Bruno Kreisky zur Problematik der „Friedenssoldaten“ im UN-Einsatz

Berlin, 07.01.2010/cw – Zur gegenwärtigen Diskussion um den Einsatz von Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan wirken nachdenkliche Äußerungen des ehemaligen Österreichischen Bundeskanzlers Dr. Bruno Kreisky aktuell, die dieser im November 1984 in einem Interview, das Carl-Wolfgang Holzapfel führte, gemacht hat. Das Interview fand auf dem Gelände des ehemaligen KZ Dachau statt und wird nachstehend in der seinerzeit veröffentlichten Version im Evangelischen Gemeindebrief Eichenau, Ausgabe Dezember 1984, angeführt.

Dachau, 10.November 1984 – Da stand er im fahlen Licht einer Laterne vor dem Krematorium im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. Schwer auf zwei Stöcke gestützt, Folgen einer kürzlich überstandenen Nierentransplantation in Hannover, starrte er in das Dunkel vor sich. Die Kundgebung zum Jahrestag der Reichskristallnacht war vorbei, die Menschenmasse hatte sich verlaufen, die Scheinwerfer waren aus. Einsam, neben sich nur einen Begleiter, stand da ein alter Mann, der noch vor gut einem Jahr als Österreichischer Bundeskanzler zu den kompetentesten und gefragtesten Politikern unserer Zeit gehörte. Ich werde wohl dieses eindrucksvolle Bild nicht mehr vergessen….

Frage: Herr Bundekanzler, Sie haben eindrucksvoll an die schlimme Vergangenheit erinnert.      Bewegt es Sie auf diesem Boden ehemaligen Terrors, daß der Hauptverantwortliche ein Österreicher war?

Verbrechen keine nationale Frage

Kreisky: Man kann diejenigen, die aus einem Volk kommen, die kann man sich nicht         aussuchen. In jedem Volk gibt es diejenigen, die Großes vollbracht haben für die Menschheit, und in jedem Volk gibt es auch einige, mit deren Namen Terror, Krieg und Verbrechen verbunden sind. Das ist keine nationale oder Volkszugehörigkeits-Frage.

Was würden Sie aus Ihrer menschlichen und politischen Erfahrung heraus jungen Menschen, jungen Christen raten, um eine solche Entwicklung von Geschichte verhindern zu können?

Die Gegenwart nicht passiv über sich ergehen lassen

Ich bin ja eigentlich schon ein alter Mann. Und in meinem Leben habe ich  schon zwei Kreige erlebt. Den Ersten Weltkrieg als junger Bub und den  Zweiten Weltkrieg in der politischen Emigration, in die ich nach einer GESTAPO-Haft gezwungen wurde. Ich habe die große Krise in den dreißiger Jahren erlebt, das Elend dieser Zeit gesehen, und ich habe die letzte Krise, die noch nicht vorüber ist, als politisch Wirkender erlebt. Ich würde den jungen Menschen eines vor allem raten: Sie sollen sich am politischen Leben beteiligen. Sie sollen nicht abseits stehen. Aber sie sollen gleichzeitig versuchen, wie das ja heute schon vielfach geschieht, in Arbeitskreisen die Vergangenheit zu             studieren. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, wird in der Lage sein, die Zukunft zu gestalten und vor allem klüger zu sein für ein andermal, um ein  Wort eines großen Historikers abzuwandeln. Ich empfehle also den jungen Menschen, nicht passiv die Gegenwart über sich ergehen zu lassen, sondern aktiv an der Gegenwart, am politischen Leben mitzuwirken und vor allem eines zu tun: Im Kampf um den Frieden wachsam zu sein. Denn wenn es zu einem Dritten Weltkrieg kommt, wird es so sein, wie es unlängst eine gesagt hat: Dann werden die Überlebenden die Toten beneiden.

Haben Sie während Ihres politischen Wirkens schon einmal – vielleicht auch mehrfach   – vor dem Konflikt zwischen Mensch-sein-wollen und der Politik gestanden?

Friedenssoldaten

Ich bin in der glücklichen Lage gewesen, daß ich während meines ganzen politischen  Lebens nie gezwungen war, einen Beschluss herbeizuführen, durch den Menschenleben  gefährdet wurden. Ein einziges Mal habe ich mir in einer Frage sehr ernste Gedanken gemacht: Als die Aufforderung auch an Österreich erging, für die Friedenstruppe der UNO Soldaten zur Verfügung zu stellen.       Friedenssoldaten! Damals habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich eine solche schwere Entscheidung treffen kann. Und ich habe sie getroffen, weil ich zu dem Schluss gekommen bin, daß das Österreicher sein werden, die irgendwo    in der Welt an der Ruhigstellung mitwirken und damit den Krieg verhindern können. Und so sind im Laufe dieser Jahre 36.000 verschiedene Soldaten des österreichischen Bundesheeres auf den Golan-Höhen, am Suez-Kanal, in Zypern gewesen und haben so durch ihr Wirken dem Frieden in diesen Teilen der Welt einen großen Dienst erwiesen. Das war das einzige Mal, wo ich bewusst bereit war, die Verantwortung für einen Entschluss zu übernehmen. Allerdings für einen, der dem Frieden gedient hat.

Darf ich noch eine Frage anschließen? Sie haben, wenn ich richtig gehört habe, den  Begriff Friedenssoldaten verwendet. Sie würden also sagen, daß es das gibt: Friedenssoldaten und Soldaten, die andere Aufgaben haben, als dem Frieden zu dienen?

Ich war natürlich als Bundeskanzler und als Außenminister mit dem Problem konfrontiert, daß sich aus unserer immerwährenden Neutralität ergibt. Und da gibt es nun einen Grundsatz, wonach auch der neutrale Staat mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln seine Neutralität zu verteidigen bereit sein muss. Ich bin daher positiv für das österreichische Bundesheer eingetreten, das schon in       der Ersten Republik eine echte Aufgabe gehabt hat. Ich bin auch heute noch in diesem Sinn für die Landesverteidigung in Österreich. Österreich.

Aber gleichzeitig bin ich natürlich der Meinung, daß in einer Welt, in der es so eine mehrfache Overkill-Kapazität gibt, in der sich also die großen Mächte mehrfach vernichten können, das es da keiner weiteren Aufrüstung bedarf, das      eine weitere Aufrüstung sinnlos ist. In Wirklichkeit, wie die Generale auch zugeben, sinnlos bleibt. Wenn man sie dann fragt, warum sie dennoch dafür         sind, dann meinen sie, es gäbe dafür psychologische Gründe. Ich für meinen Teil glaube, daß wir auf diese psychologischen Gründe verzichten könnten.

Wir bedanken uns, Herr Bundeskanzler und wünschen Ihnen vor allem für Ihre Gesundheit alles Gute!

Anmerkung: Die Zwischenzeilen wurden aktuell (2010) eingefügt.

Dr.jur. Bruno Kreisky, geb. 22.01.1911  in Wien als Sohn einer jüdische Industriellenfamilie. Schwedisches Exil 1938-45. Rascher diplomatischer Aufstieg. 1959 Außenminister Österreich. 1967 Vorsitz SPÖ. 1970 erster sozialdemokratischer Bundeskanzler. Freund Willy Brandts. Wurde besonders durch seine oft Tabu-brechenden außenpolitischen Aktivitäten, z.B. Treffen mit PLO-Führer Arafat (1979) und Anerkennung der PLO (1980), bekannt. 1983 Rücktritt als Bundeskanzler, im gleichen Jahr Vorsitz UNO-Landwirtschaftsfonds. (Kreisky verstarb am 29. 07.1990)

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