Botschafterin für Demokratie und Toleranz 2011: Waltraud Thiele

Berlin, 23.05.2011/cw – Wie schwer Anspruch und Wirklichkeit umzusetzen sind, zeigte sich anschaulich auf einer Veranstaltung in der Berliner Kongresshalle, heute: Haus der Kulturen der Welt. Noch während Yared Dibaba vom NDR die alles in allem gelungene Veranstaltung aus Anlass des Verfassungstages und der Verleihung des Preises „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ in lockerer und ansprechender Moderation einleitete, sprangen einige Jugendliche von ihren Sitzen auf und skandierten ihre Parolen gegen Rechts.

Wie reagieren in einer Veranstaltung, die die Toleranz zum Hauptthema machte? Yared Dibaba und die zahlreichen  Gäste im fast voll besetzten Auditorium hörten einige Zeit geduldig zu, um dann aber doch um Einhalt zu bitten. Das störte die Toleranz-Provokateure aber keineswegs. Sie unterbrachen nicht einmal ihren Vortrag, um die Argumente des Moderators aufzunehmen, sondern sprachen  einfach weiter. Zeitweilig war es schwer, zwei Vorträgen  gleichzeitig zuzuhören. Schließlich kam die Toleranz an ihre Grenzen und Dibaba forderte, begleitet vom Beifall des Publikums, zunehmend energischer die „demokratischen“ Störer auf, doch bitte ihren Vortrag zugunsten des Programms einzustellen. So war denn diese mutwillige Einspielung der Provokation der im Saal vorhandenen Toleranzbereitschaft letztlich ein gelungener Auftakt zum fröhlichen  und munteren Spektakel, das der Preisverleihung an interessante Persönlichkeiten vorausging: Wie weit geht die Toleranz mit der Toleranz? Wo hat diese Toleranz ihre Grenzen? Eine sicherlich unfreiwillige, weil nicht geplante Lehrstunde.

Es fiel auf, dass in den Ansprachen und den Moderationen auschließlich vom Kampf gegen Rechts, gegen die rechte Gewalt die Rede war. Wäre nicht eine der fünf Preisträger aus dem Schicksals-Szenario der DDR-Verfolgten  gekommen, hätte man das Leben in Deutschland als eine einzige Auseinandersetzung mit Neo-Nazis und der dadurch ausgelösten Bedrohung aller Werte wahrgenommen. Kein Wort über die Verbandsstrukturen einstiger DDR- und Stasi-Größen, die über als gemeinnützig anerkannte Vereine ihren Unrat über die glorreiche zweite Diktatur verbreiten dürfen. Noch letzte Woche priesen einstige NVA-Generale die Rettung des Friedens durch den Bau des „Antifaschistischen Schutzwalles“ vom 13. August 1961. Selbstverständlich fiel auch kein kritisches Wort über die proklamierte „Suche nach den Wegen zum Kommunismus“ durch die Vorsitzende der SED-Nachfolge-Partei. Die nachmittagliche Meldung eines Anschlages von „Links-Autonomen“ auf einen  wichtigen Kabelstrang des S-Bahn- und Fernreiseverkehrs passte denn auch in dieses beklemmende Szenario der einseitigen Definition von Toleranz und der einhergehenden Beschwörung des Kampfes gegen Rechts.

Innen-Staatssekretär Wolfgang Bergner übergab den Preis der sichtlich bewegten Botschafterin

Waltraud Thiele, Botschafterin für Demokratie und Toleranz, war es denn auch zu verdanken, dass die ansonsten gute und ohne Zweifel notwendige Veranstaltung „gegen Extremismus und  Gewalt“ nicht vollends in den linken Kanal abstürzte.  Die eindringliche Kurzbeschreibung der Gewalttätigkeit und Verbrechensbereitschaft der DDR-Diktatur an dem in der politischen Haft ihrer Mutter zur Welt gekommenen Kind, an deren Folgen die Mutter im  Alter von nur 50 Jahren starb und unter deren Folgen Waltraud Thiele noch heute leidet, bewirkte eine fast atemlose Stille. Erst als die Toleranz-Botschafterin über ihre Arbeit mit ebenfalls von der Diktatur Betroffenen berichtete, die ihr viel Einfühlsamkeit und Verständnis abverlangten, ihr aber auch ermöglichten, eigenes Leid hintenanzustellen, löste sich die Spannung in teils frenetischen, befreienden Beifall. Viel Beifall wurde natürlich auch den anderen Preisträgern, Birgit und Horst Lohmeyer (für ihren einsamen Kampf in einem NPD-Hort),  Kazim Erdogan (für seine phantastischen und beispielgebenden Integrations-Initiativen in Berlin), der Gruppe um die StreetUniverCity (für die Umwandlung der Straße in Bildungsstätten in Berlin) und Pfarrer Franz Meurer (für seine Mobilisierung der Gruppen „von Unten“  in Köln).

Anschließend wurde mit Freunden gefeiert (von links): J. Jeksch, S. Krumbiegel (Prinzen), W. Thiele, T.Sterneberg, C.W.Holzapfel, D.Schuhmann

Die Preisverleihung an die Bezirksvorsitzende Halle der Vereinigung der Opfer des Stalinismus(VOS) aber verhinderte ein mögliches Bild von falsch verstandener, weil sonst recht einseitig präsentierter Toleranz. Und vielleicht gibt die Preisverleihung an die ehemalige Insassin des berüchtigten DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck ja auch den Anstoß, anlässlich einer solchen Preisverleihung nicht nur über die Grenzen der Toleranz nach Rechts, sondern über grundsätzliche Inhalte des Toleranz-Begriffes zu diskutieren.

Aktueller Hinweis:

Linke Straftaten steigen rapide 

(TAGESSPIEGEL  vom 25.05.2011)

Die Zahl der linken Straftaten geht steil nach oben. Nach Informationen des Tagesspiegels haben Autonome und andere Linke in den ersten drei Monaten des Jahres bundesweit mindestens 1.626 Delikte verübt. Das sind 567 mehr als im ersten Quartal 2010. Die Summe dürfte aufgrund von Nachmeldungen der Polizei noch wachsen. Die in der Bilanz enthaltenen Gewalttaten stiegen um 130 auf 305. Nahezu verdoppelt hat sich die Zahl der verletzten Opfer linker Gewalt (181 nach 97).

http://www.tagesspiegel.de/politik/linke-straftaten-steigen-rapide/4214750.html

© 2011 Vi.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Tel.: 030-302077


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