Berlin, 04.10.2011/cw – Die Pressestelle des Kreises Soest veröffentlichte heute einen Bericht über die bemerkenswerte Aktivität von Schülerinnen und Schülern zum Tag der Deutschen  Einheit (LINK am Ende):

Kreis Soest. Sagen der Mauerbau 1961, seine Vorgeschichte und seine Kon- sequenzen der heutigen Generation noch etwas? Antworten auf diese Frage boten während der Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit am Montag [3. Oktober 2011] im Kreishaus, die gemeinsam vom Kreis Soest und vom Internationalen Garnisons-Club Soest (IGCS) veranstaltet wurde, Schülerinnen und Schüler der Stufe 13 des Wirtschaftsgymnasiums des Hubertus-Schwartz-Berufskollegs Soest.

Sie hatten das Thema zusammen mit ihrem Lehrer Ulrich Nettelhoff im Geschichtsunterricht aufgearbeitet. Den 150 Gästen führten sie die historischen Ereignisse vor runden 50 Jahren im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen. Das Ulbricht-Zitat „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ prangte ebenso auf einem Umzugskarton wie das mittlerweile geflügelte Wort „Wir sind ein Volk“, das für die friedliche Revolution und den Fall der Mauer steht. Aus insgesamt acht solcher „Mauersteine“ mit historischen Schlaglichtern bzw. Überschriften bildeten die Schülerinnen und Schüler den Grenzwall symbolisch nach, bevor sie ihn wieder zum Einsturz brachten. Dann wurde ein neuer Stein mit der Überschrift „Blickwinkel heute“ gesetzt.

Die Schülerinnen und Schüler stellten Ergebnisse einer spontanen, nicht repräsentativen Umfrage unter Gleichaltrigen vor. Inhalt waren Faktenwissen zum Mauerbau, persönliche Berührungspunkte mit Ostdeutschland und geschichtliche Bewertung bzw. Betroffenheit. Ihr Fazit: Bei den im vereinten Deutschland geborenen Jugendlichen gibt es zwar teilweise Wissenslücken über die Teilungsgeschichte und die persönliche Betroffenheit ist weniger greifbar als bei den älteren Generationen. Doch ist dies auch Ausdruck einer neuen Normalität, die nach mehr als 20 Jahren Beleg für ein gelungenes Zusammenwachsen ist.

Ein Zwangsregime hat keine dauerhafte Zukunft, diese Hoffnung lehrt die Geschichte der Mauer“, betonte Landrätin Eva Irrgang in ihrer Begrüßung. Insofern sei der Tag der deutschen Einheit ein Feiertag der Demokratie. „Wir alle haben den Auftrag, die Erinnerung wach zu halten, denn der Schrecken, der von der Mauer ausging, ist für viele heute nicht mehr vorstellbar. Das Bewusstsein für die Revolution, für den Um- bruch, den eine ganze Nation, ja, die ganze Welt in seinen Grundfesten verändert hat, darf nicht verloren gehen“, forderte Frau Irrgang. „Ich bin froh, dass wir eine neue Form der Veranstaltung gefunden haben, und junge Menschen, die im Geschichtsunterricht dieses Thema durchgenommen haben, einen Programmpunkt gestalten.“ Der IGCS- Vorsitzende, Oberstleutnant d. R. Dirk Pälmer, erinnerte an die 136 Mauertoten: „Ein Name steht für sie alle, Peter Fechter, erschossen im August 1962 bei Versuch die Mauer zu überwinden.

Mit der Feierstunde wurde auch die Plakatausstellung „Die Mauer. Eine Grenze durch Deutschland“ eröffnet, die bis zum 30. Oktober 2011 im Kreishaus zu sehen ist. Es handelt sich um eine Ausstellung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Zeitungen „Bild“ und „Die Welt“. 20 großformatige Plakate erzählen die Geschichte sowohl der innerdeutschen Grenze als auch der Berliner Mauer. Die Aus- stellung zeigt eindrückliche Fotos und Dokumente aus den Archiven der beiden Zeit- ungen, die teilweise erstmals nach Jahrzehnten wieder gezeigt werden. Die Autoren beschreiben das SED-Grenzregime und seine Opfer, die Haltung der Westmächte zum Mauerbau, Fluchten und Fluchthilfe, den Alltag entlang der innerdeutschen Grenze und in der geteilten Stadt wie auch die glückliche Überwindung der Teilung mit der Fried-lichen Revolution des Jahres 1989. Den Abschluss bildet die juristische Aufarbeitung der Grenze durch Deutschland mit den Mauerschützenprozessen.

Die musikalische Umrahmung der Feierstunde übernahmen der Soester Männerchor Concordia 1879 und der Kverneland Accord Chor unter der Leitung von Stefan Madrzak.

Quelle: Pressestelle Kreis Soest

http://www.hsk-aktuell.de/kreis-soest-feiertag-der-demokratie-20111003.html

Carl-Wolfgang Holzapfel sagt:

4. Oktober 2011 um 10:22

“Feiertag der Demokratie”

Zunächst aus unserer Sicht einen herzlichen Dank an die engagierten Schüler und Schülerinnen mit ihrem Lehrer für die fundierte Aufbereitung eines wichtigen Teils der jüngsten deutschen Geschichte. Das ist leider immer noch nicht selbstverständlich.
Einen kleinen, wenn auch wichtigen Hinweis erlauben wir uns dennoch: Peter Fechter steht zwar als Synonym für die Mauer-Toten, er war aber – was leider vergessen wird – nicht der “erste Peter Fechter”, also ein Opfer, dass unter dem Blickwinkel der Öffentlichkeit verblutete. Vor fast fünfzig Jahren, am 9. Dezember 1961, wurde der zwanzigjährige TU-Student und Fluchthelfer Dieter Wohlfahrt in eine vorbereitete Falle der Stasi gelockt. Als er an der Zonengrenze in Staaken den Stacheldrahtzaun durchtrennte, eröffneten DDR-Grenzer das Feuer. Wohlfahrt verblutete tragische 50 Minuten lang am Stacheldraht, bevor er dann nach Osten gezogen wurde.
Die Dramatik: Im Gegensatz zu dem ein gutes halbes Jahr später ermordeten Peter Fechter befand sich zwischen Wohlfahrt und den das Sterben beobachtenden britischen Militärpolizisten keine Mauer, sondern nur eine gezogene Nylonschnur, die den tatsächlichen Grenzverlauf markierte. Wohlfahrt hätte ohne Weiteres geborgen werden können, stattdessen beleuchteten die Briten seinen qualvollen Tod mit herbeigeschafften Scheinwerfern.

Dass der Tod von Dieter Wohlfahrt seinerzeit nicht die Aufmerksamkeit wie das Sterben von Peter Fechter erlangte, war dem Umstand zu verdanken, das seine Mutter und die Schwester noch im Osten der Stadt wohnten. Der damalige österreichische Konsul bat – leider erfolgreich – die Presse um äußerste Zurückhaltung in der Berichterstattung.
Wir werden am 9. Dezember 2011 zum 50. Todestag dieses Toten besonders gedenken.

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