10.12.2005

„So nicht!“ und „Nie wieder!“

Die schwierige Vergleichbarkeit von NS-Opfern mit den Opfern der SED

„Anstatt die Opfer der Diktatur als Kämpfer für die Freiheit permanent zu feiern, steht ihnen ein Großteil der demokratischen Gesellschaft distanziert … gegenüber. Dies zu verändern, ist vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe …“ So heißt es im redaktionellen Vorspann zur Abhandlung von Achim Beyer, selbst ein Opfer einstiger SED-Willkür, in der Dezember-Ausgabe 2005 der Quartalsschrift FREIHEIT UND RECHT (Herausgeber: Zentralverband Demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen).

Was FREIHEIT UND RECHT fordert, ist rechtens, beleuchtet aber gleichzeitig das Dilemma, in das sich die Opfer kommunistischer Verbrechen selbst ein Stück weit hineinlaviert haben. Die Darstellung erlittenen Unrechts und der Erduldung staatlich sanktionierter Verbrechen am eigenen Leib ist überwiegend nur in der Schmalspur im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen: Wir haben gelitten, dafür wollen wir jetzt eine Rente!

So falsch und unvollkommen diese Reduzierung auf einzig pekuniäre Forderungen der ehemaligen Opfer (warum „ehemalig“, bleiben nicht Opfer lebenslang Opfer?) war und ist, so berechtigt ist die Spurensuche nach dem Grund für diese in der Tat fatale Negativ-Betrachtung berechtigter Anliegen seitens gedemütigter und misshandelter Individuen.

Ein Grund könnte darin liegen, dass sich Opfer von Verbrechen gleichsam im Fokus selbstbezogener Ausnahmesituation sehen, einer Einmaligkeit von Unrecht, dass so kein anderer nachempfinden kann, weil nie so erlebt hat. Das ist nachvollziehbar, aber nur Teil einer versuchten komplexen Beurteilung. Gerade Opfer politischer Gewalt geraten zumeist (freilich nicht ausschließlich) in eine Verfolgungssituation, weil sie sich einer Situation gegenüber konfrontiert sehen, die ihren Widerspruch, ihre Gegenaktion hervorrufen und damit erst den Verfolgungsmechanismus auslösen. Sie sind also, anders als Opfer rein krimineller Verbrechen, auf einem anderen Bewusstseins-Level, können also eingangs der Verfolgung und zumindest am Ende einer solchen die schmerzliche Erfahrung anders zuordnen: Meist wissen sie, dass ihr Schicksal nicht einzig ist, sondern Teil einer gewaltigen Repressions-Maschinerie, die auf die Gleichschaltung und – schlimmer, falls diese nicht funktioniert – auf die Vernichtung von Menschen gerichtet ist oder diese Vernichtung zumindest billigend („im Namen höherer Ziele“) in Kauf nimmt.

So sehr also eine gewisse Ich-Bezogenheit nachvollziehbar ist, kann diese für sich nicht als Erklärung für eine unzureichende Transferierung eigener Befindlichkeit in die Öffentlichkeit ausreichen. Auch die immer wieder betonte Vergleichbarkeit der deutschen Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert und die damit einhergehende Forderung nach Gleichstellung der Opfer greift in diesem Zusammenhang zu kurz. Denn die reine Nachahmung des Verhaltens von Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen, die sich (ebenfalls) auf die Einmaligkeit erlittenen Unrechts berufen, schafft für sich noch keinen gleichwertigen Anspruch, so logifiziert diese Forderung auch vorgebracht werden mag.

In einem deutlichen Gegensatz zu den Opfern der NS-Diktatur sind die (meisten) Opfer der SED-Diktatur zu diesen geworden, weil sie nach den schrecklichen Erfahrungen, Erkenntnissen und Überlieferungen aus der NS-Zeit sich zu einem „Nie wieder!“ veranlasst sahen. Diesen Antrieb, diese Vergleichbarkeit hatten die NS-Opfer nicht. Stauffenberg einerseits und Sophie Scholl andererseits, die hier als weithin bekannte Beispiele für den Widerstand gegen das Hitler-System stehen, handelten aus der gereiften Erkenntnis „So nicht!“ oder „Nicht mit mir!“ Ihnen fehlte das (politische) Vorbild, sie handelten aus moralischer Entrüstung und ethischer Verpflichtung.

Diese Unterschiede im Ansatz schmälern keineswegs den Wert des Widerstandes gegen die eine oder andere Diktatur. Aber sie sollten in ihrer Auswirkung auf das nachträgliche Handeln sichtbar werden. Und hier liegt nach meiner Meinung einer der fundamentalen Gründe, wenn nicht der fundamentale Grund für das Missverständnis zwischen den Opfern der SED-Diktatur und der Öffentlichkeit.

Die behauptete Vergleichbarkeit beider System-Opfer und die damit einhergehende vergleichbare Verhaltensweise mit ihrer Flucht in die egomanische Einmaligkeit erlittenen Unrechts stellt sich unübersehbar als Mauer vor die moralische Pflicht, Unrecht nicht in Schubladen einordnen zu können oder mit dem Vermerk „Erledigt“ zu versehen. Wer denn anders als die Opfer hätten die Pflicht und auch den moralischen Anspruch, aus eigenem Erleben ihre Stimme zu erheben gegen neues, aktuell praktiziertes Unrecht? Gegen Gefahren, die der Freiheit, dem demokratischen Staat drohen durch die Unterhöhlung eherner Prinzipien und unveräußerlicher Rechte?

Haben wir, die Opfer kommunistischen Unrechtes, jemals die Stimme erhoben gegen bedenkliche Einschränkungen datenrechtlicher Unversehrtheit? Wer erinnert sich nicht an das öffentliche Gruseln und die Schauer über dem Rücken, als über die Medien die totale Überwachungs-Mechanik der DDR-Staatssicherheit verbreitet wurden, die ganze Straßenzüge erfassten? Haben wir unsere Stimme erhoben gegen die seit Wochen bekannte und offenbar mehrere Jahre andauernde nachrichtendienstliche Überwachung von Journalisten?

Natürlich danken wir unserem demokratischen Staatswesen viel, war dieser Staat letztlich beispielhafter Antrieb für unseren Einsatz gegen ein diktatorisches Regime. Ebenso sind die USA für die meisten der ehemaligen politischen Gefangenen Adresse für tief empfundenen Dank gegenüber einer Weltmacht, ohne die der Ausgang des Kalten Krieges zumindest ungewiss geblieben wäre. Aber entbindet Dankbarkeit von der Pflicht, permanent eigene Erfahrung einzubringen, unüberhörbar die Stimme zumindest dann zu erheben, wenn eherne Prinzipien, für die wir einst eingetreten sind, nun auch im einst zurecht gerühmten „Westen“ unter die Räder der Gleichgültigkeit zu geraten drohen? ( Stichwort: CIA-Flüge, Misshandlung von Gefangenen etc.) So anders eine Diktatur im Vergleich zu einem Rechtsstaat ist, so wach müssen wir (gerade deswegen) bleiben gegenüber den kleinsten Versuchen, diese vorhandenen Unterschiede zu verwischen. Gerade die tief empfundene, weil erlebte, Freundschaft zu einer großen Nation sollte uns eine kritische Begleitung ohne den Geruch des Antiamerikanismus ermöglichen.

Wenn es uns, den bisher tatsächlich in der Wahrnehmung schmählich behandelten Opfern der kommunistischen Diktatur, gelingt, im vorgetragenen Sinn als eine ernstzunehmende Stimme gegen jedwede Verletzung von Freiheitsrechten zur Kenntnis genommen und beachtet zu werden, wenn eine neue Nachdenklichkeit über die Beurteilung des Widerstandsverhaltens gegenüber dem NS-System einerseits und dem SED-System andererseits Raum gewinnt, dann sollte die eingangs zitierte gesellschaftliche Distanz kein Thema mehr sein.

Carl-Wolfgang Holzapfel