Freiheit muss jeden Tag neu erobert und verteidigt werden

Berlin, 20.06.2009/cw – Auf dem Sommerfest der Zeitung JUNGE FREIHEIT hielt der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni 1953 eine Rede, die wir hier ungekürzt wiedergeben:

Ein Sommerfest stellt zwei Dinge in den Vordergrund: Sommer und Fest. Und wir alle wissen: Zu einem Sommer gehören auch Regen, Gewitter und gelegentlicher Sturm, wie Wärme, Geborgenheit, Sonne satt. Zu einem Fest gehören nicht unbedingt schlechte Laune, Traurigkeit oder gar Tränen, es sei denn, sie sind Tränen der Freude.

Allein an diesem kleinen Beispiel mag man die Vielschichtigkeit von Begriffen erkennen, die uns vertraut und ausschließlich dünken.

Lassen Sie mich in diesem Sinn heute ein paar Worte, ein paar Gedanken zum Begriff Freiheit äußern. Wir Deutschen neigen ja, in allem, was wir tun, zur Ausschließlichkeit.

So haben wir für die Unfreiheit als Synonym den Faschismus gefunden, gelegentlich wenden wir es auch auf den Kommunismus an, dann aber schon mit vielen „Aber“, also mit Einschränkungen.

Auch die Freiheit wird so fest umrissen und definiert, verkommt zu einem festen, beschreibbaren Begriff, weil unser heutiges Denk-System auch eine feste Definition, man könnte auch sagen Denk-Schablone, vorschreibt. So sind LINKE, bei allen kleineren oder größeren Fehlern, grundsätzlich frei im Denken, also Protagonisten der Freiheit. Konservative, oder eben alle Menschen, die sich nicht als links verstehen, geraten in die Anrüchigkeit, rechts orientiert zu sein, also freiheitsfeindlicher Gesinnung anzuhängen. Im schlimmsten Fall wird dann die Kurve zum Faschismus gezogen, die gefährliche Nähe postuliert, um den sehr eigenen Freiheitsbegriff zu propagieren.

Wir haben hier ja, wie bereits erwähnt, ein Sommerfest und keinen Diskurs über Wert oder Unwert von Begriffen. Ich möchte Sie daher nicht zu sehr mit meinen Ausführungen langweilen. Aber der Veranstalter ist nun einmal eine Zeitung, die sich einen sehr anspruchsvollen Namen gegeben hat: JUNGE FREIHEIT.  Und darum soll es erlaubt sein, in dieser schönen, freien Natur, unweit der Brücke der Einheit, die einstens nicht nur für mich die Funktion einer Hoffnungsbrücke in die Zukunft darstellte, einige sehr persönliche Gedanken zur Freiheit an sich anzustellen.

Mein Vater, ein wohl begnadeter Dichter, schrieb 1968 diese Zeilen:

Es wagt schon wieder keiner zu mucken

Gegen das Denkmonopol.

Rings Resignieren und Achselzucken:

„Je nun, so ist das wohl!“

Oh, es gibt viele Experten der Knechtung.

Mal sind die leise, mal laut.

Aber sie spinnen ihre Verflechtung

Dicht, bis sich keiner mehr traut.

Kürzlich war´s noch der grobe Drill.

Heute sind´s die technischen Tester.

Immer zieht, wer sich befreien will,

um sich die Schlinge noch fester.

Unsere Freiheit ist noch jung, gemessen an einer über tausendjährigen Geschichte. Sie dünkt uns hingegen schon alt, gemessen an einem heutigen Lebensalter. Dennoch ist sie ein, ist sie  d a s  kostbarste Gut, das wir nach 1945 errungen haben oder, was der Wirklichkeit näher kommt, was uns nach dem Elend des vergangenen Jahrhunderts von außen geschenkt wurde.

Der Preis war hoch: Wir verloren unsere wunderschönen Gebiete jenseits von Oder und Neiße, ein weiterer Teil unserer gemeinsamen Heimat geriet vom Regen in die Traufe, musste weitere 44 Jahre auf das warten, was wir zu Recht  als Freiheit bezeichnen. Die immer öfter kolportierte Kritik an dieser Freiheit und ihren Unzulänglichkeiten mag mit einer unheilvollen

Sättigung und Gewöhnung zusammenhängen, ist aber dennoch nicht ungefährlich. Sie ermöglicht es den Feinden dieser Freiheit, erneut diese Kritik zur Abschaffung der Freiheit zu missbrauchen.

Freiheit, liebe Freunde, ist nun aber kein Abonnement zur Steigerung eines Lebensgefühls. Freiheit stellt hohe Ansprüche an die Gesellschaft einerseits und an jeden Einzelnen von uns, der diese Gesellschaft trägt. Natürlich ist es ärgerlich, wenn die alte SED im neuen Gewande mit populistischen Schalmeienklängen das von ihr verantwortete und Stasi-durchseuchte Unrechtssystem vergessen machen will oder wenn auf der anderen Seite programmierte Glatzköpfe uns vermitteln wollen, dass das NS-Regime die glanzhistorische Epoche Deutschlands verkörperte. Das alles treibt uns zur Weißglut. Aber sollen wir deswegen die Freiheit abschaffen, die Freiheit in unserem Sinne regulieren nach dem Motto: Nur wer in bestimmten Bahnen denkt, darf in dieser Freiheit leben? Macht es nicht gerade die Faszination der Freiheit aus, dass wir uns mit ihren Widersprüchen auseinandersetzen dürfen?

Wollen wir wieder ein System, dass uns diese Widersprüche erspart und uns vermittelt, wo es wieder lang geht? Liegt ein Defizit, ein ernst zu nehmendes Defizit nicht auch darin, dass wir es unterlassen haben, mit diesen Widersprüchen, diesen Gegensätzen, dieser Vielfalt von Meinungen gelassen umzugehen? Warum bezeichnen wir das Ringen um Problem-Lösungen im negativen Sinn als Streit und nicht als eine wünschenswerte Diskussion um Positionen?

Warum sind wir nach all unseren Erfahrungen mit zwei Diktaturen auf deutschem Boden noch immer versucht, andere Meinungen mit Verbotsforderungen unterzupflügen?

Kürzlich kam wieder eine der erschreckenden Wahrheiten an das Tageslicht der Öffentlichkeit: Benno Ohnesorg, ein junger Theologie-Student, wurde am 2. Juni 1967 nicht von einem pflichtbewussten Polizisten aus West-Berlin erschossen, sondern von einem Auch-Agenten des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Natürlich können wir nun über Rückschlüsse, über Neubewertungen der damaligen Vorgänge diskutieren, wir müssen das sogar. Wir können uns darüber auseinandersetzen, warum es 20 Jahre nach der Öffnung der Stasi-Akten brauchte, um diese vermutliche Mord-Absicht eines schiesswütigen Agenten an das Tageslicht zu bringen. Aber unbestreitbar ist doch neben allen diesen offenen Fragen die Tatsache, dass unsere Freiheit diese Aufdeckung möglich gemacht hat, dass wirjetzt über Folgen und Hintergründe offen diskutieren, streiten, uns auseinandersetzen dürfen.

Spielt es da eine Rolle, dass eine linksextreme Zeitung mich als „Denunzianten des Tages“ betitelt, weil ich unmittelbar nach Bekanntwerden der Aktenfunde Anzeige wegen Mordes gegen Kurras erstattet habe? Freiheit ist kein Wonnebogen, keine exklusive Schlafcouch im Solarium selbsterwählter Genüsse. Freiheit beinhaltet das Recht, um bei diesem Beispiel zu bleiben, Anzeige gegen einen mutmaßlichen Mörder zu erstatten, auch wenn dieser ein uniformierter Träger des Staates war. Freiheit beinhaltet das Recht, andere Wertungen zu publizieren, als meine individuell eigene. Freiheit heißt eben auch, dass hier heute nicht Männer im Ledermantel stehen, um hernach unliebsame Redner „zur Klärung eines Sachverhaltes“ abzuführen.

Freiheit fordert uns jeden Tag neu heraus. Sie lebt von dem täglichen Bekenntnis zu ihr, zur individuellen Bereitschaft, sie überall zu verteidigen, wo immer sie bedroht ist. Sie bedeutet eben auch den Willen, das Recht auf freie Meinung auch dann zu verteidigen, wenn diese Meinung nicht meiner Meinung entspricht.

Freiheit erfindet sich nicht selbst, sie muss jeden Tag neu erobert und verteidigt werden.

Lasst uns in diesem Sinn die noch so junge, vielleicht gerade deswegen noch so faszinierende und verführerische  Freiheit verteidigen.

© 2009 Carl-Wolfgang Holzapfel