Hinterwaldbrödel (Passau), Aschermittwoch 2012/jpg – Der Kandidat wurde überraschend für eine Rede zum diesjährigen Aschermittwoch vereinnahmt, die entstandenen Kosten üppiges Honorar plus Spesen) wurden durch außerordentliche Spenden (steuerbegünstigt) ausgeglichen. Wir geben den nicht autorisierten Text nachfolgend unwesentlich frisiert wieder:

„Sehr geehrte deutsche Närrinnen und deutsche Narren,

erlauben Sie mir diese etwas unkonventionelle Anrede, nachdem mir eine unanständige Nähe zu einem erfolgreichen und mutigen  Buchautor sarraziniert worden ist. Da ist es doch wichtig, sich unmissverständlich auszudrücken und schon in der Begrüßung die eigene Meinung deutlich zu karikieren.

Wissen Sie, ich bin ja nun etwas verwirrt. Vor zwei Tagen – oder waren es drei? – saß ich in  einem Taxi und durfte nur von einer Kandidatur träumen, als mich dieses schreckliche „Handy“ aus den Träumen riss mit diesem penetranten Klingelton … Als dann gewählter Kandidat werde ich mir gleich einen seriösen Ton zulegen lassen, was Jedermann ähh Jederfrau sicher verstehen wird… Also, ich werde aus meine Träumen gerissen und tatsächlich ist da ganz real die Bundeskanzlerin in der Leitung.

Jetzt wird sie mir sicher erklären, warum sich ihre Meinung von vor 16 Monaten – oder so ähnlich – nicht geändert haben könne. Schließlich sei sie unabhängige Bundeskanzlerin und nicht Mehrheits-abhängig, na ja, Sie wissen schon. So dachte ich. Falsch gedacht, lieber Kandidat, kam dann die demütige Einsicht. – Schließlich bin ich ja auch nicht Supermann oder sonst so ein  Held, das bitte ich mir abzunehmen. Auch ich mache Fehler, manchmal auch im  Denken… –

Jedenfalls – ach, ich kann das abkürzen, Sie kennen ja die Historie der Kür. Also ich habe dann  dem Taxifahrer bedeutet, sie fahren jetzt den künftigen Präsidenten und eh der sich erholen konnte, habe ich ihm dann gesagt, fahren sie zum  Kanzleramt. Vor dem Amt hat er sich dann das historisch bedeutsame erste Autogramm des Kandidaten geben lassen, BILD berichtete übrigens ausführlich, andere Medien natürlich auch, ich bin da keinesfalls einseitig aufgestellt. Das mit dem Taxi- ähh Autogramm habe ich gerne getan, wirklich. Weil diese Kritiker mir immer vorwerfen, ich würde für meine immerhin wertvollen Auftritte Geld, viel Geld verlangen. Wissen Sie, wenn man weiß, was einen als gewählter Kandidat so erwartet, da darf man dann auch mal etwas aus der eigenen Tasche geben, da bin ich großzügig, gewissermaßen als Vorgabe. Das rechnet sich ohnehin, auch ohne kleinkarierte Euro- ähh Erbsen-Zählerei…

Ja, also, als ich dann neben der Bundeskanzlerin sitzen durfte, und links und rechts die führenden Partei-Patriarchen der Republik – ich glaube, da wären Sie auch verwirrt gewesen. Eigentlich hätte ich mich vorher waschen  wollen, weil die Bundeskanzlerin ja nun  einen neuen Kandidaten neben sich sitzen  haben sollte, gewissermaßen rein gewaschen, aber das hat in der Eile nun nicht geklappt. Ich weiß ja auch noch nicht, ob im Gegensatz zu einem doch sehr einfachen  Taxi mein künftiger Dienstwagen eine Gelegenheit vorsieht, mich vor meinen künftigen  Auftritten reinzuwaschen. Das wird man sehen.

Die Bundeskanzlerin hat das aber dann doch beeindruckend umformuliert, ich meine ihre damalige Meinung und jetzt die von – ähh – heute – oder gestern? Egal. Jedenfalls hat mich das sehr überzeugt, wie sie die Kandidatur als die sehr gute und beste Lösung präsentiert hat.

Das war schon wichtig, denn  die anderen waren ja schon vor sechzehn Monaten davon überzeugt, die brauchten also nicht so schnell ihre Manuskripte umschreiben.

Alle Achtung, wie da der Stab im Kanzleramt schnell und richtig funktioniert. Da muss ich mir doch Gedanken machen, ob mir die Bundeskanzlerin nicht wenigstens leihweise ihr Personal für das Schloss zur Verfügung stellen kann. Denn die im Schloss haben da wohl mit ihren Formulierungskünsten etwas Schwierigkeiten, wenn  ich so die letzten Wochen verfolgt habe… Bitte haben Sie Verständnis dafür, wenn  ich meinen kurzzeitigen Vorgänger nicht, schon gar nicht hier, kritisieren will.

Der konnte ja letztlich nichts dafür, dass ihn die Bundeskanzlerin ausgewählt hat und dann auch noch die Medien das nicht akzeptieren wollten.

Bei mir ist das sicherlich anders, da bin ich als Kandidat im christlichen  Glauben fest von überzeugt. Sind wir doch mal ehrlich: Einen Kandidaten der Herzen schießt man nicht einfach mir nichts, dir nichts ab. An dieser Stelle will ich mich zwar nicht zu Wirtschaftsthemen äußern, das würde mir ja ohnehin ungebührlich um die Kandidaten-Ohren gehauen, aber ich darf doch in  aller Kandidaten-Deutlichkeit – dafür werde ich ja zu recht gelobt – anmerken, das die wirtschaftlichen Überlegungen – Auflagen, Akzeptanz usw. – ja schließlich in diesem unserem Deutschland auch eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Und ich bin meinem Kurzzeit-Vorgänger wirklich tief dankbar, dass es ihm gelungen  ist, die öffentliche Ab- und Aufarbeitung an diesem großen und ehrenvollen  Amt vorwegzunehmen.

Er hat sich damit mindestens um  seinen Nachfolger verdient gemacht, das steht für mich ohne Zweifel fest. Und da hat er allein schon deswegen sein  andauerndes Ruhegehalt verdient, meinen Sie nicht?

Erlauben Sie mir noch ein  Wort zu der gelegentlichen, eigentlich auch unwesentlichen Kritik an meiner Kandidatur – ich könnte auch sagen: stillosen Mäkelei, aber versage mir diese Form der Auseinandersetzung –   die ja über mich gekommen ist wie einst die Empfängnis über Maria. Und das sage ich so deutlich, weil ich mich auch als Kandidat der Katholiken in diesem Land verstehe.

Ja, ich bin verheiratet, und das ist auch gut so für einen so wichtigen Kandidaten. Ja, ich lebe seit der Wiedervereinigung unvereinigt, auch das ist gut so. Dieses Land braucht unkonventionelle Signale. Ich als Kandidat muss auch die mitnehmen, die sich nicht vereinigt fühlen. Wie ginge das besser, als durch das vorgelebte Beispiel? Das ist, zugegeben, nicht Katholizismus, aber ich stehe ja auch für die Protestanten  in diesem Land.

Außerdem lebe ich ja nicht unbeweibt, auch ein wichtiger Punkt. Wenn ich bemannt wäre, unabhängig von meiner auch von gelegentlichen Kritikern nicht bezweifelten Männlichkeit, dann  könnte ich als Kandidat gewisse Irritationen verstehen. Aber so? Wen geht es denn wirklich etwas an, ob meine nicht vereinigte Ehefrau oder die mit mir vereinigte Partnerin – übrigens eine hervorragende Journalistin und immerhin  aus dem konservativen Bayern, das muss man hier doch einmal anmerken dürfen – die First Lady abgeben – ähh ich meine – repräsentieren darf? Das entscheide letztlich immer noch ich als dann gewählter Kandidat.

Auch schon früher habe ich da keinen Zweifel an meinem Gestaltungswillen zugelassen, das wird sich nicht ändern. Ob ich mit der Stasi gekungelt habe und die Deppen gar nicht gemerkt haben, wie ich mit denen Schlitten gefahren bin, oder ob ich als erster Chef – sehen Sie, ich war immerhin schon einmal Erster, eine gute Voraussetzung – einer großen Aufarbeitungsbehörde aufmüpfige Pseudo-Wissenschaftlern die rote Karte gezeigt habe, weil die schlauer sein wollten, als ich: Immer habe ich deutlich gemacht, wo der Bartel den Most holt.

Das wird sich – mit Ihrer und der medialen Hilfe – absolut nicht ändern. Denn  wenigstens Sie haben Verständnis für einen Kandidaten, der nicht fehlerfrei ist und das im  Gegensatz zu seinem in diesem Punkt – Verzeihung – etwas holperig argumentierenden Vorgänger von vornherein freimütig einräumt. Vor Ihnen steht – nicht zum ersten Mal in dieser schwierigen Zeit – ein Mensch.

Das soll so bleiben, so wahr mir Gott helfe.“

© 2012: Der Kandidat, Berlin.