28.08.2008/cw – Die einen verfolgten ihn mit offenem Hass, anderen reichte die Verachtung. Nun starb der solcherart umstrittene Mann am 21.August 2008 im Alter von 82 Jahren im bayerischen Schliersee, wo er nach der Wende unruhige, aber sicher auch schöne Jahre an der Seite seiner Frau verbrachte.

Vogel, schon 1953 von der Stasi angeheuert, wurde zehn Jahre später zum Grenzgänger zwischen den Welten des Kalten Krieges. Er vermittelte nicht nur auf international höchster Ebene den Austausch von Spionen zwischen den verfeindeten Weltmächten USA und UdSSR, sondern wurde auch zur wichtigsten Vermittlerperson zwischen den beiden Teilen Deutschlands. Es war ein CDU-Minister im von der DDR stets scharf angegriffenen Ministerium „für Gesamtdeutsche Fragen“, der bereits 1963 den „Freikauf“ politischer Gefangener in die Wege leitete. Rainer Barzel, der übrigens auch in Bayern verstarb, war deswegen nie verdächtig, ein Protagonist der DDR zu sein, Wolfgang Vogel schon.

Das lag sicherlich nicht an seiner frühen Verpflichtung für die Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Stasi hatte Vogel zeitig genug von ihrer Mitarbeiter-Liste gestrichen, um seine Mission zwischen den Welten nicht zu belasten. Nein, hier geriet ein Mensch zwischen die Mühlsteine emotionaler Bewertungen, weil er im Nebel der Rauchkerzen des Kalten Krieges klare Konturen verlor, ja geradezu darauf verzichten musste. War er ein Mann Honeckers, ein „Agent der DDR“? War Vogel ein „treuer Diener humaner Werte des Westens“?

Rückblickend erinnere ich mich bewegt an zwei Begegnungen mit dem Advocatus nebulos.

Das erste mal sah ich ihn als meinen Anwalt direkt vor meinem Prozess. Offen und ohne jede verbale Rücksicht erklärte er sich: „Ich brauche Ihnen ja nichts zu erklären. Ich kann in dem Prozess nichts für Sie tun. Meine Arbeit fängt erst nach der Rechtskraft Ihres Urteils an.“

Zuvor hatte er danach gefragt, was gegen mich vorliege, da er erst jetzt meine Akten erhalten hätte. In der Tat konnte er das Urteil zu acht Jahren Zuchthaus nicht beeinflussen. (In meinen Stasi-Akten las ich Jahre später seinen handschriftlichen Vermerk: „Plädoyer mit der HV absprechen.“).

Zum zweiten mal sah ich Vogel am Tag meiner Entlassung. Er fuhr mich in seinem Mercedes

über den Übergang Invalidenstraße zurück nach West-Berlin. Die Grenzposten salutierten, der Schlagbaum hob sich vor uns ohne Kontrolle.

In dem sehr menschlichen Gespräch teilte mir der „Menschen-Händler“ den Tod meiner geliebten Großmutter mit, die während meiner Haft in Bautzen diese Welt verlassen hatte.

Die juristische Verfolgung Vogels nach der Wende habe nicht nur ich traurig und ratlos zur Kenntnis genommen, rechtlich im Sinne von Recht oder gar Gerechtigkeit, die wir einem solchen Menschen schulden, war diese Verfolgung nicht. Verständlich hier und da – vielleicht. Wolfgang Vogel wirkte an der Übersiedlung von über 200.000 DDR-Bürgern in den Westen mit, beteiligte sich durch kluge Verhandlungsführung an der vorzeitigen Freilassung politischer Gefangener. Freikauf oder Sklavenhandel, wer wollte ihn dafür richten?

Am 30.August wird der Grenzgänger namens Vogel um 11.00 Uhr im Bayerischen Schliersee

zur letzten Ruhe geleitet. Nicht nur ich werde mich dankbar in diesem Moment seiner erinnern.

Carl-Wolfgang Holzapfel
Vorsitzender der Vereinigung 17.Juni 1953