Berlin/Potsdam, 28.03.2012/cw – Gleich vorweg, um Fehlinterpretationen zu begegnen: Gewalt ist kein  Mittel der Auseinandersetzung. Punkt.

Aber rund um  diesen selbstverständlichen Grundsatz einer zivilen Ordnung wissen wir um die Ausnahmen, Widersprüche und – ja, auch – politischen Legalisierungen von Gewalt. Der gleiche Staat, der seinen Bürgern das Credo von der Gewaltlosigkeit predigt, setzt oftmals seine Soldaten oder Polizisten in Marsch, um  mit Gewalt gegen Gewalt zu operieren oder eigene Ziele mit Gewalt – ohne Vorspiel der Gegenseite – durchzusetzen. Dann gibt es das Instrument der Notwehr: Wer eine Gefahr für sich oder gegen Andere nicht anders abwehren kann, ist berechtigt, zur Abwehr dieser Gefahr auch Gewaltmittel einzusetzen. Soweit die Widersprüche, soweit die Ausnahmen.

All das lässt sich auf den ersten  Blick bei dem Geschehen in Potsdam nicht einsortieren. Ein ehemaliger Workuta-Häftling wollte die umstrittene Leiterin der Gedenkstätte Leistikowstraße um die Möglichkeit eines Zeitzeugengespräches bitten. Er wies ein Schreiben der Staatskanzlei vor, das er infolge eines Gespräches mit Ministerpräsident Platzek anlässlich seines Geburtstages erhalten hatte und in dem die Leiterin der Gedenkstätte gebeten wurde, Zeitzeugen Gespräche zu ermöglichen. Diese aber wies das Ansinnen mit dem Hinweis auf laufende Bauarbeiten ab. Das führte dann im Verlauf einer sicherlich heftiger werdenden Debatte zu der in den Medien diskutierten Auseinandersetzung oder, von der Gedenkstätte behaupteten gewalttätigen Reaktion eines 83jährigen, der als Minderjähriger von der Straße weg durch die Sowjets verhaftet worden und nach Sibirien in das berüchtigte Lager Workuta verschleppt worden war. Erst nach acht Jahren war er, fast einem Wunder gleich, aus dieser sibirische Hölle zurückgekehrt.

Hat ein solches Schicksal, hat ein Mensch, der dieses durchlebt hat, nicht Verständnis verdient, wenn er permanent gegen eine Wand von Ignoranz und provozierter Missverständnisse anrennt, anrennen muß? Seit Jahren fühlen sich die Betroffenen – nicht nur in der Leistikowstraße, aber hier besonders deutlich – von der Gedenkstättenleitung absichtlich wirkend, weil von oben herab ins Abseits gestellt. Hier wurde und wird der ewig anmutende Konflikt zwischen  den Zeitzeugen, die vor Ort Bitteres durchleben und erleiden mussten und Jenen, die – etwas salopp ausgedrückt – mit dem Leid dieser Menschen  ihr Brot verdienen, deutlich. Die Leistikowstraße ist da kein Einzelfall. Die Arbeitsgemeinschaft Sachsenhausen 1945 –1950 kann ebenso davon berichten, wie andere Betroffene.

Im Jahr 2008 freundlicher Umgang: Ines Reich, Lothar Scholz, Ministerin Prof. Johanna Wanka - Foto: LyrAg

Erst jüngst wurde dieser Konflikt am Rande einer Veranstaltung in der Runden Ecke, dem Museum in Leipzig, deutlich. Eine ehemalige Hoheneckerin, die nach 30 Jahren den Mut fand, sich mit ihrer Vergangenheit im Frauenzuchthaus Hoheneck auseinanderzusetzen, hatte sich zur Buchvorstellung „Der Dunkle Ort“, in dem 25 Schicksale von nahezu 10.000 politisch Verfolgten allein in  Hoheneck geschildert werden, eingefunden. Die studierte, also gebildete Frau, sprach am Rande der Veranstaltung den Geschäftsführer der Stiftung Sächsische  Gedenkstätten an, um sich nach einer möglichen Mitwirkung im Beirat dieser Institution zu erkundigen. Sie wollte schlicht einen Ansprechpartner wissen. Von oben herab wurde die ehemalige Hoheneckerin beschieden, wenn  sie das nicht selbst wisse, könne er ihr auch nicht helfen. Und weiter: Das wäre eh nichts für sie, in dieses Gremium würden nur hochkarätige Persönlichkeiten berufen.

Im geschilderten Fall wurde die Frau nur „sehr laut“. Aber hätte man nicht zumindest das Verständnis aufbringen können oder müssen – was nichts mit Billigung zu tun hat -, wenn diese ehemals politisch Gefangene ausgerastet wäre und eine Kiesinger-Feige verteilt hätte?

Einzig um diese Frage geht es. Wer diesen Menschen das Verständnis für deren Empörung gegen die Arroganz der „Verwalter ihrer Schicksale“ verweigert, hat nichts begriffen und setzt sich ziemlich kaltschnäuzig über dramatische Schicksale und die mit diesen verbundenen Traumata hinweg. Die so Zurückgewiesenen erleben ihr Leid erneut, müssen die beleidigende Arroganz als Fortsetzung der Zersetzungsarbeit und Folter ihrer einstigen Peiniger empfinden.

Bei NS-Opfern hat man diese Zusammenhänge längst verinnerlicht, zu Recht. Weder eine Ines Reich noch ein Günter Morsch  kämen auch nur auf den Gedanken, ein  NS-Opfer mit annähender Arroganz zu behandeln oder abzufertigen. Bei den Opfern der zweiten Diktatur hat sich hingegen diese Form der Auseinandersetzung schon vielfach verselbständigt, ohne dass dies einigen Verwaltern der Leidenskultur noch auffällt. Diese Bestandsaufnahme wäre, ist ein Skandal an sich, nicht die Empörung eines 83jährigen ehemaligen sibirischen Häftlings, der in seiner Verzweiflung ob der von ihm beschriebenen „Eiseskälte“ seines weiblichen Gegenübers seine ansonsten gerühmte Verbindlichkeit außen vor ließ. Die folgende Presseerklärung der Gedenkstätte war und ist nicht geeignet, den Konflikt aufzulösen oder eine neue Sachlichkeit anzustreben. Wer in einer eskalierenden Situation die wütende Äußerung eines Betroffenen, „den ganzen  Laden anzuzünden“ zu einer „Morddrohung“ hochstilisiert, trägt nicht zur Konfliktlösung bei. Auch die zwischenzeitlich telefonisch übermittelte Forderung an den Workuta-Häftling, sich mit einem Blumenstrauß bei Ines Reich zu entschuldigen, gleicht eher einer erneut betonten Arroganz als dem Bemühen, einen „runden Tisch“ anzubieten, an dem die Beteiligten ihre Sorgen und Nöte im gegenseitigen  Umgang offen besprechen könnten.

Vielleicht wäre es ein Weg, wenn  Ines Reich die Anzeige zurückzöge und endlich ein ergebnisoffenes Gespräch mit den betroffenen einstigen Häftlingen und dem Verein anbieten würde? Die Provokation eines Gezeichneten durch martialische Presseerklärungen oder gar Gleichstellung mit Terroristen noch zu verstärken, ist garantiert der falsche Weg, den Karren verweigerter Achtung und angehäufter Missverständnisse aus dem Brandenburger Sand zu ziehen.

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

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