Berlin/Leipzig, 19.07.2011/cw – Wir geben nachstehend außerhalb unserer redaktionellen Verantwortung für den Inhalt einen offenen Brief eines Leipziger Bürgers an den Bundestagspräsidenten zur Kenntnis und stellen den bemerkenswerten Inhalt zur Diskussion (Zwischenüberschriften durch Vereinigung 17. Juni eingefügt):

Leipzig, den 17. Juli 2011

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Prof. Lammert,

die Nachricht über die bevorstehende Rede von Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag offenbarte einige eigenartige Erwartungen von Abgeordneten. Doch man kann auch die Gegenfrage stellen: Was wird von Abgeordneten erwartet? Wissen und Bildung und die Aufarbeitung deutscher Diktaturen als Voraussetzung für eine stabile und gedeihliche freiheitlich-demokratische Entwicklung sind mehr denn je gefordert.

Eigentlich gibt es für den Besuch eines deutschen Papstes im Zeichen der Ökumene keinen geschichtsträchtigeren Ort in Deutschland als Leipzig, wo Johann Tetzel, der die Baufinanzierung des Petersdoms sicherte, an der Paulinerkirche begraben lag und wo Martin Luther 26 Jahre später an gleicher Stelle die Kirche als erste deutsche Universitätskirche weihte.

Vor 50 Jahren sollte diese Geschichte ausgerottet werden

Doch vor nicht einmal 50 Jahren sollte diese Geschichte ausgerottet werden. Die Vorwärtsstrategie der SED und ihrer Vasallen bereitete den weltweiten Sieg des Sozialismus-Kommunismus auch in Westeuropa vor. Die mangelhafte Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland, sowohl in der damaligen Bundesrepublik als auch in der DDR, förderte dies.

Die Jugend begehrte dagegen auf und glaubte im Kampf gegen den Vietnamkrieg in beiden Teilen Deutschlands kurzzeitig, Alternativen mit der chinesischen Kulturrevolution und den offerierten Angeboten zur „sozialistischen Menschengemeinschaft“ zu finden. In Osteuropa wurde dieses Aufbegehren mit Gewalt niedergedrückt.

Die sozialistische Vorwärtsstrategie war mit der Vernichtung bürgerlicher Werte eng verbunden. Die Sprengung der intakten 700 Jahre alten Leipziger Paulinerkirche im Jahre 1968 ist nur ein Teil des größten unaufgeklärten Kulturverbrechens in Europa nach dem II. Weltkrieg. Viele historische Gebäude fielen den bolschewistischen Maximen der SED zum Opfer. Deren geheime Raubzüge erstreckten sich von Bibliotheken bis zum Inventar öffentlicher Einrichtungen. Selbst vor Friedhöfen machte man nicht halt. Nach Aussagen des Denkmalpflegers Dr. Hans Nadler waren in der Paulinerkirche 800 Persönlichkeiten begraben. Alle Gräber wurden geschändet und beraubt. Gleiches erfolgte auf dem Gelände der Leipziger Matthäikirche, das sich das Ministerium für Staatssicherheit der DDR mit seinem zweitgrößten Zentralneubau einverleibte.

Von all dem erfuhr die Studentin Angela Kasner, die heutige Bundeskanzlerin, nichts, als sie 1973 in Leipzig ihr Studium begann. Und dies ist weitestgehend bis heute so für junge Leute, die nach Leipzig kommen.

Wissen und Bildung werden verdrängt an dem Ort, wo Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy ihre eigenen Werke erstmals aufführten und über Jahrhunderte von den ersten Mönchen des Paulinerklosters bis zu Martin Niemöller und Pater Gordian mit ihren Worten wirkten. Und diese Verdrängung zieht sich eben bis in den Deutschen Bundestag des Jahres 2011.

Dr. Gregor Gysi meint, daß „die Sprengung der Universitätskirche scharf kritisiert werden muss“. Aufarbeitung hat er nie geleistet, obwohl er ein persönliches Interesse daran haben sollte, da sein Vater Dr. Klaus Gysi als damaliger Kulturminister der DDR und späterer Staatssekretär für Kirchenfragen Protestschreiben auf den Tisch bekam. Und nicht nur für jene, die an den Sozialismus glauben, werden die Fragen immer deutlicher: Wer hat denn von den Raubzügen profitiert? Wer waren die Hehler? Wo sind Schmuck und Kulturgüter geblieben? Warum hat sich ausgerechnet von der Nachwende-„Theologenschwemme“ niemand um Aufklärung bemüht?? Warum hat der 1. Untersuchungsausschuß des Bundestages nach Artikel 44 des Grundgesetzes Verbrechen nicht weiter verfolgt?

Deckelung von Straftaten hat Vorrang

Die Deckelung von Straftaten hat Vorrang vor Aufklärung und der Aufarbeitung deutscher Geschichte! Die negativen Folgen gehen über rein materielle Schäden für den Bürger und Steuerzahler hinaus. Das Beispiel des verhinderten Wiederaufbaus der Leipziger Paulinerkirche zeigt dies eindrucksvoll. Prof. Günter Blobel und 26 Nobelpreisträgerkollegen sowie viele andere Persönlichkeiten setzten sich für einen spendenmittelfinanzierten Wiederaufbau ein. Regionalpolitiker und Universitätsleitung blockierten dieses Ziel in Erwartung staatlicher Fördergelder. Das für alle Welt sichtbare Resultat ist eine „Betonkiste“ (Begriff des Architekten, der sich auf die Pyramiden und die Schlösser von Loire beruft bei seiner selbstgenannten Gebäudehalbwertszeit von 50 Jahren), für die der Steuerzahler nun zusätzliche Unsummen berappen soll – Johann Tetzel und so viele würden sich dort im Grabe herumdrehen, wenn sie die „Genossen“ nicht andernorts anonym verscharrt hätten…

Fehlendes und unterdrücktes Wissen

Fehlendes und unterdrücktes Wissen erzeugt neben diesen materiellen Schäden auch geistigen Mangel, sei es in Form von Ignoranz oder Intoleranz. Forderungen an die Papstrede im Bundestag lassen oftmals Rückschlüsse auf die geistige Verfassung der Autoren zu.

In den zurückliegenden Jahren habe ich für Sie, Frau Dr. Angela Merkel und Herrn Dr. Thomas de Maizière ausführlichst und augenscheinlich anhand von bislang unterdrückten Beispielen dokumentiert, über welche national und weltweit verpflichtenden kulturellen Reichtümer Leipzig verfügte und verfügt, nicht nach dem Motto „Wissen ist Macht“, sondern als Hinweis, damit sie als politisch Verantwortliche in komplizierten Situationen dieses Wissen anwenden könnten.

Wie sich gezeigt hat, fehlt im Bundestag nach wie vor Geschichtswissen, das über 40 Jahre ausgeklammert wurde. Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche stellt ein überragendes Zeichen gegen Kriegswahn dar und vermag, geschichtliche Kontinuität wieder herzustellen.

Ein entsprechendes Monument gegen ideologischen Wahn fehlt. Im Verständnis geschichtlicher Quellen und deren geistiger Wurzeln könnte man der Geschichte näher kommen und damit identifikationsstiftend Perspektiven ermöglichen.

Ich bitte sie, halten sie weiteren Schaden von der Bundesrepublik Deutschland fern. Leisten sie ihren Anteil aus Anlaß und in Vorbereitung des Papstbesuches, bestehende Wissensdefizite zu Kirchen und bürgerlicher Kultur abzubauen, indem bisher unterdrückte Geschichte beider deutschen Diktaturen öffentlich aufgearbeitet wird. Durch solide Sachkenntnis im Dienste der Allgemeinheit kann und muß Unverständnis, ideologischer Haß und weitere Geschichtsfälschung und deren Folgen der Boden entzogen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Wieland Zumpe, Leipzig

http://www.paulinerkirche.org/archiv/diktatur/index.html