07.11.2005

Redaktion

Süddeutsche Zeitung

Sendlinger Str.8

D-80331  München

Dienstag, 8. November 2005

„Der neue Mythosdes 20.Jahrhunderts“, SZ 254 vom 4.11.2005, Seite 17

Sehr geehrte Redaktion,

sehr geehrte Frau Augstein,

die unzweifelhafte Häme, mit der Sie über die Opfer der DDR-Diktatur schreiben, ist erschütternd. Nicht, weil diese Häme einmalig ist. Diese deckt sich zweifellos mit den Ergüssen der sogen. Antifa, zum Beispiel in Internet-Foren (wie „anifaschistisches pressearchiv und bildungszentrum e.v.“, ein Verein, der den Widerstand gegen das DDR-Regime mit „Antitotalitarismus als Konzept“ diffamiert).

Nur ist für den jahrzehntelangen Leser der SZ diese Übereinstimmung mit den Apologeten einer frisierten Geschichtsbetrachtung, wonach es „gute“ und „schlechte“ Diktaturen, vulgo „gute“ und „schlechte“ Verbrechen gebe (wobei hier stets nach „links=gut“ und „rechts=schlecht“ sortiert wird), neu. Ein demokratisches Flaggschiff deutscher Presse macht sich ohne Not auf, in trübe Gewässer einzutauchen, ohne Furcht und Tadel vor dem historischen Gestank unappetitlicher Jauche! Erstaunlich? Empörend!

Würden Sie auch so abfällig von einem „Hitler-Erinnerungswesen“ oder „Dritte-Reich-Erinnerungswesen“ schreiben, wenn sich Opfer dieser Diktatur zu Recht um die Bewahrung der steten Erinnerung an dieses mörderische System bemühen? Nein, wahrscheinlich nicht. Denn gerade das machen Sie ja überdeutlich: Für Sie ist die DDR ein freundlicher, etwas altertümlich gestrickter Staat (gewesen), in dessen Kuschelecke man sich gedanklich angesichts kapitalistischer Verformungen im jetzigen Deutschland nostalgisch räkeln kann. Was zählen da schon tausende Tote dieses Regimes, hunderttausende Opfer demokratisch gesinnter Menschen (z.B. aus SPD und CDU)? Und was zählen da geschichtliche Fakten, die unbedingte Treue eines Walter Ulbricht (und Genossen) zum Kommunismus stalinscher Prägung, der Millionen Menschen das Leben und noch mehr Menschen die Freiheit kostete?

Es tut ausgesprochen weh, wenn so intelligente Menschen wie Sie, die dazu noch einen verpflichtenden Namen tragen ( „Augstein“) oder für einen  solchen arbeiten

(„Süddeutsche Zeitung“), sich einer ungerechtfertigten Ideologisierung von Geschichte ausliefern. Die Krone setzen Sie dem Ganzen mit der (gewollten?) Gleichsetzung zu Rosenbergs unsäglichem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ auf. Der wollte damit die Verbrechen der Nationalsozialisten in ein logifiziertes strahlendes Licht setzen. Sie diffamieren mit dieser Gleichsetzung den Widerstand gegen eine deutsche Diktatur! Absurder, unethischer, schändlicher geht es wohl nicht mehr?

Mit freundlichen Grüßen

Carl-Wolfgang Holzapfel

Vorsitzender

Süddeutsche Zeitung Nr.254, Seite 17  vom  4.November 2005

Der neue Mythos des 20. Jahrhunderts

Die Bundesrepublik soll gut dastehen, die Erinnerung an die DDR wird

abgewickelt: Über den konzertierten Versuch, die deutsche Geschichte

umzuschreiben

Die Vergangenheit, heißt es, ist ein fremdes Land.  Dort herrschen Sitten und Gebräuche haben, die Zugereiste nicht durchschauen. In dieses historische Irgendwo verflüchtigt sich auch die DDR. Für manche Menschen ist dieser Staat indes noch so präsent wie eh. Dazu zählen jene, die eingesperrt und verfolgt wurden und sich damit nicht stille abfinden können. Von der Bundesrepublik erhoffen sich diese Leute die Anerkennung ihrer Lage und Entschädigung für das, was sie zu DDR-Zeiten auszustehen hatten.

Das Gedenken ist indes‘ von der NS- Zeit besetzt. So ergab sich eine unschöne Konkurrenz. Wer von den Nazi-Taten spreche, so fanden manche Opfer der SED-Diktatur sowie ihre Fürsprecher in Politik und Gesellschaft, der solle von den Verbrechen in der DDR nicht schweigen. In den 90er Jahren feierte die Totalitarismustheorie Urstände, nicht obwohl sondern weil sie die Frage nach fundamentalen Unterschieden zwischen linken und rechten Diktaturen a priori mit Nein beantwortet: Stets handelt es sich um Totalitarismen. Dass Regime und Diktaturerfahrungen verschieden sind, lässt sich mit Totalitarismustheorie nicht darstellen. Mit ihr ist eine differenzierte Betrachtung der SED-Herrschaft nicht möglich. In der Arztausbildung entspräche dieser Ansatz der Beschränkung auf das Credo: Ich bin gegen Krankheit.

Da Fördermittel stets beschränkt sind, legten viele Mitglieder auf dem Feld der DDR-Erinnerungskultur es darauf an, das Gedenken der Nazi-Verbrechen zugunsten der Erinnerung an die SED-Taten zurückzudrängen. Das konnten sie nicht durchsetzen. Jetzt buhlen Museen, Gedenkstätten und Vereine um das Geld, das der DDR-Geschichte gewidmet ist.

Vor zwei Wochen ging es in Weimar hoch her. Die Stiftung Ettersberg hielt eine Tagung ab. Das Thema: „Der Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur“. Die wichtigsten Repräsentanten des DDR-Erinnerungswesens trafen hier zusammen, und die von der Geldnot provozierten Streitigkeiten in der Gemeinde der DDR-Opfervertreter traten offen zutage. So sagte Rainer Eckert, Mitglied der „Expertenkommission zu Schaffung eines Geschichtsverbundes ´Aufarbeitung der DDR-Diktatur´“, es gebe zu viele Mauer-Museen. Damit hat Eckert Recht.  Überhaupt gibt es zu viele unprofessionell organisierte Institutionen, die mehr aus Überzeugung denn mit didaktischer und historischer Kompetenz geführt werden. Keine will das Nachsehen haben, also schlägt man die „weniger wichtige“ Konkurrenz fürs Sparen vor.

Eckert tat es diplomatisch. Hubertus Knabe hingegen, der Leiter der Gedenkstätte Hohen-schönhausen, sagte Marianne Birthler ins Gesicht, ihre Behörde gehöre abgeschafft; die 100 Millionen Euro, die sie im Jahr bekomme, sollten andernorts verteilt werden. Aber Knabe hat die Rechnung ohne die Bürgerrechtler gemacht, die 1990 die Erhaltung der Stasi-Akten erzwangen. Die Behörde wird vorerst fortbestehen, den Leuten zuliebe, die wollen, dass die Akten – wie der Historiker Martin Sabrow es beschreibt – „ein lebendes Denkmal“ bleiben.“

Darüber hinaus wird von der DDR wenig übrig bleiben. Der kleine Staat gerät zunehmend in Vergessenheit, nicht nur bei Jugendlichen, die sagen, von Erich Honecker noch nie gehört zu haben, sondern auch in der gesamtdeutschen Geschichtsschreibung. Zwar gibt es viele spezialistische Detailstudien, aber in den Gesamtschauen wird die DDR zu einer Episode.

Auf der Tagung in Weimar gab Horst Möller, der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, den Ton vor, wie die DDR künftig historisch einzuordnen sei: Die Westdeutschen, so legte er dar, seien immer gegen den Kommunismus gewesen. Der „intellektuelle Kommunismus“ – Möller meinte marxistisch inspirierte Ansichten Intellektueller – habe „keine Realität“ besessen. Die RAF-terroristen könne man nicht als Kommunisten bezeichnen.

Der 17. Juni statt „Auschwitz“

Das klingt bizarr, ist aber ein Baustein des bundesdeutschen Mythos, der heutzutage von einem Teil der , mit Möller gesprochen, intellektuellen Bundesrepublik gebastelt wird. So wenig die Westdeutschen mit dem Kommunismus je am Hut hatten, so wenig sollen diesem Mythos zufolge die Ostdeutschen es gehabt haben. Zum Beleg dieser Ansicht werden die Aufstände vom 17. Juni 1953 zu einer gescheiterten Revolution umstilisiert. Der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach, Mitglied vieler historischer Kommissionen, zählt zu denen, die heutzutage den 17. Juni als eine missglückte Revolution betrachten: Faulenbach zufolge hätten die Ostdeutschen schon 1953 das Joch der SED-Diktatur abgeschüttelt und den Anschluss an den Westen gefunden – wenn nicht die Sowjetunion sie daran gehindert hätte.

Weder im  Westen noch im Osten, so geht der Mythos der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, habe der Kommunismus Anklang gefunden. Die DDR wäre folglich ein Unfall gewesen, für den die Deutschen nicht das Geringste können.

Nichts Neues gibt es unter der Sonne. Diese Deutung arbeitet mit den gleichen Argumenten, die einstmals dazu dienten, die Nazizeit wegzureden. Die Hitler-Clique ausgenommen, hatte es keine Nazis je gegeben, und die „zwölf  dunklen Jahre“ waren ein Betriebsunfall.

Bernd Faulenbach selbst gebrauchte in Weimar das Wort „Gründungsmythos“, als er über den 17. Juni sprach. Der Tag diene dazu, den bisherigen Gründungsmythos „Auschwitz“ zu ersetzen. Das ist indes lediglich ein Stein im großen Bauwerk, an dem einige deutsche Geschichtspolitiker sich derzeit versuchen. Nach dem, was im Land zu hören und zu lesen ist, ruht die Neue Deutung Unserer Geschichte auf vier Pfeilern:

1.        Die DDR wird zu einer Fußnote in der gesamtdeutschen Geschichte.

2.        Weil man die Bürger der DDR nicht abwickeln kann, werden sie – mit Ausnahme der schwarzen Schafe, die bei Frau Birthler registriert sind – zu unschuldig Beteiligten erklärt. Dies geschah schon bei der Einrichtung der ersten Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema DDR, von der Kommissionsmitglied Peter Maser erzählt,  man habe sich darauf geeinigt, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei, für die nicht die Bevölkerung die Verantwortung trage.

So nett das war von der Kommission, so falsch ist die Lehre, die daraus gezogen wird. Sie lautet: Die   Ostdeutschen waren gegen den Kommunismus. Wer das unterschreibt, darf sich heute einen guten Deutschen nennen. Wer hingegen daran erinnert, dass die meisten DDR-Bürger sich irgendwie in  und mit ihrem Staat einrichteten,  der gilt als Ewiggestriger. Gelten soll: Weil (fast) alle DDR-Bürger den Staat bekämpften, haben (fast) alle am Ende auch die Revolution gemacht. Dass die meisten Demonstranten und Bürgerrechtler, welche die Öffnung der Mauer tatsächlich erwirkten, gar nicht den Anschluss an den Westen und seine Marktwirtschaft suchten, wird heutzutage unterschlagen. Dass Michail Gorbatschow einen sehr wichtigen Anteil am Gelingen dieser „Revolution“ hatte, darf auch nicht mehr wahr sein.

3.        Weil die DDR diskreditiert ist, darf der DDR-Antifaschismus, den dieser Staat zu seinem Gründungsmythos machte, nicht mehr anerkannt werden. Der Antifaschismus wird als „Instrument zur      Legitimierung der SED-Herrschaft“ abgetan. Dass viele SED-Bonzen jahrelang in NS-Gefängnissen und KZs einsaßen und es mit dem Antifaschismus ernst meinten, fällt zunehmend unter den Tisch. Vergessen Wolf Biermanns Wort an Honecker, es bleibe „da ein Rest von Respekt: Es haben dich die verfluchten Faschisten elf Jahre in Brandenburg eingesteckt“. Umgekehrt wird die westliche Pädagogik – den Befunden der Bildungsforschung zum Trotz – in den Himmel gelobt. Die „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit im  Westen hält Joachim Gauck für gelungen. Westliche Jugendliche seinen tief in ihrem Gemüt von Verständnis erfüllt worden, die Schüler im Osten hingegen hätten lediglich Floskeln gelernt.

4.        So wie die DDR-Geschichte in der deutschen Geschichte aufgehen soll, so muss der „real-existierende Sozialismus“ der DDR im Kommunismus aufgehen. Das Thema der Tagung in Weimar – „Kommunismus in der deutschen Erinnerungskultur“ – gibt die Richtung vor.

Die Neue Deutung Unserer Geschichte sieht es so: Alle kommunistischen Regime waren erfolglos und so unwandelbar repressiv, dass am Ende auch die Theorie, das Werk von Marx und Engels, überführt ist.  So pauschal denkt zum Beispiel Horst Möller, der sagt, siebzig unglückliche Jahre kommunistischer Regime zeigten ja an, das mit der Idee selbst etwas nicht stimme. Sofern Möller hier als Historiker spricht, strebt er danach, das politisch Spezifische der DDR zum Verschwinden zu bringen.

Diese vier Punkte beschreiben die Ecksteine einer Geschichtsbetrachtung, die durchaus einflussreiche Leute sich für die Bundesrepublik wünschen. Das Wenige, das von der retouchierten Geschichte dann noch durch den Firnis stäche, wäre nicht weiter betrachtenswert. Es gibt einen  Betriebsunfall und eine Fußnote; und auf dem Dritten Weg sind Deutsche nie gewesen, immer nur auf dem rechten. Viele Opfer der SED-Diktatur und viele ehemalige DDR-Bürgerrechtler, die ihre Aufgabe jetzt darin sehen, Ersteren zu ihrem Recht zu verhelfen, nehmen diese Geschichtsdeutung leider hin.

Der ehemalige Bürgerrechtler Ehrhart Neubert hat die Lage seinesgleichen auf den Punkt gebracht: Sie seien „Wächter“, sagte er in Weimar, er kenne indes „viele, die wollten gar nicht aufarbeiten. Die wollten ganz andere Politik machen.“ Neubert spricht heutzutage nicht mehr davon, dass er einst ein Verfechter des Dritten Weges zwischen Sozialismus und Marktkapitalismus war. Und er sagt auch nicht, wie es denn kam, dass die Bürgerrechtler auf die Aufarbeitung der Vergangenheit verpflichtet wurden. Er sagt nicht, dass dies mehr oder weniger der abgesprochenen Strategie der Politiker um Helmut Kohl entsprach, die den Bürgerrechtlern von ihrer Macht nichts abgeben wollten und sie stattdessen ins ehrsame Reservat des Gedenkens delegierten.

Was Neubert nicht einfällt, sagt Markus Meckel. Einst Mitbegründer der SPD in der DDR, ist er heute SPD-Bundestagsmitglied. Es sehe doch jetzt so aus, sagt Meckel, „als ob die Ostdeutschen nur zwei Schilder malen konnten. Auf dem einen stand ´Wir sind das Volk´. Auf dem anderen: ´Wir sind ein Volk´. Den Rest haben kluge westdeutsche Politiker gemacht“.

FRANZISKA AUGSTEIN