Anmerkungen zum Tod von Johannes Rau

Berlin, 27.01.2006/cw – Aufgrund vorhergehender Berichte über die schweren Operationen des Alt-Bundespräsidenten war die Öffentlichkeit auf die Nachricht bereits einige Zeit vorbereitet. Dennoch erschütterte der nun doch schnelle Tod alle, die Johannes Rau in ihrem Leben begegnet oder zumindest von seiner Aura beeindruckt waren.

Johannes Rau, unangefochten über zwei Jahrzehnte an der Spitze des größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, war durchaus kantig und brachte seine politischen Gegner mit seinem Beharrungsvermögen oft zur schieren Verzweiflung. Selbst Schwergewichte, wie Kurt Biedenkopf, scheiterten als Kandidaten gegen einen Politiker, der es offensichtlich wie kaum ein Zweiter verstand, Menschen emotional zu bewegen. Sein Scheitern als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl Ende der achtziger Jahre war da nur ein schwacher Trost für die vergeblich gegen ihn  anrennenden Christdemokraten.

Sein eigentliches, über Parteigrenzen hinweg beachtetes Profil gewann der überzeugte und praktizierende Protestant allerdings erst im Amt des Staatsoberhauptes. Dabei war Johannes Rau der erste Bundespräsident, der sich gleichsam selbst ernannt hatte. Keine Findungskommission war notwendig, er selbst hatte erklärt, er wolle Nachfolger von Roman Herzog werden.

Die schnell deutlich werdende Ohnmacht in diesem Amt muss ihn  dann doch umgetrieben haben. Ein Ministerpräsident hatte eine andere Machtfülle, als ein Staatsoberhaupt, in dem viele nur einen „obersten Begrüßungsonkel“ sahen. Johannes Rau fand aber auch in dieser Situation unbeirrbar seinen Weg: Besonders gegen Ende seiner Amtszeit, vielleicht auch schon motiviert durch das Gespür für ein nahendes Ende seiner irdischen Laufbahn, bemühte er sich, eindrückliche und von den Betroffenen nicht vergessene Akzente zu setzen.

Anders, als zum Beispiel einer seiner Vorgänger (Richard von Weizsäcker), beschränkte er sich nicht auf hehre und ehrenvolle staatspolitische Reden, wenn gleich er auch das unnachahmlich konnte, wie sein Auftritt in der Knesset in Jerusalem bewies.

Nein, Johannes Rau wäre nicht denkbar ohne seine mutige und mahnende Stimme, mit der er beispielsweise die Rehabilitation in Form einer Rente für jene einforderte, die für unsere Freiheit über Jahrzehnte Unfreiheit und Terror ertragen mussten. Seine Mahnung im Schloss Bellevue anlässlich der Vorstellung der Sondermarke zum 50.Jahrestag der Volkserhebung von 1953, diese Menschen nicht zu vergessen, wiederholte er in einer viel beachteten Rede in der Sondersitzung des Deutschen Bundestages am 17.Juni 2003..

Ich hatte Gelegenheit, ihm am Rande der Kranzniederlegungen zum 17.Juni auf dem Friedhof Seestraße  2003 im Beisein des Bundeskanzlers und der weiteren Repräsentanten des Staates für seinen eindrücklichen Einsatz für die Opfer der kommunistischen Diktatur zu danken. Meine ausgesprochne Hoffnung, er möge es nicht bei dem Appell im Schloss Bellevue belassen, sondern weiter für uns (Opfer) seine mahnende Stimme erheben, bekräftigte er durch ausdrückliche Zustimmung und seine angeführte Rede im Bundestag.

Johannes Rau ist nun nicht mehr. Seine unvergessenen Mahnungen harren noch immer der Umsetzung durch die Politik. Selten wurde ein Staatsoberhaupt so brüskiert, schenkte man seinen Aufforderungen zur Realisierung unabweisbarer Pflichten so wenig Beachtung im Sinne einer zügigen Umsetzung durch Regierung, Parlament und Parteien. Ob sein Tod posthum dazu beiträgt, Johannes Raus Vermächtnis zu erfüllen, muss abgewartet werden. Wir, die Opfer kommunistischer Gewalt, trauern um einen prominenten Fürsprecher, um einen  großen Politiker und Staatsmann, der sich wohl seiner administrativen Ohnmacht bewusst war und dennoch aus Überzeugung nicht darauf verzichtete, für die Vergessenen dieser Republik seine Stimme zu erheben.

(c) 2006 Carl-Wolfgang Holzapfel

Berlin, 27.Januar 2006