Berlin, 17.02.2012/cw – Jetzt scheint die Auseinandersetzung um das Amt des Bundespräsidenten auch die Opfer der zweiten Diktatur einzuholen. Grund: Die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) hatte heute nach dem Rücktritt von Christian Wulff über ihren Vorsitzenden eine Sympathie-Erklärung zugunsten  von Joachim Gauck verbreiten  lassen. In der Stellungnahme von Rainer Wagner heißt es: „Opfer der SED-Diktatur schlagen Joachim Gauck als Kandidaten … vor.“

Cover für Drogeriekette "dm": Harte Kohle oder Freundschaftsdienst?

An dieser Formulierung stoßen sich nun zahlreiche Opfer-Vertreter, wenn auch noch meist unter vorgehaltener Hand. Offen hingegen äußern ihre Empörung die Vereinigung 17. Juni 1953, der Förderverein Begegnungs- und Gedenkstätte Hoheneck, aber auch der ehemalige Workutianer und vormaliges Vorstandsmitglied der UOKG, Lothar Scholz, Berlin.

Umstritten: Wagner-Erklärung für Gauck

Tatjana Sterneberg, Vorsitzende des Fördervereins BuG Hoheneck sieht unter diesen Umständen den Aufnahmeantrag in den Verband gefährdet, über den die nächste UOKG-Mitgliederversammlung beraten soll: „Unter diesen Umständen sehen wir eine Mitarbeit äußerst kritisch. Es kann nicht sein, dass hier für die SED-Opfer Erklärungen abgegeben werden, die laut telefonischer Rücksprache mit Pfarrer Wagner von heute mit keinem der Mitgliedsverbände zuvor abgesprochen wurden. Wir können uns nicht vorstellen, dass sich der UOKG-Vorstand in der Position eines Politbüros sieht, dessen Entscheidungen allenfalls abzunicken sind.“

Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni hingegen sieht in der Unterstützung Joachim Gaucks nach dessen letzten „skandalösen Äußerungen“ einen Skandal der UOKG. Holzapfel: „Erst kürzlich erklärte Gauck unter den Pfiffen und Buhrufen von Opfern im Mielke-Haus in der Ruschestraße, er könne auf die Befindlichkeiten der Opfer keine Rücksichten nehmen und verteidigte damit die Einstellung ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in die damalige Gauck-Behörde, gegen die sein Nach-Nach-folger Roland Jahn jetzt erfolgreich vorgeangen ist. Ein solcher Mann sollte seinen  Ruhestand und seine Tantiemen genießen, aber nicht als Kandidat für dieses wichtige Amt benannt werden, schon gar nicht von einem Dachverband der Diktatur-Opfer.“  Wenn der UOKG-Vorsitzende in einer so wichtigen Frage „derart an den Opfern vorbei argumentiere, stelle sich ernsthaft die Frage nach Konsequenzen,“ betonte Holzapfel.

Lothar Scholz erinnert in diesem Zusammenhang neben seiner Empörung über die UOKG-Erklärung auch an die „weit überzogenen Honorarforderungen des Pfarrers im Ruhestand. Wer für einen Auftritt bis zu 10.000 Euro verlange, sollte Privatmann bleiben, aber nicht ein moralisch-ethisches Amt besetzen,“ erklärte Scholz heute in Berlin.

Vorstehende Erklärung wird vollinhaltlich von der Vereinigung der Opfer des Kommunismus – Deutschland e.V., (VOK, Sitz Wolfenbüttel, Niedersachsen) , Vorsitzender Jörg Moll, unterstützt. Die VOK ist Mitglied der UOKG.

Nachtrag 17.02.2012: Dem Protest gegen die UOKG-Erklärung schlossen sich zwztl. u.a. an: FORUM ZUR AUFKLAERUNG UND ERNEUERUNG e.V., Reinhard Dobrinski; FVZ e.V., Helmut Ebel (ehemals Vorstandsmitglied der UOKG), und Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie e.V., Dr. F.Weinberger (siehe auch „Kommentare“) sowie weitere Einzelpersonen aus dem Bereich der Diktatur-Verfolgten.

Nachtrag vom 18.02.2012: Pro Universitätskirche e. V. war am Votum für Gauck nicht beteiligt. Dr. Dietrich Koch (Forum „Flucht und Ausreise“ – http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2165073&r=threadview&t=3898311&pg=4

V.i.S.d.P.:  Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785