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Kommunismus-Opfer empört über Gedenkstätten-Dogmatismus

Plakat der UOKG: "SIE IST morSCH + MUSS HIER RAUS!"

Potsdam, 5.02.2011/cw – Rund 25 Personen waren dem Aufruf des Gedenkstättenvereins und der  Zeitzeugen-Initiative gefolgt, vor dem ehem. KGB-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße gegen die Gedenkstätten-Politik der Leiterin Dr. Ines Reich mit einer Mahnwache zu protestieren.

Grund der berechtigten Empörung: Die Gedenk- und Begegnungsstätte hatte unlängst angekündigt, das Haus ab September für mindestens sechs Monate schließen zu wollen, um eine (immerhin seit 2009 geplante) Ausstellung zu installieren. Die Eröffnung der Ausstellung sei für Mai 2012 geplant.

Verein und Zeitzeugen bringen diese Pläne buchstäblich „auf die Palme“, so Initiativen-Sprecher Dirk Jungnickel. Und Vereins-Vorsitzender Buchner kritisiert die „mangelnde Einbeziehung des Vereins in die Planungen“ und den „eklatanten  Widerspruch zu bisherigen Ankündigungen  und Zusagen“.

Empört: Regisseur und zweiter Sprecher der Zeitzeugen-Initiative Dirk Jungnickel

In der Tat hatte die Leitung der Gedenkstätte bereits im Juli 2009, so ein Bericht u.a. in den Potsdamer Nachrichten, den Aufbau einer Ausstellung angekündigt. Die seinerzeitige Ministerin in Brandenburg, Prof. Johanna Wanka (CDU), hatte das Projekt „Leistikowstraße“ maßgeblich gefördert und war eigens aus Hannover, wo sie seit 2010 dem Niedersächsischen  Kabinett angehört, angereist, um den Protest durch ihre wenn auch terminlich bedingte kurze Anwesenheit zu unterstützen. Ebenfalls zum Protest vor Ort: Margot Jann, Ehrenvorsitzende des Frauenkreises ehemaliger Hoheneckerinnen und Anita Goßler, stv. Vorsitzende im Frauenkreis und der UOKG. Carl-Wolfgang Holzapfel vertrat die Vereinigung 17. Juni und repräsentierte – als einfaches Mitglied – die VOS, die mit einer Presseerklärung den Protest unterstützt hatte.

Dem lautstarken Protest vor dem Ausstellungs-Bungalow schloss sich ein heftiges Gespräch mit dem Staatssekretär im Kultusministerium Martin Gorholt (SPD) im Bungalow an. Gorholt, einst Bundesgeschäftsführer der SPD, hatte eine bewegte parteipolitische Vergangenheit. So arbeitete er eng mit seinem Genossen Kajo Wasserhövel zusammen, der der traditionell-marxistischen Minderheitsströmung der Juso-Hochschulgruppen angehörte.

Protestanten: T.Sterneberg, Anita Goßler, Wolfgang und Margot Jann (von links)

Der SPD-Politiker hörte sich geduldig die teilweise heftig und an Wut-Ausbrüche erinnernde Kritik an, lehnte aber den geforderten Rücktritt oder gar die Abberufung von Ines Reich („Es reicht – Frau Reich!!!“) kategorisch ab: Das stände nicht zur Debatte. So wurde denn auch die „mangelnde Sensibilität“ im Umgang mit den Verfolgten der kommunistischen Diktatur angemahnt, was vergleichbar „Gott sei Dank“ im Umgang mit den Opfern der NS-Diktatur längst der Vergangenheit angehöre. Die anwesende Vertreterin von „Memorial Deutschland“ kritisierte wie andere Teilnehmer die „Beseitigung der bereits vorhandenen Ausstellung“ von Memorial und die mangelnde Bereitschaft, diese in das Ausstellungskonzept zu integrieren.

Wortmeldung: T. Sterneberg (darüber im Bild: Gisela Kurze, Vertreterin von MEMORIAL Deutschland

Auch könne diese Ausstellung „bis zur Fertigstellung der geplanten“ den Besuchern präsentiert werden, forderte Vereinsvorsitzender Buchner. Der Geschäftsführer der Gedenkbibliothek im Nikolai-Viertel Berlin, Thomas Dahnert, wurde neben anderen Anwesenden deutlicher und warf dem Staatssekretär unter Beifall vor, dieser „sei ein Lügner“.  Dahnert erinnerte an die Zusage, bis Mai 2010 die Ausstellung zu installieren. „Wir schreiben das Jahr 2011 und sehen uns neuen Ankündigungen für 2012 ausgesetzt. Wer glaubt Ihnen denn noch?“

Tatjana Sterneberg vom Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen erinnerte an die fatale Äußerung von Prof. Morsch am gleichen  Ort vor einem Jahr, als dieser die Zeitzeugen als „die schlimmsten Feinde des Historikers“ bezeichnet hatte und mahnte ebenfalls einen anderen Umgang mit den „immer weniger werdenden Zeitzeugen“ an. In  diesem Zusammenhang erinnerte Pfarrer Christian Albroscheit, der sich in den vergangenen Jahren aktiv an der Durchsetzung der Gedenkstätte beteiligt hatte, an die vorhandenen „jüngsten Zeitzeugen, die bereits alle 80 Jahre alt“ seien: „Wenn wir mit diesen Zeitzeugen noch arbeiten wollen, dann haben wir keine Zeit für weitere Verzögerungen!“  Und Lothar Scholz, ehemaliger Workutianer, zeigte sich empört über den gezeigten „Gedenkstätten-Dogmatismus der Gedenkstätten-Verteter“.

von links: Staatssekretär Martin Gorholt, Pressesprecher Severens, Beiratsvor. (Pfarrer) Vogel

Warum Ines Reich sich nicht selbst dem Protest stellte, diese Frage blieb unbeantwortet. Die umstrittene Leiterin, die nicht zum  ersten Mal durch ihre „unversöhnliche Haltung  gegenüber den Protagonisten und Zeitzeugen“ der Einrichtung aufgefallen sei, wende ihre Zeit „zu vielen anderen Aufgaben zu, statt sich um das Anliegen Leistikowstraße zu bekümmern“, wie Teilnehmer kritisierten.

So sei es fraglich, ob zum Beispiel die Präsentation einer Online-Ausstellung über „Die Geschichte der Brandenburgischen Frauenhilfe“ unter dem Signum der Gedenk- und Begegnungsstätte vorrangiger sei als die Umsetzung der Anliegen einstiger politischer Insassen des KGB-Gefängnisses.

Während Staatssekretär Gorholt weitere Gespräche „in nächster Zeit“ und die Überprüfung des beabsichtigten Schließungszeitraumes „in Richtung einer möglichen Verkürzung“ ankündigte, waren sich die meisten Teilnehmer auch nach dem heftigen Gedankenaustausch in Anwesenheit des Pressesprechers der Gedenkstätte, Seferens, einig: Ines Reich habe das Vertrauen der Zeitzeugen verspielt:  „Die Spitze muss ausgetauscht werden!“

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207785

Fotos: © 2011 LyrAg / Vereinigung 17. Juni

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