2.10.2008/cw – Lassen wir einmal die dem medialen Sensationshunger geschuldete Erdbeben-Variante über die Wahl in Bayern beiseite.

Natürlich: Die Verluste der erfolgsverwöhnten – immerhin demokratischen – Staatspartei CSU sind bemerkenswert. Sensationell sind sie nicht, weil sie vorhersehbar waren.

Natürlich: Die zögerlich vollzogenen Rücktritte des Führungs-Trios bedeuten für die Langzeit-Ämter gewohnte Partei den Weg in eine ungewohnte Form demokratischer Praxis.

Sensationell ist das nicht, weil es gutem demokratischen Brauch entspricht, die Verantwortung nicht nur für Siege zu übernehmen und zu ertragen.

Natürlich: Der jetzt einsetzende Bewerber-Reigen um das Amt des Ministerpräsidenten ist für eine bisher eher von „oben“ regierten und bestimmten Partei neu. Sensationell ist das in einer Demokratie nicht, es spricht eher für das Vorhandensein mehrerer potentieller Kandidaten (wovon andere Parteien oft nicht zu träumen wagen).

Im Strudel der wechselseitigen Aufgeregtheiten geht die wirkliche Sensation bislang völlig unter: Die Bayern, oft vielgescholten oder belächelt ob ihrer wahlarithmetischen Einseitigkeit, haben am vergangenen Sonntag ihr Reifezeugnis in Sachen Demokratie abgelegt. Sie haben es geschafft, i h r e r Partei einen deutlichen Denkzettel zu verpassen, ohne in die Extreme nach Rechts oder Links auszuweichen. Die blau-weißen Wähler – oder bisherigen CSU-Wähler – haben konsequent Alternativen im bürgerlichen Lager ausfindig gemacht. Während in anderen Bundesländern seit Jahren die Extremen zu- und die sogenannten Volksparteien an Zuspruch abnehmen (siehe zum Beispiel die zeitgleichen Kommunalwahlen in Brandenburg), ist das bürgerliche Lager im Bayerische Landtag stärker geworden, als die CSU an Stimmen verloren hat.

Man muss also nicht die Fronten wechseln, um der eigenen konservativen Partei zu zeigen: Es geht auch anders! Und mit dieser Entscheidung haben die Bayern ein politisches Stabilitäts-Signal in die Republik gesandt, das – hoffentlich – länger andauern wird, als die augenblickliche medial überaus wirksam verbreitete Aufgeregtheit über ein vorhergesehenes und prognostiziertes Ereignis.

Ein Reifezeugnis eben.

Carl-Wolfgang Holzapfel*

* Der Autor lebte 38 Jahre (bis 2008) in Bayern und war einst Mitbegründer der CSU-Freundeskreise Anfang
der siebziger Jahre.