Wenn die Vergangenheit zur Gegenwart wird

20.10.2008/cw/ts – „Naturheilpraxis“ stand gut lesbar auf dem Wohnzimmerfenster im Erdgeschoss einer unauffälligen Miet-Reihenhaus-Anlage an einer kleinen Straße in Chemnitz. Und darunter „Diplom-Psychologe“. Nichts besonderes, denkt sich der mehr oder wenig eilig vorbei laufende Passant, falls er überhaupt von der Fenster-Reklame Notiz nimmt.

Tatjana Sterneberg hingegen liest die Schrift mit gemischten Gefühlen. Sie weiß um das Geheimnis hinter den Fenstern. Zögernd drückt sie den Klingelknopf, öffnet die Haustür und steht nun der Frau gegenüber, der sie vor 30 Jahren erstmals begegnet war.

Das war im berüchtigten Frauenzuchthaus Hoheneck in Stollberg, nur wenige Kilometer von Chemnitz entfernt. Die heutige Praxis-Betreiberin war seinerzeit, 1975, nach ihrem Studium der Psychologie in die Strafanstalt gekommen, um die dort einsitzenden Frauen zu betreuen.

Heute weiß Tatjana Sterneberg, dass sich Gisela Glück, so hieß die Psychologin vor ihrer Heirat, ebenfalls freiwillig der Stasi als IM zur Verfügung stellte. Wie der seinerzeitige Leiter des medizinischen Dienstes, MUDr. Peter Janata, berichtete sie Erkenntnisse, die sie im Rahmen der Betreuungsarbeit über die verurteilten Frauen erfuhr, willfährig und freiwillig der Stasi.

Sterneberg, die sich der Aufklärung von Schicksalen aus dieser Zeit und den Verstrickungen der Akteure in die Dienste der Stasi verschrieben hat, möchte Gisela Glück zur Rede stellen, sie fragen, was sie bewegt hat, gegen ihr berufliches Ethos Patienten-Daten zu verraten.

Als sich die Praxistür öffnet, steht eine unscheinbare kleine Frau im Flur. Tatjana Sterneberg stellt ihre zwei Begleiter vor, erklärt ihr Anliegen, bittet um einen Gesprächstermin. Gisela Glück ist offensichtlich überrascht, gibt spontan zu, in Hoheneck beschäftigt gewesen zu sein. Sie holt einen Kalender herbei, blättert unschlüssig in den Seiten und nennt dann einen Termin ziemlich weit in der Zukunft. Erst nach einigem Hin und her und beruhigenden Worten, dass das Gespräch maximal eineinhalb Stunden (wenn überhaupt) dauern würde, nennt Gisela Glück den Mittwoch, also zwei Tage später.

Kurz nach 16.00 Uhr, am Mittwoch, steht die Gruppe, Tatjana Sterneberg und ihre Begleiter, wieder vor der Tür. Diesmal wirkt Gisela Glück gefasst, bemüht sich zumindest, Selbstsicherheit auszustrahlen. Sie erklärt, erst einmal mit „Frau Sterneberg“ alleine reden zu wollen und verschwindet mit ihr in der Praxis. Die Begleiter bleiben draußen vor der Tür.

Nach etwa 15 Minuten steht Tatjana Sterneberg wieder in der Tür, hinter ihr Gisela Glück. Sterneberg wiederholt ruhig, wenn auch mit leicht bebender Stimme das, was ihr Glück gesagt hatte. Gisela Glück habe ihr erklärt, für ein Gespräch nicht zur Verfügung zu stehen, da in solchen Fällen nur Dreck verbreitet werde. Sie hätte da ihre eigenen Erfahrungen und würde nur noch für Gespräche zur Verfügung stehen, wenn das Ergebnis vorher in ihrem Sinne feststände. Sterneberg habe dann spontan die Verpflichtungserklärung als Stasi-IM hervorgeholt und Glück gefragt, ob sie diese Erklärung geschrieben habe und für die Stasi tätig gewesen sei. Gisela Glück habe dies ohne Zögern bejaht, aber jedes weitere Gespräch erneut abgelehnt.

Die Begleiter nutzen die Möglichkeit, fragen bei Glück nach, ob das so richtig sei und ob sie nicht doch die Chance nutzen wolle, über diese Zeit zu sprechen. Gisela Glück bestätigt, dass Frau Sterneberg alles richtig wiedergeben habe, sie aber nach wie vor nicht zu weiteren Gesprächen bereit sei.

Stasi-IM? JA. Aufarbeitung? Fehlanzeige.

Die ehemalige Insassin von Hoheneck, seinerzeit wegen der Liebe zu einem Italiener zu fast vier Jahren Zuchthaus verurteilt, braucht einige Zeit, um die Erinnerungen zurückzudrängen. Aber Tatjana Sterneberg weiß auch, dass in diesen Minuten nicht nur für sie die Vergangenheit zur Gegenwart wird, sie eingeholt hat. Und sie hofft, dass die Diplom-Psychologin hinter der Fassade einer Naturheil-Praxis beginnt nachzudenken. Über die Schicksale unzähliger Frauen, die aus politischen Gründen mit Verbrechern und Mörderinnen eingesperrt waren. Und die sie verraten hat. An eine verbrecherische Institution, die sich als Schild und Schwert der Partei verstand und der im Namen einer eigenen politischen Wahrheit jedes Verbrechen recht war, um vorgebliche Feinde zu bekämpfen und zu vernichten.

Wenn Tatjana Sterneberg nicht von dieser Hoffnung getragen werden würde, würde sie in einem solchen Moment zusammenbrechen. So wischt sie sich verstohlen eine Träne aus dem Auge und fragt tapfer: „Gehen wir einen Latte Macciato trinken?“

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-Foto 1 zeigt Tatjana Sterneberg mit Gisela Glück in Chemnitz-

-Foto 2 zeigt das beschriebene Fenster „Naturheilpraxis“-

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