Berlin, 9.März 2011/cw – Wer Zweifel hatte, ob Religion und Politik eine Symbiose eingehen kann, wurde heute fast überzeugt: In einem bewegenden Gottesdienst in der vollbesetzten Französischen Friedrichstadtkirche nahm heute Berlin Abschied von dem einstigen Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe. Alt-Bundespräsident von Weizsäcker, SPD-Urgestein Egon Bahr, Ex-Regierender Eberhard Diepgen, Parlamentspräsident Momper, Thilo Sarrazin, viele andere Weggefährten und Freunde und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit führten die illustre Trauergemeinde an, die der Familie Trost auf dem letzten schweren Weg geben wollte. Die Verbände der DDR-SED-Verfolgten waren vertreten durch die Vereinigung 17. Juni und ein  Mitglied des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen.

Einige hundert Trauergäste nahmen am Mittwoch Abschied vom einstigen Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe

Für viele  überraschend die ausgeprägte christliche Gestaltung des Abschieds von einem Sozialdemokraten, von dessen tiefer Religiosität zu Zeiten seiner politischen Tätigkeit nur wenige wussten. Der Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Johann Sebastian Bach leitete die Feier ein, „O Welt, ich muss dich lassen“ sang die Gemeinde in Andacht an den Verstorbenen. Bewegend die Lesung aus dem 1. Korinther 13: Das Hohe Lied der Liebe, über das dann auch der Landesbischof Dr. Markus Dröge seine Predigt hielt.

Versunken in der wunderschönen Musik (hier besonders zu nennen die Arien: „Sei stille dem Herrn“ aus dem Oratorium, „Elias“, op.70 und „Mondnacht“ aus dem Liederkreis op.39 nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, bewegend gesungen von Ulrich Schütte, Bariton) fragte sich manch ein Trauergast, warum die Politik so tiefgehende Bekenntnisse nicht des Öfteren in dem ansonsten recht rauen Alltag nutzt oder zumindest durch den Umgang mit dem jeweiligen Gegner in Erinnerung bringt? Muss immer erst ein Mensch, ein Politiker von dieser Welt gehen, um sich in einer Stunde der Trauer an die ewigen Werte zu erinnern?

Dietrich Stobbe, kein Leuchtturm in der politischen Brandung wie Willy Brandt, aber ein bodenständiger, zuverlässiger, in seinen Überzeugungen ruhender Fels in der schäumenden und oft giftigen  Gischt politischer Ränkespiele, ist nicht mehr. Schade, dass man beizeiten nicht mehr von diesem eindrucksvollen Menschen wusste. Er wird nicht nur der Politik fehlen.

V.i.S.d.P.: Carl-Wolfgang Holzapfel, Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Siehe auch: http://mauerdemonstrant.wordpress.com/2011/02/19/dietrich-stobbe-ein-gentleman-hat-die-berliner-buhne-verlassen/

 

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