Berlin, 02.12.2011/cw – Er starb in den Abendstunden des 9. Dezember 1961 nach 19:00 Uhr an der Zonengrenze im Spandauer Ortsteil Staaken: Der 20jährige österreichische Staatsbürger und TU-Student Dieter Wohlfahrt. Die Vereinigung 17. Juni in Berlin erinnert am 9. Dezember 2011 um 15:00 Uhr mit einer Kranzniederlegung am Gedenkkreuz für den „auf Befehl der Stasi ermordeten Fluchthelfer“, wie es in einer heute verbreiteten Mitteilung des Vereins heißt.

Dieter Wohlfahrt *27.05.1941 - † 09.12.1961

Nach den Worten des Vereinsvorsitzenden war Wohlfahrt „der erste Peter Fechter nach dem Mauerbau vom 13. August 1961“. Sein Tod sei besonders tragisch, weil im  Gegensatz zu dem am 17. August 1962 nahe dem Checkpoint Charlie erschossenen Peter Fechter „keine Mauer stand sondern nur eine Nylonschnur zwischen  den möglichen Helfern und dem verblutenden Dieter Wohlfahrt gespannt war“. Die nach den Schüssen alarmierte britische MP habe keine Erste Hilfe geleistet und sich nur darauf kapriziert, den Sterbenden mit Scheinwerfern zu beleuchten, bis DDR-Grenzer den inzwischen offenbar Toten nach zwei Stunden durch den von Osten schließlich durchschnittenen Stacheldraht gen Osten gezogen hätten. Ausschließlich die Appelle des damals verantwortlichen österreichischen Diplomaten an die Medien, den „Vorfall mit Rücksicht auf die in Ost-Berlin lebende Mutter und seine Schwester nicht hochzuspielen“ hätten bis heute verhindert, „dass diesem beispiellosen und rüden Mord an einem ausschließlich humanistisch denkenden jungen  Menschen die Aufmerksamkeit gewidmet wurde, die später bis heute Peter Fechter mit Recht gewidmet wurde“, so der Verein.

Wohlfahrt war mit seinem Freund Karl Heinz Albert offenbar durch eine Stasi-Intrige in einen vorbereiteten Hinterhalt gelockt worden. So geht es jedenfalls aus aufgefundenen und dato geheim gehaltenen Stasi-Unterlagen hervor. Während sich Albert nach dem Beschuss unverletzt in den Westen zurückziehen konnte, wurde sein Freund tödlich getroffen. Studentenvertreter der TU drückten ihre Fassungslosigkeit in wütenden Briefen an die westlichen Stadtkommandanten, den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt und seinen Innensenator aus: „Angesichts der Unmenschlichkeit, den Angeschossenen zwei Stunden ohne jede Hilfe liegenzulassen, ist es uns unverständlich, daß weder unsere Polizei noch die britische Schutzmacht einen Weg fand, dem Verletzten zu helfen.“ Und: „ Durch die Zurückhaltung auf unserer Seite werden die östlichen Machthaber weiter ermuntert, keine Rücksicht auf Menschenleben zu nehmen“ (siehe dazu DER TAGESSPIEGEL und DIE WELT vom  12.12.1961).

Ein Kreuz erinnert an den einstigen TU-Studenten und selbstlosen Fluchthelfer

Dieter Wohlfahrt hatte im  Spanien-Urlaub vom Bau der Mauer erfahren. Er brach ohne Zögern seinen  Urlaub ab und kehrte nach Berlin zurück. Dort schloss er sich einer studentischen Fluchthilfegruppe an (Girrmann, Thieme, Köhler u.a.). Obwohl 1941 in Berlin geboren, verdankte er seinem 1955 verstorbenen Vater die österreichische Staatsbürgerschaft. So konnte er als Osterreicher die Grenze auch nach dem 13. August 1961 ohne Hindernisse passieren, ein für die Vorbereitung von zahlreichen Fluchten unverzichtbarer Vorteil.

Dieter Wohlfahrt wohnte wegen seines Studiums in West-Berlin bei der Schwester seiner Mutter, der Studienrätin Annemarie Klein. Seiner Tante waren die gefährlichen Aktivitäten  ihres Neffen nicht verborgen geblieben. So ahnte sie am Abend des 9. Dezember die Gefahr, als sie Dieter inständig bat, zuhause zu bleiben. Wohlfahrt versprach ihr, nur noch „dieses eine Mal“ zu helfen. Es sei alles erkundet und völlig ungefährlich. Als die Polizei gegen Mitternacht bei Annemarie Klein vor der Wohnungstür stand, erfuhr die geschockte Frau vom letzten humanitären Einsatz des Neffen, den die kinderlose Frau wie einen eigenen Sohn geliebt und betreut hatte.

Auch der damals 17jährige Carl-Wolfgang Holzapfel war von diesem „brutalen Ereignis“ geschockt. Von 1962 bis zu seiner Verhaftung durch DDR-Grenzposten 1965 organisierte der heutige Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni am errichteten Holzkreuz zum Todestag „mit wenigen Freunden“ ein Gedenken an den brutalen „durch nichts entschuldbaren Mord“, wie es Sebastian Haffner in seinem anklagenden Artikel in der Zeitschrift CHRIST und WELT am 15.12.1961 treffend formulierte. In Erinnerung an dieses ihn tief berührende Geschehen vor fünfzig Jahren hat Holzapfel namens seines Vereins Freunde und namhafte Politiker eingeladen, dieses „damals jungen Studenten, der heute ohne diesen Mord 70 Jahre alt wäre“ zu gedenken. „Angesichts der in diesen Tagen bekannt gewordenen brutalen Terror-Morde durch Rechtsextremisten brauchen wir mehr denn je wieder Vorbilder wie Dieter Wohlfahrt, die jungen  Menschen den unbedingten Einsatz für humanitär begründete Anliegen nahe bringen und Werte vermitteln, die keiner extremistischen  Varianten bedürfen.“

Dramatische Stunden - auf einer Stele dokumentiert

Gedenkstunde mit Kranzniederlegung:

9. Dezember 2011, 15:00 Uhr. Ort: Holzkreuz Bergstraße / Ecke Hauptstraße in Staaken. Verkehrsverbindung: S-Bahn S 5 oder S 75 oder U 7 bis Rathaus Spandau, Bus 132 oder 331 bis Haltestelle Brunsbütteler Damm / Nennhauser Damm.

Die Veranstaltung ist unter @02.12.2011-10263479 bei der Polizei angemeldet.

Veranstalter und V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785 oder 0176-48061953

Advertisements