Skurrile Begegnung am Rande des Marcone-Prozesses

Berlin, 27.02.2012/cw – Am zweiten Prozesstag um den Tod des Giuseppe Marcone wurden heute zahlreiche Zeugen vernommen. Die Anzahl der interessierten Presse-Vertreter hatte sich deutlich vermindert, hingegen war die Zuhörer-Tribüne nach wie vor gut besetzt.

Deutlich schälte sich die Taktik der Verteidigung heraus, als die vernommenen türkischen Freunde der beiden Angeklagten nahezu gleichlautend über die Konsumierung zweier Wodka-Flaschen in der Nacht vor dem tragischen Geschehen am U-Bhf. Kaiserdamm berichteten. Allerdings stand die Darstellung einer gewissen Trunkenheit und der damit unterstellten Beeinträchtigung bewusster Handlungen  im Gegensatz zu den sehr detaillierten Erinnerungen der Zeugen. Ein Umstand, der schon bei den Äußerungen  der Beschuldigten auffiel. Gleichwohl schien sich der auffallend schweigsame Anklagevertreter auch durch diese Widersprüche nicht zu Nachfragen veranlasst.

Sozialisation der Täter wichtiger als das Leid der Familie?

Überhaupt schien für den unbefangenen Zuhörer die Sorge um die Befindlichkeiten der Angeklagten weit höher angesiedelt, als das Leid der Familie des Opfers, die oft sichtbar leidend als Nebenkläger in Gestalt der Mutter und des Bruders den quälenden Befragungen folgten. Als die Gutachterin in der Beurteilung eine Einschränkung der Handlungsfähigkeit durch Alkohol des einen, lediglich der Körperverletzung Angeklagten verneinte, wurde sie schon während der Abgabe des Gutachtens ziemlich rüde von einem der Verteidiger unterbrochen, ohne dass der vorsitzende Richter eingriff. Auch der Staatsanwalt verfolgte den Diskurs sichtlich unbeteiligt mit verschränkten Armen.

 Skurrile Begegnung am Rande: Ein älterer Herr kam nach der ersten Sitzungspause in den Zuhörerraum und erkundigte sich flüsternd nach dem Grund der Verhandlung. Nachdem ihm der dramatische Vorgang vom 17. September 2011 geschildert worden war, fragte er nach der Nationalität der Täter. Sichtlich enttäuscht nahm er zur Kenntnis, dass es sich bei den Tätern um  Türken handelte. „Und das Opfer?“ fragte er. „Ein Deutscher italienischer Abstammung.“ Entsetzen: „Keine Neo-Nazis? Da kann  ich ja wieder gehen!“ Und flugs war der kurzzeitige Interessent verschwunden.

Ich meine, eine bedenkliche und nicht ungefährliche Tendenz in der öffentlichen  Wahrnehmung. Opfer werden offenbar schon wieder sortiert. Sind diese Opfer rechtsradikaler oder neo-nazistischer Umtriebe, dann  sind das fürchterliche, schreckliche Opfer, die Täter aller Verurteilung wert. Sind diese „nur“ Opfer anderer Gewalttaten, worunter auch zu oft Opfer linker Gewalttaten eingeordnet werden, dann ist das allenfalls bedauerlich, aber nicht besonders interessant (erwähnenswert).

Opfer der zweiten Diktatur stoßen fast tagtäglich auf  diese Unterscheidung, wenn auch in  einer anderen Dimension: Opfer der ersten Diktatur sind hervorgehobene, wichtige Opfer einer entarteten NS-Politik. Opfer der zweiten Diktatur sind bedauerliche Randfiguren eines überwundenen und gescheiterten SED-Experimentes.

Fortsetzung: Donnerstag, 1. März 2012, 09:30 Uhr, Saal 500, Landgericht Turmstraße, Moabit.

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Berlin, Tel.: 030-30207785
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