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Die Ehrenvorsitzende Margot Jann (re.) bei der Kranzniederlegung

 

Stollberg/Berlin, 3. Oktober 2010/cw – Zu ihrem Jahrestreffen traf sich in Stollberg/Sachsen vom 1. – 3. Oktober der „Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen“. Die ehemaligen aus politischen Gründen von der DDR-Justiz verurteilten Frauen ehrten am 1. Tag die Toten am Gedenkstein vor der ehemaligen Haftanstalt. Neben Anita Gosslar sprach für die Stadt Stollberg Oberbürgermeister Marcel Schmidt bewegende Worte.
Anschließend fand die Mitgliederversammlung statt, auf der die im letzten Jahr neu gewählte Vorsitzende Inge Naumann den Rechenschaftsbericht vorstellte.

Am Samstag, 2. Oktober, fand für die Frauen von Hoheneck und weiteren angemeldeten Besuchern eine Führung durch die ehemalige Haftanstalt statt. Herr Greif, ein Handwerker aus Stollberg, führte ehrenamtlich und sachkundig durch die Räume des Schreckens und traumatischer Erinnerungen. Immer wieder zitierte er in seiner Führung aus Büchern, die ehemalige Insassinnen des Frauenzuchthauses veröffentlicht haben, so von Erika Riemann („Die Schleife an Stalins Bart“) oder Ellen Thiemann („Der Feind an meiner Seite“). Viele Frauen wurden von ihren Erinnerungen übermannt und weinten.

 

Nach fast 30 Jahren zum ersten mal wieder in Hoheneck: Marita U.

 

Drehbeginn für Spielfilm „Hoheneck war gestern“ mit Anja Kling

Am Nachmittag fuhr die Gruppe nach Chemnitz auf den dortigen Friedhof, um am Gemeinschaftsgrab der auf Hoheneck verstorbenen Frauen Kränze und Blumen niederzulegen. Nach der Wende waren auf dem Dachboden der Haftanstalt unzählige Urnen von Verstorbenen aufgefunden worden, denen die letzte Ruhe verweigert worden war. Sie wurden schließlich in einem Sammelgrab in Chemnitz beigesetzt. Allerdings sind die Zeilen der Erinnerung auf der großen Grabplatte ziemlich verwittert und kaum noch lesbar, wie die erschütterten Frauen feststellen mussten. Ein Grund für die Stadt Chemnitz, sich Gedanken zu machen…
Die Geschäftsführerin der „Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur“, Frau Dr. Anna Kaminsky, das Vorstandsmitglied der UOKG, Dr. Buchner und der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni 1953, Carl-Wolfgang Holzapfel, nahmen an der Totenehrung teil.

Zurück im Hotel wartete auf die Teilnehmer des Jahrestreffens eine besondere Überraschung:
Kristin Derfler und Dietmar Klein stellten ihre erste Fassung einer Dokumentation über die Frauen von Hoheneck vor. Diese Doku soll im nächsten Jahr begleitend zu dem Spielfilm „Hoheneck war gestern“ ausgestrahlt werden, zu dem Kristin Derfler das Drehbuch geschrieben hat. Die Dreharbeiten mit Anja Kling in der Hauptrolle haben in diesen Tagen begonnen. Die unter der Regie von Dietmar Klein entstandene Dokumentation wurde von den Anwesenden mit langanhaltendem Beifall bedacht.

Müttern auf Hoheneck wurden die Kinder buchstäblich entrissen

Eine bewegende Veranstaltung zum 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, fand im ehemaligen Dürergymnasium am 3. Oktober statt. Sieben ehemalige Häftlinge aus dem einzigen „Nur“- Frauenzuchthaus der DDR, erzählten als Zeitzeugen, wie es ihnen in dieser schlimmen Zeit als politische Häftlinge unter Kriminellen ergangen ist.
Obwohl öffentlich zu der Veranstaltung eingeladen worden war, blieb das Interesse an dem Schicksal der Hoheneck-Frauen unter der hoffnungsvollen Erwartung. Eine Schülerin aus Stollberg und etwa 10 Besucher waren neben den Telnehmern am Jahrestreffen zu dieser Veranstaltung gekommen.

Die Vorsitzende Inge Naumann moderierte ein bewegendes Zeitzeugenforum. Den Frauen fiel es sehr schwer, von den menschenverachtenden Demütigungen durch die „Wachteln“ (Aufseherinnen) zu berichten. Die seelischen Wunden, die ihnen zugefügt wurden, tun ihnen sichtbar noch heute sehr weh. Nicht nur Tatjana S. kämpfte mit den Tränen, als sie von den Medikamenten sprach, die ihr in der Nahrung oder als sogen. Placebos heimlich verabreicht wurden. Unter deren psychischen Schäden leide sie noch heute. Tatjana S. wurde arbeitsunfähig.

Einzelnen Frauen, wie Anita G., wurden die eben geborenen Kinder weggenommen und häufig genug an Partei-Funktionäre „vermittelt“. Anita G. hat ihre Tochter erst nach der Einheit wieder getroffen. Tochter und Mutter blieben sich fremd, berichtete die ehemalige Hoheneckerin unter Schluchzen.

 

Zeitzeugen aus Hoheneck im Dürerhaus in Stollberg, re. Vorsitzende Inge Naumann

 

Fluchtversuche aus der DDR wurden ebenso hart bestraft wie geäußerte freie Gedanken. Das brachte z.B. einer Zeitzeugin 3 ½ Jahre Frauenzuchthaus Hoheneck ein. Wer während der Haftzeit aufbegehrte oder Befehle der „Wachteln“ verweigerte, bekam seinen Widerstand bitter zu spüren:
Einzelhaft in der Dunkelzelle über Tage oder Wochen. Im Keller des Gefängnisses gab es eine Wasserzelle. Dort mussten Frauen bis zu den Knien oder Hüften einige Stunden im eiskalten Wasser ausharren. Diese Prozedur zog sich oftmals auch über mehrere Tage hin und wurden nur von einigen Stunden Schlaf in einer Dunkelzelle unterbrochen. Die „Wachteln“ verfügten über viele Schikanen , um die Frauen vermeintlich gefügig zu machen. Die Unterbringung mit Schwerstkriminellen, mit Kindes- und Gattenmörderinnen, sollte die „Politischen“ mit diesen auf eine kriminelle Stufe stellen, was die oft sehr jungen Frauen, manche noch im Mädchenalter, besonders demütigte. Die mangelnde Hygene, an sich schon für eine Frau schwer zu ertragen, wurde durch die permanente Beobachtung selbst intimster Verrichtungen durch den Spion in der Zellentür zur Tortur.

All das geschah in dem sogenannten demokratischen Staat „DDR“, von dessen „Segnungen und Vorteilen“ gerade in letzter Zeit wieder unverhohlen geschwärmt wird. Nicht nur den ehemaligen Häftlingen ist es unverständlich, dass in Ost- und zunehmend auch in Westdeutschland die Linkspartei gewählt wird, oftmals angeführt von ehemaligen SED Funktionären. Auch das diesjährige Treffen zeigte wieder, dass die tiefen Wunden der Haft weder verheilt noch vergessen sind.

Im nächsten Jahr, dem 50. Jahrestag des Mauer-Baues in Berlin, soll eine große Veranstaltung im Mai zum 20. Jahrestag der Gründung des Vereins auf die vielfältigen Schicksale der Frauen von Hoheneck hinweisen. Bleibt zu hoffen, dass die zu diesem Zweck eingeladenen Persönlichkeiten aus Politik, Literatur und Aufarbeitung des Diktatur-Unrechtes den zwingenden Nachholbedarf in der Anerkennung und Rehabilitierung der einstigen Verfolgten im Schatten der mächtigen Burg mit seiner düsteren Vergangenheit erkennen.

 

Auf dem Friedhof in Chemnitz, li.: Dr.Anna Kaminsky von der Stiftung Aufarbeitung

 

V.i.S.d.P.: Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., C.W. Holzapfel, Tel.: 030-30207785
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