin verstoße die Ausstellung eindeutig gegen die gültige Satzung (§2) der (ehem.)  Gedenkstätte in der Leistikowstraße. Dort sei dem Gedenken und den  Zeitzeugen  Priorität eingeräumt.

Nicht nur Jungnickel sieht die Schuld für den Dauerskandal Leistikowstraße auch in dem Brandenburger  ROT – ROTEN Dilemma. Auch das sollte durchaus artikuliert werden, ebenso wie die andauernde Benachteiligung der Opfer der Roten Diktatur.

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