Brief an Bodo Ramelow, DIE LINKE, zu seinen Äußerungen:

Berlin, 28.02.2009 – Ich verstehe ja viele Kapriolen von  Politikern, die immer zwischen Baum und Borke, zwischen Wahrheit und Wähler jonglieren müssen. Aber muss man deswegen Tatsachen verdrehen? Diverse Zuchthäuser Ihrer DDR waren mit Menschen belegt, die aus rein politisch motivierten Gründen bittere Jahre der Unfreiheit unter oft unmenschlichen Bedingungen hinter Gittern verbringen mussten.

DDR – kein Unrechtsstaat?

Eine bisher noch nicht in der Höhe gänzlich erfasste Anzahl von Menschen ist im Zuge der Teilung Deutschlands an Mauer und Stacheldraht mutwillig, weil auf Befehl, erschossen worden, kam durch Mienen, mitten in Deutschland verlegt, und durch mörderische Selbstschussanlagen ums Leben.

DDR – kein Unrechtsstaat?

Zehntausende Menschen sind wie weiland die Sklaven an den kapitalistischen Feind verkauft worden, um sich an ihnen zu bereichern.

Die DDR – kein Unrechtsstaat?

Im gleichen Atemzug (des Interviews) haben Sie dann angemerkt, die DDR sei auch kein  Rechtsstaat gewesen. Wie denn nun? Ein bisschen Rechtsstaat, ein bisschen Unrechtsstaat, ein bisschen aus der Mitten?

Ich kann mir vorstellen, Sie wollten eigentlich nur in das bei Ihren Wählern beliebte Horn stoßen: Die DDR war auch lebenswert (nun sagen Sie bitte nicht „liebenswert“), sie war Heimat für Viele, Lebensmittelpunkt (nun sagen Sie bitte nicht „der Gerechtigkeit“) etc. Würden Sie das ernstlich so verbreiten wollen und dann noch den Anspruch erheben, ernst genommen zu werden?

War nicht jede Diktatur, auch die eines Hitler oder eines Stalin (um nur die zwei größten Verbrecher zu benennen und keineswegs z.B. Mao Tsetung oder Pol Pot auszuschließen) für viele Menschen auch Lebensmittelpunkt, Heimat etc.? Sagt diese Banalität etwas über die Qualität eines brutalen Systems aus? Müssen nicht auch Sie unterscheiden zwischen den sogen. „Selbstverständlichkeiten des Lebens“ und den Verbrechen gegen das eigene Volk oder andere Völker? Wo wollen Sie geschichtliche Wahrheiten unterbringen? In den Träumen unverbesserlicher Verharmloser einer nicht zu verharmlosenden Diktatur? Wollen Sie sich auf diese Weise gemein machen mit jenen, die auch heute noch die Verbrechen Hitlers, gar den Holocaust leugnen? Würden Sie in  diesem Sinn auch den Holocaust in der Ukraine (damals noch Stalins UdSSR), in Kambodscha und anderswo leugnen wollen?  Das verbrecherische System des GULag? Die Fortführung von Hitlerschen KZ nach 1945 in der damaligen SbZ? Die Einrichtung einer neuen GESTAPO durch die von Ihnen vehement verteidigte DDR? Sicherlich doch nicht, oder? Warum leugnen Sie dann weiter so beharrlich die historisch belegten Verbrechen der DDR? Oder wollten Sie nur die DDR von diesen Verbrechen frei-sprechen, weil dafür einzig die SED zuständig war?

Glauben Sie, dass man in dieser Art und Weise Geschichte verharmlosen, gar verniedlichen kann? Wollen Sie mit dieser Haltung wirklich und allen Ernstes den Wählern in Thüringen empfehlen, Sie mit dieser Haltung gar zum Ministerpräsidenten zu erwählen?

Verstehen Sie mich bitte richtig: Mir geht es hier nicht um Parteipolitische Spielchen. Dafür bin ich mittlerweile bekannt und dazu ist mir die ganze Angelegenheit zu ernst. Auch Sie sollten die Vergangenheit wie die Zukunft unseres Landes sehr ernst nehmen, meinen Sie nicht?

In diesem Sinn ein erschütterter Bürger dieses erschütterten Landes.

© 2009 Carl-Wolfgang Holzapfel

* Der Briefschreiber ist Vorsitzender der Vereinigung 17. Juni 1953 und stellvertretender Bundesvorsitzender der VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus). Er wurde 1965 durch DDR-Organe verhaftet und 1966 wegen seines gewaltlosen Widerstandes gegen die Mauer und für die Freilassung der politischen  Gefangenen zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, nach 13 Monaten von der Bundesrepublik freigekauft