Berlin, 3.10.2011/cw – Nachstehenden Artikel haben wir der Seite „hr-online“ des Hessischen Rundfunks entnommen (LINK am Ende):

Vor einem Jahr wurde der „Weg der Hoffnung“ auf dem ehemaligen Todesstreifen bei Rasdorf vollendet. Monumentale Skulpturen erinnern an Gewalt und Willkür – ein mehrteiliges Mahnmal für den Frieden.

Ein Kreuzweg: Monumentale Metallskulpturen von Ulrich Barnickel zeichnen an 14 Stationen die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz und der Grablegung nach. An der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Rasdorf in Hessen und Geisa in Thüringen, soll damit an die Opfer von Willkür und Unterdrückung erinnert werden.

Der Kreuzweg gehört zur Gedenkstätte Point Alpha in der Rhön. Einst verlief hier die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit, Demokratie und Diktatur. Point Alpha war bis 1989 Beobachtungsstützpunkt der US-Streitkräfte in Europa. DDR-Grenzer und US-Soldaten standen sich direkt gegenüber.

Schnurgerade verläuft der Weg eineinhalb Kilometer Richtung Westen. Am Anfang steht der Gerichtsplatz: Pontius Pilatus bricht den Stab über Jesus, das Volk fordert dessen Tod am Kreuz. Doch Jesus steht aufrecht. Unter der Wucht des Urteils bricht er nicht zusammen. Er nimmt das Kreuz auf und macht sich auf den Weg.

Lohnender Einsatz für die Freiheit

Ein „Weg der Hoffnung“ auf dem einstigen Todesstreifen? Die ehemalige Grenze sei Beleg dafür, dass sich der Einsatz für die Freiheit lohne, sagt Uta Thofern, Direktorin der Point-Alpha-Stiftung. Und darum sei der Ort auch ein Symbol der Hoffnung.

Sie sieht eine Analogie zwischen christlichem Kreuzweg und Widerstand gegen Unterdrückung: Es gehe um Menschen, die für ihren Glauben oder ihre Überzeugung einstünden, auch wenn dadurch ihr Leben bedroht sei. Das sei eine Frage von „Leid und Verfolgung, aber auch von Haltung und Mut“.

An Station zehn etwa wird Jesus seiner Kleider beraubt. Ein Soldat, gesichtslos mit einem Helm auf dem Kopf, zerrt an seinem Bein. Der Soldat steht in seinem entwürdigenden Tun in den Knien gebeugt. In dieser Haltung reicht er Jesus bis zum Bauch. Der hält sich aufrecht, die Schultern mit den kurzen Armen nach hinten gezogen: „Nimm, was du brauchst, ich wehre mich nicht“, scheint er zu sagen.

„Christus hat seine Würde behalten“, beschreibt Künstler Ulrich Barnickel. „Jesus wurde seiner Kleider beraubt, DDR-Bürger nach einem Fluchtversuch ihrer Freiheit, ihres Eigentums, sogar ihrer Kinder.“ Der Soldat in Jerusalem sei ebenso Befehlsempfänger gewesen wie die DDR-Soldaten an der Grenze.

Künstler Barnickel „über Nacht“ ausgewiesen

Barnickel, 1955 in Weimar geboren, hat die Unterdrückung durch das SED-Regime in der eigenen Familie erfahren. Nachdem sich sein Bruder „früh in den Westen abgesetzt“ hatte, wie er sagt, galt die Familie als politisch nicht zuverlässig. Das Medizinstudium wurde dem späteren Künstler verboten, 1985 wurde er „quasi über Nacht“ in die Bundesrepublik ausgewiesen.

Durch die Arbeit an den 20 Figuren, die bis zu vier Meter hoch sind, hat sich der 56-Jährige auch mit der eigenen Geschichte beschäftigt. „Ich habe nicht vergessen wie es war, mit dem christlichen Glauben in der DDR aufzuwachsen“, sagt Barnickel. Nachdem die Mauer gefallen war, habe er zunächst zurück in den Osten gewollt, um „denen gründlich die Meinung zu sagen“. Schließlich aber hat er sich darauf besonnen, mit den Mitteln der Kunst „zu mahnen, zu erinnern und zum Denken anzuregen“.

Mahnen mit der Kunst

Behilflich war Barnickel die Sprache des Materials. Die Figuren des Kreuzwegs sind rostig, das Metall ist verbogen, verbeult, zum Teil gerissen. Eine Symbolik, die auf Leid und Kummer, auf Gewalt und Widerstand schließen lässt.

Die 14 Stationen des Kreuzwegs stehen für sich. Es gibt keine Informationstafeln, weder zu seiner christlichen, noch zu seiner symbolischen Bedeutung als Erinnerung an den Widerstand gegen die sozialistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa.

„Wir wollten nicht an einzelne Stationen schreiben ‚Zum Gedenken an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953‘ oder ‚Zum Gedenken an den Prager Frühling 1968′“, sagt Direktorin Thofern.

Das Kunstwerk lasse bewusst Raum. Als Ergänzung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschehnisse an der Grenze solle es Emotionen wecken, sagt Thofern. Damit wird ein anderer Zugang zur Vergangenheit möglich, ist sie überzeugt. Jeder könne seine eigenen Erfahrungen reflektieren und überlegen, wo er Gewalt und Willkür erfahren habe: „So vollendet sich das Werk immer erst mit dem Blick und den Gedanken des Betrachters.“

Redaktion: cawo

http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=5986&key=standard_document_42753124

 

 

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