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Berlin/Zarrentin, 29.04.2012/cw – Der ursprüngliche Name der einstigen  slawischen Siedlung „Zearnethin“ (11. Jahrhundert) könnte übersetzt heißen „Ort des Bösen“ oder „Ort des Schwarzen“. Die heutige in Mecklenburg-Vorpommern liegende Stadt am Schaalsee an der Grenze zu Schleswig-Holstein hat eine Geschichte, die durchaus der ursprünglichen Namensbedeutung nahe kommt. So sollen in einem  nahe gelegenen Industriegebiet in Bunker-ähnlichen  Anlagen bereits im einstigen NS-Staat geheime Forschungen zur Gewinnung von Öl aus Naturstoffen stattgefunden haben.

Geheime NS-Forschung? Bunker-Reste... / Foto: LyrAg

1938 wurde  zu diesem Zweck von der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (Wifo) ein Versuchs- und Reservelager nach Zarrentin  verlegt. Noch heute sind die Überreste dieser Bunkeranlage im Wald zwischen Zarrentin und Bantin zu sehen. Später, nach dem Krieg, besetzten zunächst die Amerikaner diese Anlagen und Zarrentin. Sie wurden nach der Aufteilung der Besatzungszonen durch sowjetische Besatzung abgelöst. Zu Zeiten der DDR wurden in dem Gelände Kabelrollen fabriziert oder verarbeitet. Westdeutsche Firmen sollen noch vor der Wende tausende Kabel geliefert haben, mittels der die maroden Elektroleitungen an der innerdeutschen  Grenze erneuert werden sollten. Tausende verwitterte Kabelrollen im entstandenen Wildwuchs zeugen von dieser Zeit. Doch davon später.

NS-Verwaltung und Stasi-Ausbildung

Im zu DDR-Zeiten streng abgeriegelten Ortsteil Bernstorff soll ein  Arbeitslager für unliebsame Personen unterhalten worden sein, ein ebenfalls nicht aufgearbeitetes Kapitel aus dem einstigen „Arbeiter-  und Bauernstaat“. Mit dem Namen Bernstorff verbindet sich aber auch ein anderes Kapitel deutscher NS- und DDR-Geschichte. Nach der Verhaftung des NS-Gegners Albrecht Theodor Andreas Graf von Bernstorff (*1890 / + 1945) und Mitglieds des Widerstandes um  den 20.Juli 1944 (Hitler-Attentat) stand der Familiensitz Sintenburg (Zarrentin) unter der NS-Verwaltung.

Herrenlose DDR-Hinterlassenschaften / Foto: LyrAg

Nach dem Krieg gelangte die Insel und der Sitz, der sich direkt an der späteren Zonen- bzw. Staatsgrenze befand, in den Besitz der DDR, die das Anwesen später für das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) nutzte, um  dort nicht nur Personal zur Ermordung unliebsamer Personen, sondern auch Mitglieder der RAF (Rote Armee-Fraktion) zu trainieren. Nach der Wende erhielt die Familie die Insel samt Familiensitz zurück, da die Enteignung bereits durch die Nationalsozialisten  erfolgt war.

NS-Symbole und Volksverhetzung nicht hinnehmbar

Eine wahrhaft geschichtsträchtige Gegend also, wo man erstaunt ist, darüber öffentlich so gut wie keine Hinweise zu finden. Umso erschütterter nimmt der auf Spurensuche befindliche Zeitgenosse „Bemalungen“ an den Wänden der eingangs zitierten Bunkeranlagen und einstigen  Kabelproduktion wahr, die so im  Jahre 2012 weder entstehen  noch offensichtlich über einen langen Zeitraum unbemerkt bleiben dürften: Hakenkreuze und der Schriftzug „Gas-Dusche und „Jude“ spreizen sich dem ahnungslosen Besucher provokativ in Hirn und Herz.

Unerträgliche Schmiererei an Bunkerwand - Foto: LyrAg

Wer bringt hier in der Abgeschiedenheit eines offenbar im  Dornröschenschlaf liegenden historischen Geländes derartige widerwärtige Zeichen und Schriften  an? Hat die Stadt Zarrentin am wunderschönen Schaalsee gar ein – verdecktes – Problem mit braunen Neo-Szenen, die ein als unbeobachtet geglaubtes Gelände für ihre menschenverachtende und rückwärtsgewandte Sprache und womöglich „Spiele“ missbraucht?

Ungeachtet, ob sich hier einmal der Verfassungsschutz oder nur die Kriminalpolizei umsehen sollte, bleibt es nicht hinnehmbar, dass derartige Symbole und Schriftzüge eines verbrecherischen  Systems den Zeitwert zwischen Schmiertermin und Beseitigung dieser rassistischen Volksverhetzung überschreitet.

Graf Bernstorff ein Glanzlicht für „Ort des Bösen“

Graf Bernstorff  hatte seit Beginn der Juden-Verfolgung zahlreichen Juden Hilfestellung gegeben, sie vor deren Schergen geschützt. Ein Glanzlicht für einen „Ort des Schwarzen und des Bösen“. Die Stadt Zarrentin täte gut daran, sich der daraus entstandenen Verpflichtung bewusst zu sein und das historische Erbe aktiv anzugehen: Durch die Aufarbeitung der NS- und DDR-Vergangenheit vor Ort, die umgehende Beseitigung genannter Schmierereien samt strafrechtlicher Verfolgung ihrer Urheber und die (ausstehende und dennoch zwingende) Erinnerung an das Wirken von Menschen wie Albrecht Theodor Andreas Graf von Bernstorff.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 0der 0176-48061953

Berlin/Stollberg/Hoheneck, 24.04.2012/cw – Am gestrigen Tag sendete Deutschlandradio Kultur in seiner Reihe „Länderreport“ einen interessanten Beitrag zum ehemaligen DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck. In lockerer Form berichtete der Autor Michael Frantzen über den aktuellen Stand der Diskussionen um die mögliche Umwidmung in eine Begegnungs- und Gedenkstätte der Burganlage über der Stadt Stollberg.

Gedenken an zwei Diktaturen - Hoheneck Foto: LyrAg

Mancher Hörer oder gar Hörerin aus dem Kreis der ehemaligen aus politischen Gründen verfolgten Insassen dürften diese lockeren Auslassungen eher als unangemessen empfunden haben, wenn zum Beispiel im  Zusammenhang mit dem Besuch des Bundespräsidenten Christian Wulff, der zum 20. Jahrestag des Frauenkreises im letzten Jahr als erster namhafter Politiker den einstigen Schreckensort besucht hatte, von „Schnäppchenjäger“ gesprochen  wurde. Der Zusammenhang erschließt sich hier kaum.

Hohn und Spott über den Eigentümer

Gleiches gilt für den gehörten Umgang mit dem Eigentümer Bernhard Freiberger und dessen Generalbevollmächtigten Jens Franz. Beide hatten längst Planungsfehler eingeräumt und die entstandenen Missverständnisse um die einstigen und  eigenwilligen Pläne des Eigentümers glaubwürdig bedauert. Jeder Unternehmer kann seine Firmen benennen, wie er es für richtig hält. Hier höhnisch die antike Göttin des Waldes, Artemis, als Namensgeber (der Firma) anzuführen, die der Legende nach das Licht scheut, mag anderswo Vermittlung von Bildung  sein, hier erschien es unangemessen. Denn ohne den Eigentümer werden alle hochfliegenden Pläne nicht durchsetzbar sein, werden noch so gute Ideen zu Makulatur.

Das wusste auch die ehemalige Hoheneckerin Tatjana Sterneberg, bis 2008 stellvertretende Vorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen, als sie im letzten Jahr im Auftrag des Frauenkreises den Besuch des Bundespräsidenten organisierte und dabei erstmals Gespräche mit dem Eigentümer führte. Für Sterneberg war schnell klar: Ohne die Mitwirkung Freibergers würden alle Bemühungen um die durch den Präsidentenbesuch belebte Gedenkstättenidee vergeblich sein. Geschickt nutzte Sterneberg die entstandenen Kontakte, um  die Interessen möglicher Beteiligter kennen zu lernen, auszuloten und zusammenzuführen. Gespräche mit der Stadt, Landtags- und Bundestagsabgeordneten folgten und mündeten schließlich im  September 2012 in die Gründung eines „Fördervereines Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V.“. Im Gegensatz zum Frauenkreis wurden dabei erstmals auch Bürger von Stollberg einbezogen, weil Sterneberg und die Initiatoren in der Einbindung der „Bürger vor Ort“ die wichtigste Voraussetzung für eine Umsetzung sahen.

Einst düsterer Ausblick, jetzt Hoffnung / Foto: LyrAg

Einbindung der Bürger von Stollberg

Bereits im Dezember vorigen Jahres legte der Förderverein ein erstes Konzept für eine Europäische Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck vor, eine Zusammenfassung bisheriger Gesprächsergebnisse und „Zusammenführung bislang unterschiedlicher Vorstellungen in ein machbares Konzept“, wie Sterneberg erläutert.

Erstaunlich, dass dieses vielfach auf Landes-, Bundes- und Europäischer Ebene gelobte und positiv bewertete Konzept in dem angeführten Beitrag des freien Autors Frantzen nicht einmal erwähnt wurde. Das könnte einerseits an der mangelnden Recherche des Autors liegen, andererseits an den zutage getretenen divergierenden Interessen jetziger „Macher“.

Zwar führt der Autor richtig an, dass für den Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, Hoheneck bei dessen Amtsantritt Anfang 2010 „eigentlich erst einmal gar nicht auf seiner Prioritätenliste stand“, zitiert dann aber Reiprich, dieser habe „viele Gespräche geführt. Mit dem Prokuristen der Firma, dem Investor, mit dem Bürgermeister, mit Land- und Bundestagsabgeordneten, mit den Frauen von Hoheneck natürlich sowieso und anderen im Umfeld“. Das sei „ja gerade die Aufgabe eines Geschäftsführers: Quasi stille Diplomatie zu betreiben anstatt groß rum zu klingeln.“

Den versteckten Vorwurf konnte der Autor nicht orten, da er – wie erwähnt – von dem bislang rührigen Förderverein keine Ahnung hatte. Genau aber dieses „groß rum klingeln“ wirft Reiprich dem Förderverein vor. Er verschweigt dabei schamvoll, dass er erstmals zum Präsidentenbesuch auf Hoheneck war und selbst aus diesem Anlass in einem MDR-Interview das „Privatengagement von Bürgern“ beschworen hatte, ohne die eine Gedenkstätte keine Chance hätte. Statt also mit diesem Privatengagement „quasi stille Diplomatie zu betreiben“ holte der nun rührige Geschäftsführer unter Umgehung der eigenen Stiftungssatzung den verbalen Holzhammer heraus und legte seine beschworene stille Diplomatie sehr eigenwillig aus. Hinter dem Rücken des Förderereinsvorstandes, dessen Schreiben zumeist nicht und wenn, dann im rüden Ton beantwortet wurden, operierte Reiprich in Stollberg und verlangte von den ortsansässigen Mitgliedern unter Androhung der Sperrung von Fördermitteln den Ausschluss der Vorsitzenden Sterneberg und weiterer Vorstandsmitglieder.

Auch heute offenbar noch missverständlich - Ein später installiertes Schild am Hofzaun / Foto: LyrAg

Diesmal ein „Förderkreis“

Wie in der Sendung verbreitet, soll Siegfried Reiprich und seine Mitstreiter aufs Tempo drücken und Ende des Monats in Stollberg ein Förderkreis gründen, der ein Konzept für die weitere Nutzung des ehemaligen DDR-Knasts entwickeln soll. Reiprich nutzt immerhin die Inhalte des vom Förderverein vorgelegten Konzeptes und zitiert bereits daraus, ohne natürlich den Urheber zu benennen. Denn  schließlich soll der sich am Freitag im Stollberger Rathaus gründende Förderkreis „ein Konzept für die weitere Nutzung des ehemaligen DDR-Knasts entwickeln“. Da wäre jeder Hinweis auf eine Vorarbeit den möglichen Meriten eines initiierenden Geschäftsführers abträglich.

Bleibt zu wünschen, dass das Reiprich-Postulat von der „stillen Diplomatie“ nicht schon am Anfang Bremsspuren hervorruft. Denn seine Äußerungen über den Eigentümer: „Der Investor is nen netter Mensch; nen kultivierter. Ich glaub, aus dem Saarland kommt der Mann. Der wußte offensichtlich nicht, was er da tat … Deswegen hat der das in seiner Naivität sicherlich nicht bös gemeint, aber es war natürlich furchtbar“, sind neben den abfälligen Bemerkungen des Autors über den Prokuristen („Aus dem Lot geraten ist nicht nur die Syntax von Freibergers Sprachrohr„) wohl eher geeignet, neuen Frost zu schaffen als das in den letzten 18 Monaten entstandene Tauwetter zwischen dem Eigentümer und den Interessenten an einer dauerhaften  Gedenkstätte positiv zu nutzen.

Tatjana Sterneberg beobachtet das entstandene Hick-Hack aus angemessener Ferne in Berlin. Sie sieht die aktuellen Geschehnisse eher gelassen: „Wenn wir Herrn Reiprich und andere endlich veranlasst haben, sich in Bewegung zu setzen und sich wie auch immer einzubringen, dann  sehen wir das als einen großen Erfolg unserer Bemühungen. Am Ende steht immer das Ergebnis. Und da setzen wir auf ein gutes Ende“.

Sterneberg hat Erfahrungen  mit erfüllten Hoffnungen. Als sie am 3. Oktober 2010 im Berliner Reichstag den seinerzeit amtierenden Bundespräsidenten persönlich ansprach und um einen Besuch in Hoheneck bat, war sie nach dem „herzlichen Gespräch“ ebenfalls voller Hoffnung. Zu Recht, wie sich sieben Monate später herausstellte.

Das Manuskript der angeführten Sendung kann abgerufen werden:

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/1737311/

Gastbeitrag:

V.i.S.d.P.: Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V., Tel.: 030-30207778

Berlin/Potsdam, 21.04.2012/cw – Im Vorlesungsverzeichnis der Uni Potsdam (Institut Medien und Künste ) findet sich die nachfolgende Ankündigung. Nach den erbitterten Auseinadersetzungen zwischen  Zeitzeugen und der Historikerin Ines Reich könnte der Inhalt der Vorankündigung für deren Vorlesungen an der Uni Potsdam einen Schlüssel für das krude Selbstverständnis über die Gestaltung einer Ausstellung liefern, die sich mit den grausamen Erlebnissen von Menschen unter der menschenverachtenden Fuchtel des einstigen sowjetischen Geheimdienstes befassen soll(te). Im Ankündigungstext für die Vorlesungsreihe fällt auf, dass sich die Dozentin wohl ausschließlich mit dem „Gedächtnis der Dinge“ und der „bildungswirksamen Inszenierung des Materials“ auseinanderzusetzen gedenkt. Die „Nutzbarmachung von Geschichte für Gegenwartszwecke“ (?) scheint Zweck und Sinn einer heutigen Ausstellungsgestaltung zu sein, wohl nicht die einem Historiker unabhängig vom aktuellen Zeitgeist unterstellte Darstellung geschichtlicher Vorgänge. Der Umgang mit dem „Ding“ ist also eine Vorlesungsreihe wert, der Umgang mit Menschen und deren rücksichtsvolle Einordnung in traumatische Erfahrungen in und mit der Geschichte spielt dabei – wie in der Realität am Beispiel der Ausstellung in der Gedenkstätte Leistikowstraße wohl eine – gewollte? – untergeordnete Rolle.

Die Vorlesungsreihe ist wöchentlich bis 11.7.12 geplant.

Hier der Ankündigungstext:

„Ines Reich | Mi 16 – 18 Uhr | Raum: 1.09.2.04 | Erste Veranstaltung: 11.04.2012

PULS
Jede Erinnerung ist ein Prozess, der sich zwischen Re- und Dekonstruktion abspielt. Die in musealen Depots befindlichen Exponate haben im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Kontexten Bedeutungen gespeichert. Die Aufgabe des Museums besteht nun darin, dieses „Gedächtnis der Dinge“ zu erforschen und zu transportieren. Als eine der wichtigsten Methoden, Besucher in die Lage zu versetzen, die jeweilige Bedeutung eines Dings zu erkennen gilt nach der Auswahl die „bildungswirksame Inszenierung des Materials“ (Parmentier, 1996). Das bedeutet im Umkehrschluss des postmodernen Dingverständnisses: Wenn die Bedeutung eines Dings letztlich immer ein Kontextphänomen ist, müssen die Kontexte, die in der wissenschaftlichen Analyse herausgefiltert wurden, in Ausstellungen durch entsprechende Arrangements geschaffen werden. Für eine bildungswirksame Inszenierung kommen nach Parmentier Verfahren in Betracht wie Verdichtung, Kontrastmontage, Iteration (Wiederholung) und Reihung, Mystifizierung und Verfremdung.
Durch die Verengung der Dingbedeutungen auf einen Aspekt oder die Verschiebung von Kontexten bieten historische Ausstellungen die Möglichkeit zur Instrumentalisierung der Vergangenheit, zur Nutzbarmachung von Geschichte für Gegenwartszwecke. Anhand von exemplarischen Fallbeispielen (Erinnerungsorte, Zeitzeugen etc.) sollen theoretische Ergebnisse mit empirischen Analysen verknüpft werden. Seminarteilnehmer besuchen deshalb verschiedene Museen, Gedenkstätten und historische Ausstellung und nehmen dabei die in der Bundesrepublik in der jüngeren Vergangenheit stattfindenden Diskussionen um solche Orte in den Blick. Sie gehen dabei der Frage nach, ob die Geschichtsmuseen ein neues Geschichtsbild verbreiten, wie dieses Geschichtsbild konstituiert ist und welche inszenatorischen Mittel bei der Vermittlung eingesetzt werden.“

https://puls.uni-potsdam.de/qisserver/rds?state=verpublish&status=init&vmfile=no&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfo&publishSubDir=veranstaltung&veranstaltung.veranstid=29121

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Berlin/Dresden, 20.04.2012/cw – Die Sächsische Zeitung berichtet heute über eine Entscheidung der 7. Kammer des Dresdner Verwaltungsgerichtes, nach der es der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag durch eine einstweilige Anordnung ermöglicht wird, wie vorgesehen am 22. April die Gedenkstätte Bautzen II zu besuchen.

Ausladung „mit deftigen Worten“

Im Gegensatz zur Gedenkstättenleiterin Silke Klewin, die keinen Handlungsspielraum sah, den Antrag der NPD-Fraktion  abzulehnen, weil „wir verpflichtet (sind), auch Vertretern demokratisch gewählter Parteien Zutritt zu unserer öffentlichen Einrichtung zu gewähren“, sah der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten Handlungsbedarf. Die SZ berichtet gar, die Zusage durch Klewin „brachte den Vorsitzenden von Sachsens Gedenkstättenstiftung auf die Palme“. Siegfried Reiprich lud die NPD per Brief wieder aus. „Mit deftigen Worten“, so die SZ: „Sie sind nicht willkommen. Ich mache vom Hausrecht Gebrauch und storniere die … gegebene Zusage“, formulierte Reiprich an die NPD. Ein Besuch der NPD in der Gedenkstätte würde als „Verhöhnung aller Opfer politischer Gewaltherrschaft erscheinen“.

Die rechte Fraktion beantragte beim Dresdner Verwaltungsgericht eine einstweilige Anordnung gegen diesen in NPD-Augen „dreisten Versuch einer Gesinnungszensur“ und war damit vorerst erfolgreich. Denn  Reiprich legte unverzüglich beim Bautzener Oberverwaltungsgericht Beschwerde gegen das Dresdner Urteil ein. Er sei zuversichtlich, „dass das Oberverwaltungsgericht Bautzen ein Einsehen hat und der Besuch der NPD doch nicht stattfinden wird“.

In Beurteilung rechtlicher Fragen überfordert

Beobachter sehen das Vorgehen Reiprichs durchaus kritisch. Zwar stände der gemeinsame Kampf aller Demokraten gegen Extremismen von links und rechts außer Frage. Diese politische Auseinandersetzung dürfe aber Grundsätze unseres Rechtsstaates nicht willkürlich aushebeln, „denn  gerade dies sei eines der stärksten Argumente gegen Extremisten. Diese würden in ihren angestrebten Ordnungen stets der Willkür vor klaren Gesetzen und Grundrechten eines Rechtsstaates den Vorrang einräumen, um  Gegner durch  Terror zu verfolgen, in Einrichtungen wie Bautzen oder Sachsenhausen (wieder) einzusperren oder gar physisch zu vernichten,“ erklärte der Vorstand der Vereinigung 17. Juni 1953 in Berlin zu den Vorgängen. „Zumindest lege das die Verherrlichung der vergangenen Diktaturen nahe.“

Extremisten mit Diktatur-Hinterlassenschaften konfrontieren

Allerdings sei Siegfried Reiprich gut beraten, sich in diesen Fragen „vor derartigen Aktionen durch Experten seines aufsichtsführenden Ministeriums beraten zu lassen, da er in der Beurteilung rechtlicher Vorgaben offensichtlich überfordert“ sei. Dagegen habe die Leiterin der Gedenkstätte Silke Klewin „rechtlich einwandfrei reagiert“.

Die Vereinigung sieht auch einen  gänzlich anderen Ansatz für den Umgang mit politischen  Extremisten, als die sie die „Verteidiger der Diktaturen in Deutschland“ einstuft. Danach sei der Stiftung zu empfehlen, gerade diese Parteien offensiv mit den Hinterlassenschaften der Verbrechen  gegen  die Menschlichkeit zu konfrontieren und in die bestehenden Gedenkstätten demonstrativ einzuladen. Befremdlich sei auch, „dass eine ähnliche Aussperraktion gegen Politiker der SED-Nachfolgepartei“ durch Siegfried Reiprich „bisher nicht bekannt geworden sei“. Das relativiere seine Argumentation im vorliegenden Fall erheblich.

Gegen Reiprich läuft derzeit eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Der Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck wirft dem Geschäftsführer auch eine Überschreitung seiner Kompetenzen vor, „die sich an der Satzung der Stiftung ausrichten sollte“, weil dieser sich in „teilweise rüdem und unzulässigen  Ton“ in die Belange des Vereins „bis hin  zur ultimativen Forderung von Ausschlüssen ihm nicht genehmer Mitglieder“ eingemischt habe.

Siehe auch: http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=3041265

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17.Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V.

Hohenecker Bote

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Nr.005                                        Förderverein – Info                   15. April 2012

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Hoheneck:                                                                                                                                                                                Der Schornstein fällt – Die Hoffnung steigt

Berlin/Hoheneck, 15.April 2012/cw – Die Abbrucharbeiten im Umfeld des „dunklen Ortes“ signalisieren den Bürgern des Ortsteiles Hoheneck von Stollberg: Und es bewegt sich doch. Seit dem Besuch des Bundespräsidenten Dr. Christian Wulff erfährt das ehemalige Frauenzuchthaus der DDR eine breite, zuvor nicht registrierte Aufmerksamkeit. Zum  20. Jahrestag des Frauenkreises ehemaliger Hoheneckerinnen, jetzt ein eingetragener Verein, hatte das Staatsoberhaupt den Frauen seine Aufwartung gemacht und diese in einer nachdenklichen  Rede ermuntert, sich für einen Gedenkort zu engagieren.

Im Herbst wurde dann in Stollberg ein Förderverein  gegründet, der sich zum Ziel setzte, den Frauenkreis, die Stadt, den Eigentümer und alle sonstige Interessenten aktiv bei der Umsetzung einer Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck zu unterstützen. In ersten Gesprächen wurden unterschiedliche Vorstellungen zusammengeführt. Sie mündeten schließlich in ein erstes Konzept, das der Förderverein Anfang Dezember der Öffentlichkeit präsentierte und auf breites Interesse stieß.

Natürlich blieben auch Missverständnisse bis hin zur Missgunst nicht aus. „All das ist fast normal,“ stellt Tatjana Sterneberg, ehemalige Hoheneckerin  und Vorsitzende des Fördervereins fest:  „Für uns ist es rückblickend wichtig, Anstöße gegeben zu haben. Der Stein ist ins Diskussions-Wasser geworfen und hat erwünschte Wellen geschlagen“. Nun sei Sachverstand, dreimal Sachlichkeit und eine gehörige Portion Optimismus gefragt, um das Projekt umzusetzen.

Zu den aufgelaufenen Diskussionen um alte und neuerliche Vereinsgründungen (siehe weiter unten) äußert sich die engagierte einstige politisch Verfolgte („weil ich mich verliebt hatte“) zurückhaltend, wenngleich konstruktiv: „Welcher Verein was umsetzt und welche Leute schließlich am Runden Tisch sitzen, um die Pläne für die Zukunft zu gestalten, ist für uns nachrangig. Das Ergebnis wird eines Tages der Bewertungspunkt sein, an dem wir uns alle messen lassen müssen. Der Weg dorthin kann  durchaus steinig sein, er bleibt bedeutungsvoll, weil wir alle wissen: Wichtig ist das Ziel“. Und diesem Ziel könnten sich auch Berufsmeckerer und Zweckpessimisten  auf Dauer nicht entziehen. „Das bleibt und das ist meine und unsere Überzeugung“, sagt Tatjana Sterneberg.

Mittlerweile wurde der über 30 Meter hohe Schornstein  gesprengt, wurden und werden alte Gemäuer im Umfeld der künftigen Begegnungs- und Gedenkstätte beseitigt. Wichtige Voraussetzungen für den geplanten Aufbruch in eine neue Zeit für das historische Gelände. Am Freitag nächster Woche werden sich im Rathaus der Stadt Stollberg viele Beteiligte mit dem Bürgermeister treffen, um die nächsten  Schritte zu beraten und möglicherweise erste bindende Beschlüsse zu fassen.

Das der Förderverein  bislang nicht eingeladen wurde, bringt dessen Vorstand nicht aus der Fassung: „Wir verfolgen alle Initiativen aufmerksam und mit  allen guten Wünschen“, sagt dazu die stellvertretende Vorsitzende Waltraud Thiele, ebenfalls ehemalige Hoheneckerin und Botschafterin für Demokratie und Toleranz 2011. „Wenn wir etwas in Gang gesetzt und bewegt haben und Andere diese Bewegung aufgreifen, haben wir schon viel erreicht. Da überwiegt eindeutig Freude über anfängliche Misshelligkeiten“.

Dienstaufsichtsbeschwerde auf dem Weg

Berlin/Dresden/Hoheneck, 15. April 2012/cw – Der Förderverein hat gegen den gegenwärtigen Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, beim zuständigen Ministerium in Dresden eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht. Der Vorstand sieht in den „erstaunlichen  Aktivitäten des Geschäftsführers gegen unseren Verein“ einen eklatanten Verstoß gegen die Satzung der Stiftung. Diese sehe ausdrückliche eine „Förderung und Zusammenarbeit“ der Einrichtungen, Vereine und Initiativen, die sich mit der Erinnerungskultur befassen, vor. Reiprich habe sich stattdessen „von wem auch immer“ in eine fast schon „feindselig zu nennende Haltung“ gegen den Förderverein drängen lassen oder sich selbst dahin bewegt, so der Vereinsvorstand. „Wir haben nichts gegen den Geschäftsführer persönlich“, heißt es, „aber es müsse von der Dienstaufsicht geklärt werden, ob die aktive Einmischung in privatbürgerliches Engagement und die Abfassung von dirigistischen  Vorgaben in den Aufgabenbereich des Geschäftsführers“ fielen.

Reiprich hatte vor Ort in  Stollberg ultimativ den Ausschluss von Vorstandsmitgliedern aus dem neugegründeten Verein verlangt und die Verweigerung von Förderungen durch die Stiftung für eine Begegnungs- und Gedenkstätte angedroht, so der Vorwurf. Auch solle er sich aktiv um die Gründung eines Gegenvereins bemüht haben oder bemühen.

Der Vorstand hat dafür „absolut kein  Verständnis“, da durch dieses „satzungswidrige Verhalten“ bereits die nahtlose Übergabe des Vereins in die Hände Stollberger Bürger gescheitert sei. „Wenn  sich Siegfried Reiprich nicht eingemischt hätte, würden seine aufgebauten und überflüssigen Feindbilder längst nicht mehr im Verein agieren. Dann hätte sich der Verein längst aktiv in die weitere Arbeit stürzen können“.

Nun  sei ein  weiterer Verein vorgesehen, dessen Zusammensetzung Herrn Reiprich in das, nach eigenen Worten „noch nicht vorhandene Konzept“ passe. Keinesfalls werde der bereits existierende Förderverein einer realistischen Umsetzung im  Wege stehen und „alle Anstrengungen für das gemeinsame Ziel unterstützen“.

60. Geburtstag: Roland Jahn gratulierte persönlich

Herzliche Gratulanten: Dagmar Hovestaedt und Roland Jahn (von links)

Berlin, 14.03.2012/cwTatjana Sterneberg, Vorsitzende des Fördervereins und ehemalige Hoheneckerin, vollendete am 14. März ihr 60.Lebensjahr und feierte mit Weggefährten und Freunden im neueröffneten Lokal ROCCO am Berliner Kaiserdamm ihr Jubiläum. Neben den vielen Gratulanten erschien in den Abendstunden überraschend der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, um zusammen mit Dagmar Hovestaedt seine Glückwünsche zu überbringen. Roland Jahn beging am gleichen Tag den ersten Jahrestag seiner Amtseinführung.

Friedrichroda: Neuer Vorstand der VOS

Berlin/Friedrichroda, 15.04.2012/cw – Der nach eigenen Angaben größte und älteste Verband einstiger politisch Verfolgter der DDR-Diktatur und des Stalinismus, VOS, hat in Friedrichroda einen neuen Vorstand gewählt. Der bisherige Bundesvorsitzende Johannes Rink, Magdeburg, hatte nach heftigen Auseinandersetzungen seinen Rückzug angekündigt. Zum Nachfolger wurde der bisherige Vizevorsitzende Hugo Diederich gewählt, der ankündigte, weiterhin in Personalunion als Geschäftsführer fungieren zu wollen. Die Position des Schatzmeisters hingegen wird künftig der neugewählte stv. Bundesvorsitzende Frank-Michael Nemetz, Leipzig, übernehmen. Diederich hatte auch diese Funktion bisher in Personalunion geführt. Zur weiteren stv. Bundesvorsitzenden wurde May-Britt Krüger (Rostock) gewählt.

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© 2012 Redaktion: Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck e.V., verantwortlich: C.W. Holzapfel, Kaiserdamm 9, 14057 Berlin

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